Bucher ist bislang - sieht man vom Knick im letzten Quartal 2008 ab - ohne grosse Blessuren durch die schwierige konjunkturelle See gesegelt. Wird es dieses Jahr so weiter gehen, obwohl Analysten plötzlich schwarz sehen?

Philip Mosimann: Es war nicht zu erwarten, dass wir jedes Jahr um 20% oder mehr wachsen können, selbst wenn die Finanzkrise nicht eingetreten wäre. Dass wir im 4. Quartal 2008 einen starken Rückgang des Auftragseingangs hinnehmen mussten, hängt mit einer grossen Verunsicherung der Kunden zusammen. Das geht auch an uns nicht spurlos vorbei.

Viele Unternehmen leiden unter dem hohen Schweizer Franken. Bucher auch?

Mosimann: Wir sehen uns mit Währungsschwankungen in einem Ausmass konfrontiert, das seinesgleichen sucht. Das britische Pfund hat allein in der Periode von Oktober bis Dezember vergangenen Jahres 24% an Wert verloren, die schwedische Krone 17%. Auch der Euro und der Dollar waren am Jahresende sehr schwach. Dies erschwert den Export aus der Schweiz und belastet die Konkurrenzfähigkeit.

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Betreiben Sie keine Währungsabsicherungsgeschäfte?

Mosimann: Unser Hedging sichert vor allem den Cashflow ab. Bilanzpositionen hingegen schützen wir nicht vor Währungsschwankungen. Zudem sind die einzelnen Divisionen unterschiedlich exponiert.

Könnten Sie dies an einem konkreten Beispiel erläutern?

Mosimann: Wir machen einen rollenden Forecast der Geldströme in den einzelnen Währungen. Den Nettobetrag pro Währung sichern wir dann ab. Die Bilanzpositionen werden per Stichtag 31. Dezember in Schweizer Franken umgerechnet. Dies gilt für Liegenschaften und Werkzeugmaschinen, aber auch für Debitoren. Nehmen wir als Beispiel eine Liegenschaft in England, die am 31. Dezember 2008 mit 1 Mio Pfund in den Büchern der englischen Tochter steht. Sie ist dann in Schweizer Franken in der Konzernbilanz wegen des Verfalls des Pfunds 25% weniger wert. Die Differenz von 250000 Fr. geht als Währungsverlust in die Erfolgsrechnung 2008.

Wie hat sich Bucher nach dem Rekordjahr und guter Aufstellung auf den Abschwung vorbereitet?

Mosimann: Pessimisten haben in der jetzigen Zeit Hochkonjunktur. Wir entwickeln Szenarien mit Massnahmen, die wir dann rasch ergreifen können.

Worauf basieren diese?

Mosimann: Sicher nicht auf dem Börsenkurs, denn der wird zurzeit von irrationalen Motiven getrieben. Unsere Szena- rien basieren einerseits auf unserer langfristigen, industriellen Strategie und anderseits auf den notwendigen kurzfristigen operativen Massnahmen. So werden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht gekürzt und der langfristige Ausbau der Vertriebsorganisationen auch nicht. Wir glauben an die Fundamentals unserer Märkte - nach jeder Krise gibt es auch wieder einen Aufschwung. Den wollen wir sicher nicht verpassen.

Welche Massnahmen treffen Sie kurzfristig?

Mosimann: Wir müssen unsere Kapazitäten dem Auftragseingang rasch anpassen, wenn dieser bis zu 15% oder mehr einbrechen sollte. Die Massnahmen reichen vom Abbau des Temporärpersonals, Kompensation der Gleit- und Überzeiten sowie Ferien, Kurzarbeit bis hin zu Entlassungen.

Wie entwickeln sich die einzelnen Geschäftsbereiche von Bucher?

Mosimann: Der Markt für Landmaschinen ist robust. Das Wachstum der Bevölkerung, sich ändernde Essgewohnheiten mit höherem Konsum von Fleisch- und Milchprodukten sowie der Trend zu gesunden Nahrungsmitteln werden weitergehen. Saubere sowie schnee- und eisfreie Verkehrswege, der Konsum von gesunden Fruchtsäften und gutem Wein, qualitativ hochstehende Getränkeverpackungen aus Glas sowie energieeffiziente hydraulische Antriebslösungen von Maschinen werden nicht verschwinden. Deshalb haben wir selbst in der Finanzkrise die Bereiche Landmaschinen und Hydraulik verstärkt.

Sie sprechen den norwegischen Konzern Kverneland an?

Mosimann: Ja, indem wir die Rundballenpressen übernehmen konnten. Aber auch der Ausbau von Bucher Hydraulics in den USA. Beide akquisitorischen Ausbauschritte basieren auf der langfristigen industriellen Strategie und nicht mit Blick auf das 1. Quartal 2009 während der Finanzkrise.

In den vergangenen Jahren investierten viele Bauern in neue Technologien, um am Biotreibstoff-Boom zu partizipieren. Nun stellt sich diese Idee der erneuerbaren Energie als Rohrkrepierer heraus, weil sie in der Zweiten und Dritten Welt zu Nahrungsmittelverknappung geführt hat.

Mosimann: Die Preise bei Mais und Weizen wurden spekulativ aufgeblasen, nicht zuletzt dank wenig umsichtigen westlichen Regierungen, die von unrealistischen Anteilen erneuerbarer Energien geblendet waren. Dies hat die armen Länder hart getroffen. Auch diese Blase ist mittlerweile geplatzt und die Preise sind wieder im langfristigen Trend. Der Schlüssel zum Erfolg der erneuerbaren Energien zweiter Generation liegt darin, aus allen pflanzlichen Reststoffen Bio-energie herstellen zu können, die nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren. Wenn dies gelingt, so werden wir eine vernünftige Balance zwischen Nahrungsmittelproduktion und der Gewinnung erneuerbarer Energien erreichen.

Und bei Emhart Glass? Verdrängt Plastik nicht zusehends die Glasbehälter?

Mosimann: Das war früher so, aber jetzt erleben wir eine Renaissance der Glasbehälter aus mehreren Gründen. Die PET-Branche kämpft nach wie vor mit dem Hauptproblem der gesundheitlichen Schädigung der Konsumenten. Das Prob- lem der Lösungsmittel und der krebserregenden Partikel, die von Plastikflaschen in das Getränk und von da in den Körper des Menschen dringen, wird bewusst nicht öffentlich thematisiert. Die Glasflasche ist gesundheitlich unbedenklich und wird von Konsumenten als qualitativ hoch angesehen. Im letzten Jahr hat sich das Wachstum der PET-Behälter im Vergleich zu früher abgeschwächt und dasjenige der Glasbehälter hat zugelegt. Beide liegen nun etwa gleichauf.

Was auffällt: Bucher investiert unentwegt. Werden da einfach neue Produktionskapazitäten erstellt, die später wieder zurückgefahren werden müssen?

Mosimann. Wir hatten wegen des hohen Wachstums der vergangenen Jahre einen erheblichen Nachholbedarf. Die Investitionen wurden sowohl für Rationalisierungen als auch für den Ausbau der Kapazitäten gemacht. Hinzu kommt, dass das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Emhart Glass mit 30 Mio Fr. eine Investition in die Entwicklung von Produkten und Herstellprozessen darstellt. In Krisenzeiten wie in Boomjahren muss man aufpassen, nicht zu viele Fehler zu machen, wobei die Gefahr in den Boomzeiten sicher grösser ist. Ich denke, wir haben einen vernünftigen Mix gefunden und sind für die Krise wie auch für die nächste Aufschwungswelle vorbereitet.

Woher soll die ersehnte Erholung denn kommen?

Mosimann: Unsere Hauptmärkte sind Westeuropa und Nordamerika, unsere grössten Wachstumsmärkte liegen in Osteuropa, Brasilien und Asien, insbesondere China. Die Wachstumsmärkte sind von der Finanzkrise stark betroffen, werden sich aber auch wieder erholen. Ich traue den USA auch zu, dass sie die Krise überwinden werden, selbst wenn das länger dauern sollte. Der Abbau der in der Finanzkrise weiter erhöhten Schuldenberge wird uns alle noch lange beschäftigen.

Wie laufen die Geschäfte von Bucher in Asien?

Mosimann: Neben Emhart Glass sind Bucher Process und Bucher Hydraulics gut aufgestellt. China ist der weltweit grösste Hersteller von Apfelsaftkonzentrat. Zudem investiert das Land in seine Infrastruktur. Davon profitierte Bucher Hydraulics bei den Baumaschinen und in der Energietechnik, Bucher Municipal mit der Lieferung von über 100 Grosskehrfahrzeugen nach Bangkok. Der Agrarsektor von Japan ist der grösste Markt für unsere Landmaschinen.

Und wie sehen Sie - angesichts dieser Ausgangslage - die Aussichten für 2009?

Mosimann: Die Prognosen sind - angesichts der sattsam behandelten Finanzkrise - äusserst unsicher. Wir verfolgen die Marktentwicklung sehr genau, um rechtzeitig zu reagieren. Finanzierungsschwierigkeiten der Kunden sowie weitere Währungsschwankungen könnten den Geschäftsgang belasten. Das gilt auch für die bereits angesprochenen tieferen Steuereinnahmen und Finanzierungsprobleme von privaten Unternehmern. Bei den Fruchtsaftanlagen erwarten wir weniger Grossprojekte. Das Zuliefergeschäft von Bucher Hydraulics wird auch vom Lagerabbau zusätzlich betroffen werden. Andererseits: Der solide Auftragsbestand und die Akquisitionen dürften die Umsatzentwicklung stützen. Trotzdem erwarten wir für das laufende Jahr einen Konzernumsatz unter dem Vorjahr und ein tieferes Betriebs- wie Konzernergebnis.

Bucher droht aber noch eine andere Kaltfront. Wenn das Steuersubstrat sinkt, werden die Investitionen in das andere von Ihnen angesprochene wichtige Standbein höchstwahrscheinlich nicht grösser, im Gegenteil: Die Rede ist von den Kommunalfahrzeugen.

Mosimann: Saubere Städte und sichere Verkehrswege sind fast wie ein Grundbedürfnis geworden. Das Thema Littering darf nicht vergessen werden und ist heute eines der wichtigsten Standortmarketing-Argumente. Saubere Städte garantieren für mehr Tourismus und erhöhen zumindest das Gefühl von mehr Sicherheit. Und gerade jetzt in der Krise können die Städte mit Projekten zur Erneuerung der Kehrfahrzeugflotte einen Beitrag zur Stützung der Konjunktur und für den Umweltschutz leisten. Denn neue Kehrfahrzeuge machen weniger Lärm und haben tiefere Emissionen.