Richtig lange wird sich ­Lucas Brunner am Wochenende nicht ausruhen. Der IT-Hochschüler aus Sursee hält seinen Sleep-Modus bewusst knapp. Mit «zwei bis vier Stunden pro Nacht» kalkuliert er. Kurze Nächte gehören zwar zu den sinnstiftenden Ritualen der Adoleszenz. Doch Brunner, der 23-jährige ETH-Student, wird sich die Nächte nicht mit der üblichen ­Triole aus Vorglühen, Party und Afterparty um die Ohren schlagen. Nonstop-Net­flixing? Fehlanzeige. Brunner wird arbeiten. Wie ein Wahnsinniger, vierzig Stunden lang.

Zusammen mit 590 anderen Hackerinnen und Hackern. Unter den fassungslosen Augen der Öffentlichkeit ist es am Wochenende Zeit für den Hack Zurich, den grössten Hackathon Europas – ein Kofferwort aus «Hacken» und «Marathon». Der vierzig Stunden lange Programmier-Grossevent zieht junge Leute aus aller Welt an. Über 5600 Digi-Kids wollten dabei sein beim aktuellen Hack Zurich, einem Element des Digital Festival Zürich, nur knapp jeder Zehnte wurde zugelassen. Warum diese Faszination für ein Wochenende voller Arbeit? Was versprechen sich die Firmen von diesem Hackbraten? Und vor allem: Was wird hier, bitteschön, gehackt?

Hacken für eine gute Sache


In der Regel ist das Wort Hacken negativ konnotiert. Computersabotage, unerlaubtes Einschleichen ins digitale Herz von Firmen und Organisationen – das sind die ersten Assoziationen. Doch dabei geht es den Digi-Kids, die im Schnitt 24 Jahre jung sind, nicht. Sie wollen weder das Pentagon noch die SBB lahmlegen und sich auch nicht unerlaubten Zugriff zu den Steuerdaten von Sursee verschaffen.


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Das Wort Hack ist heute dem Sprachschatz der digitalen Bohème zuzuschreiben, es steht für einen technischen Kniff, für einen unerwarteten Zugang zu einer Problemlösung. Genau darum geht es den Teilnehmenden. Und darum geht es auch renommierten Firmen wie Zurich Insurance und Swisscom, Credit Suisse, SBB oder Swiss Re, die an diesem internationalen Programmier- und Innovations-Gross­event die frische Denke der Generation Y und Z anzapfen wollen.

16 Probleme sollt ihr lösen

Insgesamt 16 Problemstellungen bringen die Blue-Chip-Firmen zum Hack Zurich mit. In der Regel stellen Swisscom, ­Siemens und Co. den Jungtalenten Daten zur Verfügung, die bisher unstrukturiert in den Rechenzentren bereitlagen – und die nun zum Acker der Hacker werden.
 Der Industriekonzern Siemens etwa wünscht sich, dass das Hacker-Heer Ideen entwickelt, um mittels Bilderkennung und Machine Learning Bahngleise zu digita­lisieren und damit sinnvoller zu erfassen.

Swisscom hofft auf die Kreation eines «intelligenten Eventportals», das Nutzern einen Überblick über regionale Events zeigt.
Sobald sich die üblicherweise zwei- bis vierköpfigen Hackerteams gefunden haben, rattern die Laptops los. Was sich ­Firmen wünschen: dass die Digital-Kids bis zum Schluss der Veranstaltung einen Prototyp ihrer Lösung vorstellen. Eine ­Lösung, die im Datensilo der auftrag­gebenden Firma so nicht hätte entstehen können.


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Zugang zu frischen Ideen – und Talenten

«Junge wilde Programmiertalente gehen unbeschwert und unverbindlich ans Werk und bringen dabei eine Denkweite mit, wie wir sie in der Firma nicht haben», sagt Roger Wüthrich-Hasenböhler, Chief Digital Officer von Swisscom. Man stosse an Hacka­thons auf «überraschende neue Ansätze ausserhalb der üblichen Corporate-Schemen».

So sieht es auch Philipp Spaeti, Chief Technology Officer bei IBM Schweiz: «Dank den Challenges gewinnen wir in kurzer Zeit neue und interessante Ideen.» Und da sei noch etwas, was es für Firmen zu gewinnen gebe, sagt Spaeti: «Zudem halten wir uns bei wichtigen Akteuren in Erinnerung und im Gespräch.» Ein Hackathon, könnte man zugespitzt sagen, ist eine Mischung aus externem ­Innovationslabor und Realtime-Jobmesse.

Letzterer Aspekt sei bei Swisscom nicht ­unwichtig, so Digitalchef Wüthrich-Hasenböhler: «Für uns spielen auch Überlegungen aus dem Employer Branding mit: Wir lernen junge Talente kennen und können ihnen unser Unternehmen und unsere Projekte prä­sentieren.»

Was ein Hackathon bringt – und was nicht


Viel Geld müssen die Hack-Zurich-Partnerunternehmen, zu denen auch Oracle, der Zoo Zürich oder der Krankenversicherer CSS gehören, nicht in die Hand nehmen. Auf einen «kleinen fünfstelligen Betrag», summiert es Swisscom-Manager Roger ­Wüthrich-Hasenböhler; der Schweizer ­Telekomkonzern ist 2019 bereits zum vierten Mal dabei am Hack Zurich.
 Mit Gründungsdatum 2014 war der Hack Zurich früh dabei im Konzert der Hack-­Veranstaltungen.

Mittlerweile gehört es bei kleinen und grossen Firmen zum guten Ton, sich für eine beschränkte Zeit in digitaler Frischblutzufuhr zu üben. Universitäten und Grossfirmen führen in zunehmendem Masse Hackathons durch, nächstes Jahr etwa will sich Novartis per «Novartis ­Quantitative Science Academia-to-Industry ­Hackathon» mit neuem Gedankengut in­fizieren.

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Sind die Olympischen Spiele des Programmierens ein Heilbringer für lendenlahme Firmen? Oder ein Hype, der schneller vorbei ist, als irgendjemand «Hack yourself» sagen kann? 
Georg von Krogh, Innovationsforscher an der ETH Zürich, glaubt an Ersteres: «Das Phänomen Hackathon ist meiner Meinung nach da, um zu bleiben.» Brandneu seien die Programmiermarathons nicht, sagt von Krogh, «sie stammen aus der Open-Source-/Open-Data-Szene der 1990er Jahre».


Während die meisten teilnehmenden Firmen den Lerneffekt rühmen, der sich durch Austausch von Know-how und Ideen ergibt, haben Hackathons aber auch ihre Grenzen: Ein Hackathon sei nicht «die Geburtsstätte für das ‹next billion dollar thing›», sagt etwa Jonathan Isenring, 29, Mitgründer und Geschäftsführer des Hack Zurich, «es ist die Arena, in der erste Prototypen entwickelt werden, welche aber anschliessend zuerst validiert und dann zu einem Produkt weiterentwickelt werden müssen».

So sieht es auch Swisscom-Digitalchef Wüthrich-Hasenböhler: «Dass man an einem Hackathon gleich das nächste grosse Ding präsentiert bekommt, wäre sicher übertrieben und unrealistisch. Aber es ist nicht selten, dass wir einzelne Ansätze der vorgestellten Prototypen intern aufgegriffen und weiterentwickelt ­haben.» Wobei Hack-Zurich-Chef Isenring Wert auf ein wichtiges Detail bezüglich des geistigen Eigentums legt: «Das Copyright liegt beim Hackerteam.»


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Programmierleistung: 3 Millionen Franken


Insgesamt, rechnet Isenring, wird sich am Hack Zurich eine Computing-Power von «über 20 000 Stunden Coding» kumulieren. Eine Leistung, die man auf dem freien Markt bei einem Programmierer-Stundenlohn von 150 Franken für rund 3 Millionen Franken einkaufen müsste. 
Finanziell aber sind die Preise, die es am Hack Zurich in zwanzig Feldern zu gewinnen gibt, tief dotiert, etwa 500 Franken pro Kategorie.

Persönliche Bereicherung scheint Hackern nicht wichtig zu sein. Es sei, sagt Isenring, «wie ein Ironman-Wettbewerb. Viele wollen hier einfach mal mit dabei sein. Oder gleich mehrmals.» ETH-Innovationsprofessor Georg von Krogh sieht es ähnlich: «Den meisten Teilnehmern geht es darum, einen guten Ruf in der Community zu haben, etwas zu lernen von talentierten Kollegen und ein konkretes Problem lösen zu können.» 


Immerhin ist die Unterkunft kostenlos für die Coding-Marathoniken. Und die von nah und fern angereisten Hackerinnen und Hacker werden für ihre Reisespesen entschädigt. Multiteilnehmer Lucas Brunner, gestählt durch fünf bisherige Hacka­thons, nennt eine weitere Spezialität des Hack Zurich: «Man wird gut und reichlich verpflegt.» Fünf Mahlzeiten pro 24 Stunden, «fürstlich». Und der zehnte Kaffee ­irgendwann nach Mitternacht, freut sich Brunner jetzt schon, «haut dann so richtig rein».