Was denken Schweizer Stimmbürger nach dem Ja zur «Abzocker-Initiative» über Managerlöhne? Dieser Frage ging das Forschungsunternehmen Demoscope im Auftrag von Hostettler, Kramarsch & Partner nach. Das Resultat: Zwar erachten 75 Prozent der Befragten eine Lohnobergrenze bei Schweizer Firmen für sinnvoll. Dennoch wollen lediglich 47 Prozent, dass diese vom Staat gesetzt werden soll.  Darüber hinaus betrachten 64 Prozent der Befragten überrissene Bonuszahlungen als Systemproblem - und nicht als Einzelfälle.

Nichtsdestotrotz glauben 79 Prozent, dass leistungsabhängige Löhne zu besonderem Einsatz am Arbeitsplatz führen. Ein Salär mit variablen Bestandteilen möchten jedoch nur 42 Prozent. Stefan Hostettler, Chef von Hostettler, Kramarsch & Partner nimmt im Interview Stellung zur Zerissenheit der Schweizer. 

Das Schweizer Stimmvolk stimmte im März der Abzocker-Initiative zu. Nun zeigt Ihre Umfrage, dass seither nur noch eine Minderheit der Ansicht ist, dass der Staat die Vergütungen reglementieren soll. Wie war dieser Meinungsumschwung möglich? 
Stefan Hostettler: Die Schweizer Bevölkerung scheint der Ansicht zu sein, dass Unternehmen und Politiker nach dem Ja zur Abzocker-Initiative der Ausschüttung von überrissenen Gehältern Einhalt gebieten. Dieses Gefühl hat die emotional aufgeladene Debatte beruhigt. 

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Sie wollen also damit sagen, dass die Abzocker-Initiative als «Beruhigungspille» wirkte?
Schweizer Unternehmen - insbesondere Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder und die Politik nehmen die Minder-Initiative sehr ernst. Aktionäre haben vom Stimmvolk den Auftrag erhalten, zwingend über Vergütungspakete bei börsenkotierten Firmen abzustimmen. Das geschieht oder wird demnächst geschehen. Zudem geht die Bevölkerung davon aus, dass die Salärpolitik in Zukunft gerechter sein wird. Daher ist die Abzocker-Initiative weit mehr als nur eine Beruhigungspille für das aufgebrachte Volk. 

Der Meinungsumschwung ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass überrissene Boni ein Systemproblem unserer Gesellschaft sind.
Dieses Ergebnis hat mich auch überrascht. Dies ist jedoch seit vier Jahren so, seit dem Start der Umfrage. 

Wie kann denn so ein Gefühl überhaupt entstehen? 
Die breite Bevölkerung kann Saläre im hohen einstelligen oder sogar zweistelligen Millionenbereich nur schwer nachvollziehen oder akzeptieren - egal in welcher Branche diese ausgeschüttet werden.

Wie lässt sich dieses Gefühl beseitigen?
Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte stehen in der Pflicht. Sie müssen einfachere, transparentere und gemässigtere Lohnsysteme entwickeln, welche das Aktionariat und die breite Öffentlichkeit nachvollziehen kann.

Obwohl die Bevölkerung hohe Boni nicht versteht, glauben die Befragten, dass ein leistungsabhängiger Lohn die Mitarbeitenden zu höheren Leistungen anspornen. Ein Widerspruch.
Es geht um Existenzängste und Planungssicherheit. Mitarbeitende mit tieferen Einkommen erachten variable Lohnbestandteile für die Sicherung ihrer Existenz als Gefahr. Wir stellen aber fest, dass diese Angst in höheren Gehaltsstufen zunehmend verschwindet. Im Kern wird aufgrund der Umfrage variable Vergütung als motivierend angeschaut. 

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Ihre Umfrage fällt in den heissen Abstimmungsherbst. Welche Rückschlüsse lassen sich in Bezug auf die 1:12-Initiative ziehen - zumal eine überwältigende Mehrheit der Ansicht ist, dass eine Lohnobergrenze notwendig ist?
Es ist richtig, dass eine Lohnobergrenze vom Stimmvolk gewünscht wird. Dies war jedoch schon seit Jahren so. Andererseits wollen, wenn offen gefragt wird, nur gerade 5 Prozent, dass dabei ein Bezug zum Mindestlohn hergestellt wird. 

Somit bleibt die 1:12-Initiative chancenlos? 
Nein. Die Initiative hat seine Befürworter und geniesst in der breiten Öffentlichkeit Sympathien. Daher ist es die Pflicht der Wirtschaft und der Politik, auch auf Gefahren der Initiative hinzuweisen. 

Und welche wären das?
Die «1:12»-Initiative ist in wichtigen Punkten unklar. Doch wären die Auswirkungen wohl grösser als bei der Minder-Initiative. Die wahrscheinlichen Folgen: Ausfälle bei Steuern und  Sozialversicherungen und weitreichende Verschiebungen im Lohngefüge. 

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Stefan Hostettler ist seit 2002 als Unternehmer und Berater tätig. Der promovierte Betriebswirt als derzeit Delegierter des Verwaltungsrates und Managing Partner des Beratungsunternehmens Hostettler, Kramarsch & Partner.