Wir haben da so eine Idee – könnt ihr uns dafür mal schnell was programmieren?» Die Mitarbeitenden von IT-­Abteilungen kennen diese Art von Anfragen. In vielen Unternehmen drücken sie ihren Kollegen aus den Fachabteilungen in solchen Fällen erst mal ein Antragsformular in die Hand.

Und dann wird ­genau geprüft, ob das digitale HR-Projekt, die kreative Digitalmarketing-Idee oder die Analyseaufgabe der Controller wichtig und erfolgversprechend genug ist, um Entwickler-Know-how hineinzustecken.

Softwareentwicklung im Eiltempo

Als die Mitarbeiterinnen des Freiwilligenmanagements beim Schweizerischen Roten Kreuz im März mit so einer Idee zu ihrem IT-Experten Thomas Imboden kamen, hatte auch der eigentlich gerade überhaupt keine Zeit: «Unser ganzes Webentwickler-Team war komplett davon absorbiert, neue Themenseiten rund um die Corona-Krise zu programmieren», erzählt Imboden.

«Wir waren voll ausgelastet.» Doch es war klar, dass das Projekt der Fachabteilung nicht warten konnte: «Die Kolleginnen brauchten schnell ein Tool, um digital Freiwillige zu rekrutieren und den Prozess zu steuern», sagt Imboden. «Viele Menschen meldeten sich bei uns und wollten helfen – und der Bedarf an ­Unterstützung war riesig.»

Also setzte sich Imboden eine Stunde lang mit seinen Kolleginnen zusammen, um eine Lösung zu finden. Weitere vier Stunden später stand die fertige digitale Anwendung online: ein Chatbot, der Freiwillige automatisiert durch einen Registrierungsprozess führt und ihre Daten gleich an die richtigen Stellen für ihren Einsatz weitervermittelt. Einen Grossteil der Arbeit an dem Tool hatten Imbodens Kolleginnen aus dem Freiwilligenmanagement dabei selbst ­gestemmt.

Ideengeber können direkt bei der Entwicklung mitarbeiten.

Möglich wurde die Softwareentwicklung im Eiltempo, weil das Team dabei auf eine sogenannte No-Code-Plattform zurückgegriffen hat – so konnten auch die Kolleginnen ohne IT-Kenntnisse direkt an der digitalen Lösung mitarbeiten. Denn No-Code steht für die Entwicklung von Softwareanwendungen ohne Programmierkenntnisse.

Anbieter solcher Plattformen versprechen: Mitarbeitende aus der Marketingabteilung, aus dem HR oder dem Controlling können sich Apps für die ­unterschiedlichsten Einsatzzwecke nach ­einem einfachen Baukastenprinzip selbst zusammenbasteln – auch mal ganz ohne Hilfe der IT-Abteilung.

IT-Abteilungen werden geschont

Dazu wählen sie aus vorprogram­mierten und zu Softwarebausteinen zusammengefassten Funktionen jeweils die passenden aus und fügen diese per Drag-and-drop auf einer übersichtlich gestal­teten Nutzeroberfläche zu kleinen Programmen zusammen.

Künstliche Intelligenz hilft den Softwarelaien, dabei keine logischen Fehler zu machen. «Wenn die Ideen­geber und Anwender direkt bei der Entwicklung eines digitalen Tools mitarbeiten können, geht es einfach viel schneller», fasst Imboden den aus seiner Sicht wichtigsten Vorteil des No-Code-Prinzips zusammen. Das entlaste auch chronisch überlastete IT-Abteilungen.

Solche Do-it-yourself-Apps sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden – vor allem bei Unternehmen, die eine Digitalisierung ihres Geschäfts gezielt vorantreiben und dabei auf crossfunktionale, agile Teams aus verschiedenen Fachbereichen setzen.

Low-Code-Plattformen

Zur Arbeitsweise solcher Teams passt es, sich die digitalen Werkzeuge für ihre Zusammenarbeit kurzerhand selbst zu bauen, erklärt Erik Graf, Professor für Data Engineering an der FH Bern. «Das Prinzip ist: lieber eine schnelle, pragmatische Lösung, die unser Pro­blem heute löst, als eine optimal abgestimmte, deren Entwicklung eine IT-­Abteilung Wochen oder Monate beschäftigt.»

Bei den Angeboten für Baukasten-Apps haben sich zwei Varianten herausgebildet: die reinen No-Code-Plattformen, die sich meist für eher einfache Anwendungen zur Lösung eines konkreten Problems eignen.

Und die sogenannten Low-Code-Plattformen, die zwar auch auf von Laien nutzbare einzelne Softwarebausteine setzen – die aber gleichzeitig professionellen Entwicklern die Möglichkeit geben, diese Bausteine weiterzuentwickeln und anzupassen. Dadurch sollen sich die Baukasten-Apps besser in bestehende IT-Strukturen inte­grieren lassen.

«In den USA experimen­tieren bereits viele Unternehmen mit No-Code-Anwendungen», berichtet Data-­Engineering-Professor Graf. «In Europa waren hingegen vor allem grössere Unternehmen lange eher zurückhaltend, solche Experimente zuzulassen.» Doch auch hierzulande steigt der Druck auf die IT-Abteilungen immer weiter, ihren Kollegen mehr Freiraum bei der Gestaltung eigener digitaler Werkzeuge einzuräumen.

Gefragt sind Apps für Konferenzräume

No-Code-Plattformen bieten ihre Dienste für solche sozialen Zwecke gerade oft umsonst an, um zu helfen und um populärer zu werden, beobachtet Data-Engineering-Experte Graf. So entstand etwa auf der No-Code-Plattform Airtable die von der Schweizerischen Eidgenossenschaft unterstützte digitale Initiative «Versusvirus», bei der 263 Hacker-Teams im April gemeinsam digitale Hilfsprojekte für die Corona-Krise entwickelten.

Aber auch etablierte Unternehmen in der Schweiz interessierten sich jetzt stärker für die pragmatischen digitalen Helfer, berichtet Graf. So sei sein Team an der FH Bern jetzt im Austausch mit Unternehmen, die vor der Krise eigentlich daran interessiert waren, komplexe Machine-­Learning-Anwendungen zu integrieren.

«Jetzt diskutieren diese Unternehmen mit uns darüber, wie man mithilfe von No-Code kleine Apps erstellt, um den Alltag zwischen Homeoffice und Büro besser zu organisieren», sagt Graf. Gefragt seien derzeit vor allem Anwendungen, mit denen sich die Belegung von Konferenzräumen, Kantinen und Büros besser steuern lässt. «In den meisten Firmen darf ja nur eine begrenzte Zahl an Mitarbeitenden ins Büro kommen, sonst können die Abstandsregeln nicht ­eingehalten werden.»

Wer in Echtzeit nachverfolgen kann, welche Mitarbeitenden sich in ­welchen Räumen aufhalten, kann die Sicherheitsregeln besser kontrollieren. Mit No-Code-Programmen stelle man so ein System innerhalb weniger Tage auf – und könne Kollegen aus dem HR direkt an der Entwicklung beteiligen, sagt Graf.

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