Im Gegensatz zu einem traditionellen reinen Aktienportfolio summieren sich für ein 130/30-Portfolio die Käufe definitionsgemäss zu 130 und die Leerverkäufe zu 30%. Der Netto-Investitionsgrad ist damit in beiden Fällen 100%, aber die Summe der Bruttoanlagen beträgt beim 130/30-Portfolio eben 160%. Dies erregt den Eindruck einer Hebelwirkung. An dieser letzten Eigenschaft scheiden sich die Geister.

Für die Befürworter dominieren die Vorteile. Im Gegensatz zu traditionellen Portfolios würden die Leerverkäufe dem Manager erlauben, auch negative Meinungen zu Einzeltiteln ins Portfolio einfliessen zu lassen. Und da ihm 160% des Kapitals zur Umsetzung seiner aktiven Wetten zur Verfügung stehen, verbessert sich das Potenzial zur Erzielung einer positiven Überrendite weiter.

Angst vor zusätzlichen Risiken

Die Skeptiker hingegen sorgen sich um die zusätzlichen Risiken, welche Leerverkäufe ins Portfolio bringen. Sie weisen darauf hin, dass der Einsatz eines höheren Bruttokapitals unweigerlich zu einem höheren Risiko führen müsse. Ausserdem beunruhigt sie die vielzitierte, mit den Leerverkäufen verbundene unbeschränkte Haftung (da der Preis im Prinzip ins Unendliche wachsen könnte). Die Skeptiker sehen deshalb einen untauglichen Versuch, Hedge-Fonds durch die Hintertür doch noch salonfähig zu machen.
In Wirklichkeit übersehen beide Seiten wohl einige wesentliche Punkte. Die aktive Vermögensverwaltung bleibt ein Nullsummenspiel (vor Kosten), ob sie nun in der Form von traditionellen oder 130/30-Produkten ausgeübt wird. Der durchschnittliche Manager wird mit beiden Produkten nicht erfolgreich sein. Zudem erfordert die erfolgreiche Anwendung von Leerverkäufen ein hochstehendes Risikomanagement sowie eine gewisse Erfahrung, welche vielen traditionellen Managern abgeht. Es wäre also völlig verfehlt anzunehmen, dass der Einsatz eines 130/30-Produktes automatisch zu besseren Resultaten führt. Im Gegenteil, wegen der höheren Kosten dürfte nur eine kleine Minderheit wirkliche Zusatzrenditen erarbeiten. Es ist gewiss kein Zaubertrank, welcher mittelmässige Manager plötzlich zu Stars macht.

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Höhere Renditen sind möglich

Aber das 130/30 -Produkt ist auch kein Hedge-Fonds. Es hat kein absolutes Renditeziel, sondern sucht, wie traditionelle aktive Produkte, den relevanten Index seines Anlageuniversums zu schlagen. Der Hauptunterschied besteht in der Wahl der Mittel. Der Einsatz von Leerverkäufen kann dabei, für Manager mit entsprechendem Können, durchaus zu höheren Renditen führen. Die entscheidene Frage lautet also: Sind wir in der Lage, glaubwürdige Anbieter zu finden mit qualitativ hochstehenden, fokussierten Ressourcen? Wenn ja, ist die Beimischung dieser Produkte zum Portfolio durchaus sinnvoll, da sie zu einer verbesserten risikoadjustierten Gesamtrendite beitragen kann.

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Rolf Banz, Chief Investment Architekt, Pictet Asset Management, Genf.