Die «Basler Zeitung» hat den «European Newspaper Award» gewonnen, ist also die schönste Regionalzeitung Europas. Und in der Schönheitsbranche ist Magersucht bekanntlich Programm. Ihr Inseratevolumen jedenfalls ist von Januar bis Mai um 20% geschrumpft. Was nach viel tönt, ist im Konkurrenzumfeld aber fast schon ein gutes Resultat. Worauf führen Sie das zurück?

Matthias Hagemann: Darauf, dass wir seit gut einem Jahr unsere Inserate in Eigenregie vermarkten. Unsere Mannschaft ist extrem gut und extrem am Ball.

Also würden Sie dasselbe rückblickend wieder machen?

Hagemann: Ja. Das war nicht einfach, aber es war ein guter Entscheid.

Bei den Rubrik- und den Stelleninseraten ist der Einbruch massiver, 35% respektive 45%. Auch hier sind andere zwar noch schlechter dran - doch werden gerade diese Inserate auch bei einer Erholung und trotz Eigenregie kaum wieder zurückgeholt werden können, weil sie ins Internet abwandern.

Hagemann: Die qualifizierten Stellen werden sich schon wieder erholen, glaube ich. Hier liefert Print die besseren Resultate als online. Ob die weniger qualifizierten Stelleninserate in vollem Umfang zurückkommen, ist langfristig unsicher.

Und was tun Sie dagegen? Besteht Ihre gesamte Online-Strategie darin, sich an die Zürcher Tamedia anzuhängen? Hagemann: Unsere Online-Strategie ist beschränkt auf unsere Region. Wir müssen sehen, dass wir hier das beste Newsangebot haben, das nicht von einem Aussenstehenden unterlaufen werden kann. Darüber hinaus ist es regional sehr schwer, onlinemässig etwas zu machen, das wirklich Geld bringt.

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Was bringt es regional, sich an ein Schweizer Netz zu hängen? Ein Basler kauft kein Auto in Chur.

Hagemann: Die Zusammenarbeit mit Tamedia bringt uns ein gutes inhaltliches Angebot. Und ich gehe davon aus, dass Newsnetz dieses Jahr in die schwarzen Zahlen kommt. Das ist schon viel, verglichen mit den meisten Online-Aktivitäten der Zeitungsverlage.

Tamedia-Chef Martin Kall sagt, bis 2013 werde die Tamedia 25% ihres Gewinnes online generieren. Auch für die «BaZ» eine realistische Einschätzung?

Hagemann: Nein. Tamedia fährt eine na-tionale Online-Strategie und eine Nummer-1-Strategie. Für sie ist Newsnetz nur ein Teil des Ganzen. Diese Chancen haben wir nicht.

Also tun Sie nichts?

Hagemann: Es ist weltweit nichts wirklich Stringentes in Sicht. Die Zeitungsbranche wird durch die strukturelle Krise bedroht. Die News wandern ins Netz, und die Nutzer gewöhnen sich daran, dass sie dort gratis sind. Nur kostet ihre Herstellung immer noch Geld, Geld das nicht verdient wird, weil auch die Rubrikinserate ins Netz gehen. Mit anderen Worten: Die Printmedien haben ein Geschäftsmodell, das stark unter Druck kommt - und sie haben noch keinen Ersatz dafür.

Aber sie haben eine Lösung: Kosten sparen, Stellen abbauen, Redaktionen ausdünnen. Und die Qualität?

Hagemann: Wir haben 2003 schon einen ähnlich grossen Abbauschritt in der Redaktion gemacht. Danach ist die Zeitung wirklich besser geworden. Mit dem aktuellen Abbau kann die Qualität der «BaZ» immerhin gehalten werden. Aber wir haben diesen Schritt ja nicht aus Qualitäts-, sondern aus Kostenüberlegungen machen müssen: Jetzt muss man einfach sparen. Und alle, die aus ihren wissenschaftlichen Elfenbeintürmen proleten, man müsse nur kreativer sein, dann gäbe es schon Lösungen, die haben einfach keine Ahnung von Ökonomie im Verlagswesen.

Aber Sie schon - Sie sind ja Jurist.

Hagemann (lacht): Inzwischen bin ich seit vielen Jahren im Geschäft.

Sie sagten, die «Basler Zeitung» sei besser geworden. Trotzdem hat sie 20% Leser verloren seit 2006.

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Hagemann: Das ist keine Frage der Qualität, sondern der Überschwemmung des Marktes mit Gratiszeitungen. Täglich gibts vier, fünf, vor kurzem noch sechs Gratiszeitungen in diesem engen, überschaubaren Raum.

An denen Sie durchaus auch beteiligt sind.

Hagemann: Ja, mit gutem Grund. Aber das ganze Gratiszeitungswesen ist grundsätzlich nachteilig für eine Abozeitung. Wir hoffen, dass diese Flut wieder auf ein vertretbares Mass zurückgeht. Ein erster Schritt ist gemacht: «.ch» ist weg. Das habe ich mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Die Idee, eine Gratiszeitung in die Briefkästen - also unsere ureigenste Domäne - zu verteilen, war aggressiv. Jetzt sind aufgrund der hohen Verluste der Investoren alle potenziellen Nachahmungstäter wirkungsvoll abgeschreckt.

Da Sie Ihre Beteiligung an der Gratiszeitung «News» von Tamedia ausschliesslich eingingen, um «.ch» auszuhungern, könnten Sie jetzt aussteigen - immerhin bringt «News» Verluste, im Gegensatz zu «20 Minuten», an dem Sie aber nicht beteiligt sind.

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Hagemann: Wir hatten die Idee, dass «News» der «BaZ» hilft mit Kombinseraten. Die Krise hat das vorerst verhindert. Es ist deshalb klar, dass wir «News» intern genau beobachten - wie alle verlustreichen Geschäfte.

Apropos Verluste: Den grössten Verlust bei den «BaZ»-Lesern ist bei jüngeren Männern mit tiefer bis mittlerer Schulbildung zu verzeichnen. Da ist die «BaZ» wohl zu elitär.

Hagemann: Abozeitungen sind per definitionem ein wenig elitär. Sie sprechen immer nur etwa 50% der Bevölkerung an, nämlich die, die lesen können und es auch wollen. Dazu kommt auch die Technologieaffinität der jüngeren Generation - die gehen eben online für die Infos. Das ist aber auch unsere Chance: Indem wir regionale Inhalte schaffen und diese nicht auf dem Netz anbieten, sondern ausschliesslich gegen Entgelt in der Zeitung.

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Regionalstrategie heisst auch, redaktionelle Kräfte zu bündeln. Wieso machen Sie selber einen Inland- und Auslandteil, weshalb überregionale Wirtschaft? Weshalb kaufen Sie dazu keinen Mantelteil?

Hagemann: Das ist neuerdings auch für uns eine reale Option geworden, wenn wir noch weiter sparen müssen. Da müssen wir uns künftig sicher Kooperationen überlegen. Wie andere auch.

Da es keine regionalen Kooperationspartner gibt, bleiben nur die überregionalen.

Hagemann: Richtig. Aber es gibt nicht nur die Redaktionen. Es gibt auch das Backoffice, die IT, das Abowesen, die Inserateakquisition. Bis jetzt sind wir immer nur reversible Kooperationen eingegangen - das wird in Zukunft möglicherweise anders sein und muss deshalb wohl überlegt werden.

Es gibt ja im Inland nicht so viele mögliche Partner: Ich wüsste die Tamedia, die AZ-Medien von Peter Wanner und die «NZZ».

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Hagemann: Ich wüsste in der Schweiz auch keine anderen. Es gibt aber noch das Ausland.

Ein ausländischer Partner für die «BaZ»?

Hagemann: Wir schliessen nichts aus. Wir führen Gespräche.

Mit der Tamedia sind Sie schon verbunden, und auch die «NZZ» hat in einem «Handelszeitung»-Interview Interesse angedeutet am 37%-Anteil, den die PubliGroupe an der «BaZ» hält und verkaufen möchte. Können Sie beeinflussen, an wen dieses Paket verkauft wird?

Hagemann: Selbstverständlich. Wir sind in konstruktiven Gesprächen mit PubliGroupe und suchen eine Lösung. Zudem wird niemand in der Branche einen solchen Anteil kaufen wollen, ohne in einem guten Einvernehmen mit uns zu sein. Das würde ja gar keinen Sinn machen. Da muss man sich wohl fühlen.

Es hiess auch schon, Sie und die Familie selber würden sich die Option offenhalten, diesen Anteil zu kaufen.

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Hagemann: Das wäre möglich. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation der Branche steht diese Option nicht im Vordergrund.

Also nochmal: Selbstständigkeit ist kein Selbstzweck mehr?

Hagemann: Selbstständigkeit im Sinne von Splendid Isolation ist vorbei. Das geht den meisten so. Das ist eine Tatsache.

Schreiben Sie im Moment rote Zahlen?

Hagemann: Der Abschluss, den wir Ende August vorlegen, bildet die zwölf schlechtesten Monate aller Zeiten ab. Und so wird auch das Resultat: Es wird rot.

Für wie lange?

Hagemann: Auch wenn das kommende Jahr noch schlechter wird, werden wir 2010 wieder schwarze Zahlen schreiben. Wir haben massive Sparmassnahmen umgesetzt - etwa 20% des Gesamtaufwandes -, die sich 2010 auswirken werden.

Soll das Familienunternehmen dereinst an die nächste Generation weitergehen?

Hagemann: Wenn ich diese Vorstellung nicht hätte, gäbe es keinen Grund, nicht zu verkaufen. Aber Prognosen lassen sich in der heutigen Welt auf diese Zeitdauer nicht machen.

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