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Erkenntnis im Wurmloch

Beat Balzli, Chefredaktor «Handelszeitung»
Beat Balzli, Chefredaktor «Handelszeitung»

Ein Jubiläum funktioniert nach ganz eigenen Gesetzen. Die Natur des Menschen verlangt nach Legenden und Gründungsmythen. Orientierung ist eben alles im Leben. Journalisten machen da keine Ausnahme.

Von Beat Balzli
2011-05-10

Die Suche nach dem Gründer und ersten Verleger der «Handelszeitung» hätte allerdings böse ins Auge gehen können. Reisen in die Vergangenheit gelten als ziemlich riskant. Physiker warnen vor instabilen Wurmlöchern, die eine Passage zwischen verschiedenen Bereichen der Raumzeit ermöglichen, aber jederzeit zusammenbrechen können. Und wer kennt nicht die traurigen Geschichten von besessenen Ahnenforschern, die im Heer ihrer Vorfahren nach mehr Glanz für die eigene Existenz suchen. Statt auf die erhofften Blaublüter und Genies stossen sie nicht selten auf Taugenichtse, Spinner oder mausgraue Durchschnittswesen.

Friedrich von Rothkirch enttäuscht nicht. Der deutsche Ex-Revolutionär mit Knasterfahrung, der gerne mal für Federvieh schwärmt, hat das Zeugs zur Kultfigur. Mit Begeisterung und Besessenheit gibt er zwischen  1861 und seinem Tod im Jahr 1886 die «Schweizerische Handelszeitung» heraus. Leistung aus Leidenschaft lebt Rothkirch, schon lange bevor Marketingstrategen grosser Bankkonzerne solche Sprüche für sich patentieren. Unter dem Pseudonym Friedrich von Taur lehrt er die Schweizer Wirtschaftselite das Fürchten. «Die Zahl der Gentlemen aus den Kreisen der Finanz, des Handels, der Bürokratie und selbst der Gelehrsamkeit, welche vor dieser scharfen Feder bangte, ist gross», lobt ihn damals die «Züricher Post». Die Kollegen von der «Neue Zürcher Zeitung» adeln ihn wenig später gar zum «grossen Rechenmeister und gefürchteten moralischen Zensor».

Die Deutungshoheit über die Inhalte gehört zum Kerngeschäft der Presse

Wie weit von Taur seiner Zeit voraus ist, verblüfft aus heutiger Sicht. Unaufhörlich predigt der überzeugte Liberale etwa gegen die Gehaltsexzesse im Management an. Die Boni, die zu seiner Zeit noch Tantiemen heissen, sollen nach seiner Meinung erst am Ende der Laufbahn ausbezahlt werden. Erst dann gebe es einen zuverlässigen Überblick über die Leistung.

Es braucht eineinhalb Jahrhunderte, um solche Erkenntnisse in neue Bonusregelungen einfliessen zu lassen – allerdings erst nach einer  ausgewachsenen Finanzkrise, die beinahe die Hälfte der Bankenpopulation dahinrafft und ganze Volkswirtschaften an den Abgrund führt.

Von Taurs Vermächtnis ist moderner denn je. Eine möglichst grosse Unabhängigkeit im Denken muss eine Wirtschaftszeitung wie die «Handelszeitung» heute prägen. Das erzeugt manchmal Gegendruck, den man aushalten muss. Die Deutungshoheit über die Inhalte gehört zum Kerngeschäft der Presse und darf nicht aus Opportunimus nach aussen delegiert werden. Die «Handelszeitung» begleitet die Wirtschaft mitunter kritisch. Das hat allerdings nichts mit Wirtschaftsfeindlichkeit zu tun, wie das gerne mal  missverstanden wird. Eine Wirtschaftszeitung muss loben und gleichzeitig das Handeln der Unternehmer unbequem hinterfragen, sonst setzt sie irgendwann ihre  Existenzberechtigung aufs Spiel.

150 Jahre sind eine lange Zeit – aber sie sind erst der Anfang

150 Jahre können ganz schön unübersichtlich sein. Volkswirtschaften blühen oder stürzen ein. Politiker predigen Globalisierung oder schliessen Grenzen. Börsen boomen oder brechen zusammen. Firmen fusionieren oder gehen pleite. Manager  kommen und gehen. Die «Handelszeitung» bleibt.

Aber 150 Jahre sind erst der Anfang. Mit einem verstärkten Redaktionsteam, einem neuen Layout, einem Fokus auf investigativen Hintergrundjournalismus und einer digitalen Offensive startet die «Handelszeitung» in eine vielversprechende Zukunft. Tradition bedeutet ja nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Damit steht die grösste Wirtschaftspublikation der Schweiz freilich nicht alleine da. Ein paar Dutzend Unternehmen schafften das beinahe biblisch anmutende Alter von 150  Jahren schon zuvor. Das Jubiläum der «Handelszeitung» ist Grund genug, um der härtesten Liga der Traditionsunternehmen endlich einen Namen zu geben. «Suite 150»  heisst eine von der «Handelszeitung» ins Leben gerufene Initiative der ältesten Firmen der Schweiz, die ihr Know-how an Jungunternehmer weitergeben wollen. Die Chefs von über 30 Firmen (siehe Kasten) – jede mit einer beeindruckenden Historie – haben bereits spontan ihr Mitmachen zugesagt. Jedes Jahr sollen es nun mehr werden.

«Suite 150» gleicht dem Querschnitt durch den ältesten Teil des Rückgrats der Schweizer Wirtschaft – geboren im Jahr 2011. Es gibt kaum vielversprechendere Zutaten für einen Gründungsmythos.

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