Schon als Bub wollte Alain Garcia Kampfpilot werden. Abheben bei 140 Dezibel, mit doppelter Schallgeschwindigkeit durch die Wolken brechen, Manöver in 20 Kilometer Höhe fliegen und Bodenziele mit Fernlenkraketen per Knopfdruck erfassen – das war sein Traum.

Mit 28 Jahren, Uni-Abschluss in der Tasche und Absolvent der US-Navy-­Pilotenschule, wurde sein Traum schneller wahr als gedacht: «Kurz vor 9/11 wurde ich auf den Flugzeugträger Kitty Hawk nach Japan geschickt. Von dort ging es in die Einsätze nach Afghanistan und in den Irak

Stationiert auf dem letzten konventionell statt nuklear betriebenen Flugzeugträger der US-Marine brachte Garcia – Codename «Ming» – als einer der Top-15-US-Piloten seines Jahrgangs den modernsten Boeing-Kampfjet F/A 18 in die Luft – und die Raketen im Mittleren Osten auf den Boden. «Ein voller Erfolg», schwärmt er noch heute, «wir haben in Kampfhandlungen keinen einzigen Piloten verloren.»

Posterboy der Boeing-Kampagne

Heute kämpft Alain «Ming» Garcia am Verhandlungstisch. Für Boeing soll er dafür sorgen, dass die Schweiz die F/A-18 Super Hornet kauft. Und nicht Eurofighter, Rafale oder F-35. Garcia ist der Posterboy der Boeing-Kampagne in der Schweiz und in Finnland.

Mit seiner Frau Melanie Moon, die Anchorwoman bei einem TV-Sender in St. Louis, Missouri, war, lebt er nun in Helsinki. Von dort aus betreut Garcia die Schweiz als Verkaufschef für die vierzig F/A-18 Super Hornets, die Bern für 6 Milliarden Franken beschaffen könnte.

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Das Ja zur Investition kam am 27. September vom Schweizer Stimmvolk. Das Ja zum Typenentscheid Super Hornet soll der Kampfpilot nun als Boeing-Frontma­nager bei Verteidigungsministerin Viola Amherd einholen.

Landet er nicht in der Schweiz, könnte Garcia andernorts abheben. Denn ganz verstaut hat er die Kampfmontur noch nicht. Er vermisst das Fliegen. «Ich bin mit meinem Arbeitgeber darüber im Gespräch, für die USA wieder ins Cockpit zu steigen.»

Leidenschaft fürs Kampffliegen

Allerdings nicht in Vollzeit. Denn ganz wird Boeing den Kadermann nicht ziehen lassen. Seine Leidenschaft fürs Kampffliegen ist eines der grössten Trümpfe für den US-Lufttechnik- und Rüstungsriesen. Und er hat Verkaufstalent. So konnte er mit seiner Top-Gun-Expertise die Super Hornet in einem Milliardendeal bereits an Kuwait verkaufen.

Nun steht der Abschluss in der Schweiz an: Im November muss die zweite Offerte mit sämtlichen Details zum Business Case auf dem Tisch von Amherd liegen. Garcia war dafür kürzlich bei den obersten Armee-Einkäufern in Bern zu Besuch. «Wir haben unsere Offerte und unsere Offset-Angebote der Armasuisse unterbreitet.»

Die stärksten Argumente: Mehr als hundert Schweizer Firmen würden bereits mit Boeing kooperieren, die Ruag zum Beispiel liefere Teile für die Super Hornet. Gut 60 Prozent der Kampfjetinfrastruktur in der Schweiz für die überalterte F/A-18-Flotte könnten weiter genutzt werden, schwärmt Garcia.

Alain Garcia Kampfjets Boeing Portrait

Alain Garcia, Lieutenant Commander, Vertriebschef in der Schweiz und in Finnland für Boeing-Kampfjets.

Quelle: Tatu Lertola
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Der Umstieg für die Schweizer Piloten von der alten Boeing-Maschine auf die neue Super Hornet wäre viel einfacher als auf ein Modell anderer Hersteller. Und die Betriebsstunde einer Super Hornet sei mit 18'500 Dollar deutlich günstiger als die Jets der Konkurrenten.

Kein Vertrag ohne Gegengeschäfte

Ausreichend direkte Offsets zusammenzubekommen, wie die Schweiz das verlangt, wird für den Luftwaffenoffizier dennoch nicht einfach sein. Das VBS will Gegengeschäfte im Wert von 1,2 Milliarden Franken sehen. Sprich: Schweizer Unternehmen sollen im direkten Zusammenhang mit der Kampfjetproduktion in dieser Höhe beauftragt werden. Sonst gibt es keine Unterschrift unter den Vertrag.

Weitere 40 Prozent – 2,4 Milliarden Franken – sollen Aufträge an Schweizer Unternehmen sein, die nicht direkt mit der Herstellung der Super Hornet zu tun haben. Beispielsweise im Bereich der Zivilluft- und Raumfahrt oder was Boeing sonst noch in seinem Produktionsprogramm zu bieten hat. Beide Ziele sind noch nicht erreicht, «aber wir sind auf dem besten Weg dahin». Es ist ein Feilschen wie auf dem Bazar. Nur geht es nicht um Teppiche, sondern um Bordcomputer und Lenkwaffen.

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Wenn es um Taktik und Technik geht, findet Boeing-Manager Garcia überzeugendere Worte. Der Lieutenant Commander, was hierzulande dem Rang eines Majors entspricht, kennt den Flieger aus dem Effeff. Was jetzt verkauft werden soll, sei die Super Hornet Block III, die technisch hochgezüchtete Version im selben Stahlkleid jenes Fliegers, den Garcia im Kampfeinsatz geflogen hat.

Der Kampfjet kann in der Luft betankt werden, ist nicht nur für Hoch­geschwindigkeitsmissionen, sondern auch für langsame Flüge durch die Alpen gut – voll mit Sensoren, Tarntechnologie und programmierbaren Manöversequenzen, dekliniert Garcia durch.

Bestes Preis-Leistungs-Verhältnis 

Und wendig genug und tauglich für den Nachteinsatz wie im Irak-Krieg sei sie auch. «Wir sind mit Nachtsichtgeräten geflogen, der Feind hat aus vollen Rohren auf uns geschossen.» Eine surreale Situation sei es gewesen, erinnert sich Garcia, als ihm die feindlichen ­Raketen wie Feuerpfeile um die Ohren ­flogen.

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Ein solches Szenario ist im Fall der Schweiz unwahrscheinlich – und Tarntechnologie sei für die Schweizer Landesverteidigung nicht oberste Priorität, gesteht Garcia. Doch der Boeing-Jet habe seiner Ansicht nach das beste Preis-­Leistungs-Verhältnis: vierzig Flieger für 6 Milliarden Franken. Punkt.

Die Schweizer Offizierswelt ist da­rüber gespalten: Einerseits wäre der US-Kampfjet ein fähiges Gerät. Andererseits würde die Schweiz einen wesentlichen Teil der Kontrolle abgeben. Die USA behalten im Gegensatz zu den europäischen Anbietern von Rafale und Eurofighter die Hoheit über Software und Elektronik.

Nostalgie fürs Fliegen

Wie auch immer die Typenwahl ausgehen wird, Garcia bleibt die Erinnerung an seine Kampfeinsätze und die Erfahrung als Kampagnenmanager für einen der grössten Rüstungskonzerne.

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Am Finger trägt er einen dicken Silberring mit eingraviertem Propeller-­Emblem. «Meine Kollegen und ich tragen bis heute diesen Ring.» Gekauft haben den seine Geschwaderkollegen für lumpige drei Dollar, aber dafür ist der Ring von unschätzbarem Wert ­– ein Symbol für ihren Korpsgeist.

Klar, streift er das Ding nie mehr vom Finger. Ausser wenn er wieder in eine Hornet steigt. Bei einem kurvenreichen Einsatz drücke der Steuerknüppel zu stark auf den Ring. «Mit dem Risiko, dass die Hand blau anläuft.» Garcia kennt die Tricks, wie man den Ernstfall im Boeing-Kampfjet unbeschadet überlebt. Nun muss er dafür sorgen, dass er seinen Flieger auch heil auf Schweizer Boden bringt.

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