Ausser im Kanton Zürich haben in der gesamten Schweiz die Sommerferien mittlerweile begonnen. Können auch Sie sich eine Auszeit leisten?

Peter Rothwell: Das kann ich, aber nicht vor Ende Juli. Ich gehe wieder vor Kroatien segeln. Ich miete für meine Frau und meinen Sohn ein Segelboot.

Für wie lange?

Rothwell: Wenn alles nach Plan verläuft, dann werden es zwei Wochen. Der Vorteil von Kroatien ist, dass es nahe liegt. Es dauert wohl länger, vom Boot ans Land zu kommen, als von dort nach Zürich zu fliegen.

Apropos Fliegen: Wie ist Kuoni bei den Buchungen in diesen Sommer gestartet?

Rothwell: Aus meiner Perspektive nicht so, wie ich es gerne hätte. Aber wir haben einige positive Signale. Der Juli 2010 sieht viel stärker aus als der Juli 2009. Das ist beruhigend, weil der Juli extrem wichtig für uns ist.

Weshalb?

Rothwell: Weil der Juli unsere Hauptreisezeit ist. Er ist besonders wichtig in der Schweiz, aber noch viel wichtiger in Skandinavien, wo wir auch noch im Massengeschäft tätig sind.

Wie viel Ihres Erfolgs hängt vom Juli ab?

Rothwell: Mit Blick auf die Umsatzrendite für die Gruppe erzielen wir einen wesentlichen Teil unserer Profitabilität im Juli.

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Es sollte eigentlich leicht fallen, im Juli 2010 besser zu sein als im Juli 2009.

Rothwell: Das letzte Jahr war natürlich schwierig. Aber wir sind froh, dass sich das wirtschaftliche Umfeld beruhigt hat.

Welche Feriendestinationen ziehen bei den Schweizern in diesen Sommerferien?

Rothwell: Vor allem die Länder in der Euro-Zone. Wir verzeichnen starke Buchungen für die Kanaren, die Balearen oder Zypern. Aber auch Italien läuft gut, das in den letzten Jahren nicht mehr so populär war. Sogar Griechenland zieht wieder an, obwohl es infolge der Unruhen gelitten hat.

Griechenland? Das überrascht.

Rothwell: Für Griechenland gibt es jetzt sehr attraktive Angebote. Da es nach den negativen Schlagzeilen im Mai einen Nachfragerückgang gab, konnten wir die Preise nachverhandeln. Heute kann man zur Hochsaison für unter 1000 Fr. pro Person eine Woche in einem guten Hotel auf einer griechischen Insel verbringen.

Welche Destinationen leiden?

Rothwell: Ägypten etwa, aber das Land lief letztes Jahr sehr gut. Tunesien ebenfalls, so wie viele nahe liegende Länder ausserhalb der Euro-Zone. Doch alles in allem sehen wir für die Sommerferienzeit mit Flügen aus der Schweiz höhere Buchungseingänge als vor einem Jahr.

Wie lautet nach der Halbzeit Ihre Prognose für das gesamte Geschäftsjahr 2010?

Rothwell: Diese geben wir nicht ab, solange wir das Juli-Ergebnis nicht kennen. Zusammen mit dem 1. Halbjahr können wir dann abschätzen, wie das ganze Jahr tendenziell aussehen wird. Vor Mitte August kann ich keine Prognose machen.

Stand heute scheinen Sie aber zuversichtlicher als vor einem Jahr.

Rothwell: Ja. 2009 befanden wir uns um diese Zeit mitten in einer Abwärtsspirale. Parallel zur Wirtschaftskrise kam die Schweinegrippe. Heute spricht niemand mehr davon. Damals waren wir besorgt, da wir nicht wussten, was passieren würde. Die Aussichten waren nicht gut. 2010 hat sich dies substanziell verändert, obwohl sich noch lange nicht alle Leute wirtschaftlich besser fühlen. Doch im Vergleich zum letzten Jahr ist die Konsumentenstimmung nun deutlich erfreulicher.

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Doch auch das 1. Halbjahr hatte es in sich.

Rothwell: Wir wünschten, wir hätten ein leichteres Jahr. Natürlich haben wir 2010 besser erwartet als 2009 - vor allem dann die 2. Hälfte. Ich glaube, das ist nach wie vor richtig. Doch die 1. Hälfte war anspruchsvoller, als wir gedacht haben. Aber es waren ausschliesslich externe Faktoren: Unruhen in Thailand oder Griechenland, Sparmassnahmen der EU-Staaten und vor allem die Vulkanaschewolken aus Island. All diese aussergewöhnlichen Einflüsse konnte man nicht vorhersehen und beeinflussen, doch sie haben nachweislich einen negativen Effekt auf unseren Geschäftsgang; inklusive der Fussball-WM. Solche Ereignisse verändern das normale Reiseverhalten. Als Folge dessen verschieben die Kunden ihre Buchungen. Das macht es für uns schwierig, korrekte Annahmen zu treffen.

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Wie lässt sich bislang das 2. Halbjahr an?

Rothwell: Wir sehen nicht die gleiche Unbeständigkeit wie im 1. Halbjahr. Doch Gewissheit hat man nie. Als Reisekonzern sind wir politischen und geografischen Ereignissen sowie Naturgewalten sofort ausgesetzt. Solche Dinge haben ihre Konsequenzen. Viele davon gehören zu unserem täglichen Geschäft. Doch die Reisebranche hat im 1. Halbjahr mehr als erwartet davon abbekommen. Wir haben uns ursprünglich ein etwas entspannteres Geschäftsjahr 2010 erhofft.

Zum Buchungsstand für das laufende Jahr hat sich Kuoni letztmals vor drei Monaten geäussert. Damals lag die Gruppe etwa auf Vorjahresniveau. Und heute?

Rothwell: Vor der Veröffentlichung des Halbjahrergebnisses Mitte August nennen wir keine neuen Zahlen. Die Trends sind jedoch unverändert.

Für die letzten vier Wochen vor dem damaligen Stichtag im April gab Kuoni für die Gruppe ein Plus von 3% bekannt ?

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Rothwell: ? und zweistellige Wachstumsraten für Skandinavien und Grossbritannien. Das ist korrekt.

Die Schweiz verzeichnete indes ein Minus von 8%. Hält auch dieser Trend an?

Rothwell: Das Geschäft im Heimmarkt bleibt zwar schwierig, aber wir erkennen, dass die Sommerferien gut gebucht sind. Auch für die Herbst- und die Weihnachtsferien sehen wir mehr Buchungen. Juli, Oktober und Dezember sind hierzulande unsere wichtigsten Monate und diese Buchungseingänge sehen gegenüber den Vorjahresperioden positiv aus.

2009 ist Kuonis Reingewinn von 151 auf 1,6 Mio Fr. gefallen. Wo landen Sie 2010?

Rothwell: Wir haben noch keine Guidance abgegeben. Wir sehen viele Analysten-Schätzungen. Diese kommentieren wir nicht, bevor wir den Juli kennen. Aber es gibt eine sehr grosse Streuung.

Diese reicht bei den Gewinnprognosen für 2010 aktuell von 8 bis 48 Mio Fr.

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Rothwell: Die Analysten-Berechnungen sind sehr unterschiedlich, da wir erst mit den Halbjahreszahlen für das ganze Geschäftsjahr Angaben machen.

Kuoni wird also auch in diesem Geschäftsjahr einen Profit abliefern?

Rothwell: Wir hatten schon im schwierigen 2009 ein positives Ergebnis. Wir wollen uns 2010 substanziell verbessern. Doch das 1. Halbjahr hat dies durch die genannten äusseren Einflüsse erschwert.

2009 haben Sie den Sparhebel vor allem beim Personal angesetzt. Es gab Massnahmen von unbezahltem Urlaub über Kurzarbeit und Lohnverzicht bis hin zum Stellenabbau. Wie steht es 2010?

Rothwell: Solche Massnahmen kann man leider nie ausschliessen. Aber sie sind 2010 nicht vorgesehen, da dieses Jahr nicht annährend so schwierig ist wie letztes Jahr. Auch weil unsere Kostenbasis für 2010 nachhaltig besser ist. Wenn wir dadurch den Umsatz dorthin zurückbringen, wo er vor 2009 war, dann werden wir wieder deutlich profitabler sein.

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Ende Oktober 2009 hat Kuoni eine Anleihe herausgegeben, die bis Ende Oktober 2013 läuft. Wie entwickelt sich diese?

Rothwell: Der Bond ist für Kuoni eine gute Sache: 200 Mio Fr. zu 3%. Die Anleihe war in nur 40 Minuten ausverkauft. Der Wert liegt zurzeit über dem Ausgabepreis.

Wofür benötigen Sie das Geld?

Rothwell: Wir haben noch eine Reihe von Akquisitionen in der Pipeline. Wir können diese zwar noch nicht kommentieren, aber wir arbeiten weiter an Zukäufen.

Noch in diesem Geschäftsjahr?

Rothwell: Ja. Et-China ist ein solcher Zukauf. Laut unserem Übernahmeangebot brauchen wir dafür 82 von 200 Mio Fr., über die wir dank der Anleihe nun verfügen. Zusätzlich erwirtschaften wir Free Cash. Wir haben also die Mittel dazu.

Kuoni ist 2009 in den chinesischen Markt eingestiegen und hat sich bislang mit 33% an Et-China beteiligt. Anfang Juni haben Sie angekündigt, dass Sie dieses Reiseunternehmen zu 100% übernehmen. Wieso?

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Rothwell: Wir sind sicher, dass der gesamte chinesische Markt mit seinem enormen Potenzial für unsere Zukunft längerfristig sehr wichtig wird.

Inwiefern?

Rothwell: Et-China hatte 2009 über 1,4 Mio Passagiere und betreibt momentan 160 Reisebüros. Et-China ist zwar noch nicht viel grösser als unsere Schweizer Ländereinheit, aber bereits grösser als jede andere unserer Ländereinheiten - gemessen an den Kunden. Darüber hinaus sind die Wachstumsraten von Et-China gewaltig. Wir erwarten zweistellige Zuwächse. Daher wollen wir Et-China vollständig kaufen.

Wie einfach wird die Übernahme für Sie?

Rothwell: Technisch gesehen ist es leicht. Wir machen ein Angebot für die Aktien, die am Alternative Investment Market in London notiert sind. Kulturell gesehen ist es herausfordernd, vor allem auch sprachlich. Allerdings betreiben wir in Hongkong seit Jahren eine erfolgreiche Geschäftseinheit mit lokalem Management. Wir haben also bereits Einblicke und Erfahrung.

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Macht Ihnen Et-China niemand streitig?

Rothwell: Kein westlicher Reisekonzern steigt zurzeit in China ein, so wie wir dies tun. Selbstverständlich gibt es im Land selbst einen grossen Wettbewerb unter den Reiseveranstaltern. Das Gute an Et-China ist, dass sie Marktführer in der südchinesischen Provinz Guangdong sind. Sie haben vor Ort Manager, die wissen, was sie tun. Trotzdem denkt man bei Et-China, dass wir als globales Unternehmen ihnen auch etwas bringen können.

Wieso eine Firma, die nur eine Gegend Chinas abdeckt?

Rothwell: Die Provinz Guangdong ist der liberalste, am besten entwickelte und lukrativste Markt in China. Dort gibt es in den beiden grössten Städten Guangzhou und Shenzhen mehr Millionäre als in den Wirtschaftsmetropolen Peking und Schanghai. Es sind Hotspots des chinesischen Wohlstands. Für den Anfang ist es der richtige Ort mit der richtigen Grösse.

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Wie sicher sind Sie, dass Sie den Deal wie geplant im 3. Quartal unter Dach haben?

Rothwell: Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber so sieht es unser Zeitplan vor.

Werden Sie Et-China in Ihren Büchern konsolidieren und wie viel bringt dies?

Rothwell: Wir werden Et-China konsolidieren, sobald die Übernahme vollzogen ist. Dies bringt uns einen Nettoerlös von etwas mehr als 300 Mio Fr. mit einer noch relativ geringen Profitabilität. Wir übernehmen Et-China aber nicht wegen der heutigen Umsatzrendite, sondern wegen der Wachstumsperspektiven.

Welche Hürden müssen Sie noch nehmen?

Rothwell: Letztendlich müssen die Aktionäre von Et-China zustimmen.

Zudem wollen Sie eine Outbound-Lizenz vom Staat, damit sie die Chinesen für ihre Ferien ins Ausland bringen dürfen?

Rothwell: Sie befindet sich bereits im Besitz von Et-China. Sobald wir die Firma besitzen, können wir als erster Reiseanbieter aus dem Westen eine Outbound-Lizenz nutzen. Wenn alles planmässig verläuft, dann geschieht auch das noch 2010. Parallel dazu lancieren wir die Marke Kuoni.

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Warum ist dies so wichtig?

Rothwell: Die Dimensionen, in denen die Chinesen heute schon reisen, und die Dimensionen, wie viel sie dafür ausgeben, sind unglaublich. Zum Beispiel geben sie auf ihren Auslandsreisen im Schnitt für Zollfrei-Einkäufe über 1000 Fr. pro Person aus. Sie alle kaufen also hochpreisige Designerwaren. Wir hoffen, künftig daran teilhaben zu können. Kuoni mit seiner 104-jährigen Tradition, Qualität und Swissness bietet genau das, was die Chinesen kaufen wollen. Wenn sie 5000 Fr. für eine Markenuhr ausgeben, was sie häufig tun, dann ist es kein Problem für uns, hochwertige Reisen im Premiumsegment zu verkaufen.

Bisher ist die Marke Kuoni in China einzig in der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong präsent, um ausländische Touristen vor Ort zu betreuen.

Rothwell: Das ist korrekt.

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Wollen Sie die Marke Kuoni noch in diesem Jahr in China lancieren?

Rothwell: Ich glaube nicht, dass dies möglich sein wird. Aber wir wollen die Marke Kuoni in China schneller lancieren, als wir es in Indien getan haben. Dort haben wir zehn Jahre gewartet. Meiner Meinung nach hätten wir dies früher tun sollen.

China soll für Sie folglich eine Erfolgsgeschichte werden wie Indien, wo Kuoni die absolute Nummer ein ist.

Rothwell: Ja. In Indien haben wir seit unserem Markteintritt vor 14 Jahren nie Geld verloren. Wir sehen China durchaus als unser neues Indien. Das Tempo unserer Anlaufzeit in China wird aber viel höher.