Wenn man der Geschichte glaubt, sollte 2011 ein ausgezeichnetes Börsenjahr werden. Denn ein Jahr vor den US-Präsidentschaftswahlen 2012 unternimmt die Regierung traditionell grösste Anstrengungen zur Konjunkturankurbelung.

Peter Bänziger: Tatsächlich spricht viel dafür, dass 2011 ein gutes Börsenjahr wird. Wir stützen unsere Prognose allerdings primär auf die Bewertungen der Aktienmärkte und sehen auch nach der jüngsten Aufwärtsbewegung weiteres Potenzial nach oben. Die ganze Verschuldungssituation in Europa und in den USA wird aber immer wieder für negative Schlagzeilen sorgen und wahrscheinlich auch zu vorübergehenden Korrekturphasen an den Aktienmärkten führen.

Negative Schlagzeilen erwarten Sie 2011 offenbar auch bei Triple-A-Staatsanleihen von westlichen Ländern. Ihre Firma spricht von «hoch riskanten» Anlagen.

Bänziger: Die Rendite einer Obligation wird von mehreren Faktoren beeinflusst: Den Inflationserwartungen, dem Realzins sowie der Laufzeiten- und der Kreditprämie. Nicht alle mit Triple-A eingestuften Staatsanleihen sind bezüglich des Kreditrisikos hoch riskant. Dennoch könnten Anleger bald einmal von US-Staatsanleihen höhere Zinsen fordern, dies angesichts des Verschuldungsgrads und des Budgetdefizits. Das Gleiche gilt für die noch sehr gut eingestuften Staatsanleihen von EU-Ländern wie Deutschland oder Frankreich, denen durch die EU-weite Schuldensozialisierung ebenfalls eine Verschlechterung der Bonität droht.

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Und hinzu kommt dann noch der Kursdruck durch steigende Zinsen?

Bänziger: Wir glauben tatsächlich, dass die Zinswende schon eingetreten ist, sodass lang laufende Anleihen ein ungünstiges Chancen-Risiko-Verhältnis aufweisen.

Wenn schon Staatsanleihen, dann solche von Schwellen- statt Industrieländern?

Bänziger: Von der Verschuldungssituation her sind die Schwellenländer zwar in einer besseren Ausgangslage. Aber sie weisen trotz des hohen Wirtschaftswachstums immer noch Budgetdefizite auf. Wenn dieses Wachstum unerwartet deutlich zurückgeht - zum Beispiel wenn die Inflationsbekämpfung in China stark konjunkturdämpfend wirkt -, könnten Schwellenländer-Obligationen eine Korrektur erleiden. Trotzdem fliesst nach wie vor viel Geld in die Emerging-Markets-Obligationenmärkte. Einige Länder geben bereits Gegensteuer, denn sie wissen, wie schnell dieses «heisse Geld» wieder abfliessen und damit massive Probleme verursachen kann. Wir würden daher empfehlen, Gewinne in dieser Anlagekategorie schrittweise zu realisieren.

Sie sehen also die Gefahr einer Spekulationsblase, die 2011 platzt?

Bänziger: Nein, von einer Spekulationsblase würde ich bei Schwellenländer-Anleihen noch nicht sprechen. Aber Risikofaktoren werden ausgeblendet. Dazu zählen neben den erwähnten Konjunkturaussichten auch mögliche politische Risiken.

Sie empfehlen, nicht auf Staatsanleihen von Schwellen- und Industrieländern zu setzen, sondern auf Firmenobligationen. Droht dort mit der Konjunkturverlangsamung, vor allem im Euro-Raum, nicht eine Verschlechterung der Kreditqualität?

Bänziger: Das Gegenteil ist zurzeit der Fall: Die Bilanzqualität hat sich dank vorgezogenen Refinanzierungen und der sehr guten Gewinnsituation der Unternehmen deutlich verbessert. Dies führt erstmals seit langem zu einer höheren Anzahl Herauf- und nicht Herabstufung von Ratings von Firmenanleihen. Selbst wenn die Wachstumsraten in Europa leicht zurückgehen - was angesichts der jüngsten deutlichen Verbesserungen in den USA alles andere als sicher ist -, dürfte die gute Ertragslage der Unternehmen anhalten.

Sind diese Erwartungen nicht bereits eingepreist? Die Kurse von Firmenanleihen hatten doch bereits einen sehr guten Lauf.

Bänziger: Das ist wahr. Bei den spekulativen Hochzins-Anleihen ist zwar die Zeit der ausgeprägten Schnäppchen vorbei, aber sie sind immer noch historisch günstig, sodass sich hier weiterhin Kurspotenzial eröffnet. Anleihen im Investmentgrade-Bereich haben von der Bewertung her zwar nicht mehr so viel Raum nach oben, bieten aber natürlich weiterhin eine höhere laufende Verzinsung als Staatsanleihen. Ein gewisses Risiko bergen die Firmenanleihen allerdings, weil im Unternehmenssektor 2011 die Übernahmetätigkeit lebhaft bleiben wird.

Nochmals zurück zu Staatsanleihen: Die EU ist mit allen Mitteln entschlossen, die Euro-Krise einzudämmen. Ist es Zeit, auf Anleihen der Euro-Peripherie zu setzen?

Bänziger: Das Resultat der EU-Massnahmen ist noch nicht absehbar - möglicherweise ist es entweder sehr gut oder ganz schlecht. Das «Best Case»-Szenario ist meines Erachtens das folgende: Die Europäische Zentralbank, kurz EZB, stützt durch ihre Käufe von Staatsanleihen die potenziell gefährdeten Länder, die noch nicht unter den Rettungsschirm geflüchtet sind. Schafft sie es, eine Stabilisierung herbeizuführen, werden die Investoren von sich aus diese Obligationen kaufen, um von der höheren Rendite zu profitieren und ihre Untergewichtung in dieser Anlagekategorie zu korrigieren.

Und das «Worst Case»-Szenario?

Bänziger: Schafft es die EZB nicht und der Anleihenmarkt eines grossen Landes wie Spanien bricht ein, sodass es «gerettet» werden müsste, bräche wahrscheinlich der ganze Rettungsschirm auseinander. Eine Schuldenrestrukturierung wäre unumgänglich. Mittelfristig führt für einige Länder ohnehin kein Weg daran vorbei.

Dementsprechend: Soll man weiterhin einen hohen Portfolioanteil in Gold als «Krisenversicherung» halten?

Bänziger: Ja, denn das Gold ist im Moment nicht nur Krisenversicherung, sondern es profitiert auch vom Rohstoffhunger der Schwellenländer. Allerdings weist das Gold mit der steigenden Hortung durch ETF langsam, aber sicher Anzeichen einer Blasenbildung auf. Dasselbe gilt auch für Goldminenaktien.

Wie sieht es mit dem Franken als «sicherem Hafen» aus?

Bänziger: Der Franken ist mittlerweile klar überbewertet: Basierend auf Kaufkraftparitäten sehen wir den angemessenen Kurs bei 1.20 zum Dollar und 1.43 zum Euro. Kurzfristig könnte es daher eine Gegenbewegung geben. Mittelfristig aber wird der Franken wahrscheinlich stark bleiben.

Sollten Franken-orientierte Anleger daher mittel- und langfristig ihre Fremdwährungspositionen konsequent absichern?

Bänziger: Swisscanto bietet währungsgesicherte Fonds an, wo dies für private und/oder institutionelle Anleger Sinn macht - nämlich bei Fremdwährungsobligationen, weniger dagegen bei Aktien. Aber ehrlich gesagt: Angesichts der sehr deutlichen Unterbewertung von Euro und Dollar würde ich heute die Fremdwährungen nicht mehr absichern und allenfalls bestehende Hedges zwischenzeitlich gar auflösen. Ich würde Absicherungen im Dollar erst wieder zwischen 1.00 und 1.10 und solche im Euro zwischen 1.30 und 1.35 vornehmen.

Was heisst die übertriebene Euro- Schwäche für europäische Aktien?

Bänziger: Die schwache Gemeinschaftswährung begünstigt Exporteure aus dem Euro-Raum. Allerdings haben sich Euro-Aktien letztes Jahr stark unterschiedlich entwickelt. Und die relative Stärke der Aktienmärkte, zum Beispiel jene von Deutschland und Schweden verglichen mit jenen von EU-Peripherieländern, dürfte anhalten. Die Peripherieländer haben aber ihren Tiefstpunkt hinter sich. Angesichts des immer noch sehr tiefen Kursniveaus - der italienische MIB-Index steht weniger als halb so hoch wie vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 - kann man sich ein Engagement in italienischen Aktien überlegen. Damit würde ich mich persönlich wohler fühlen als mit italienischen Staatsanleihen.

Welche Aktiensektoren sind interessant?

Bänziger: Kleinkapitalisierte Firmen profitieren in Perioden von wachsenden Gewinnen und zunehmender Übernahmetätigkeit mehr als die ganz Grossen. Gerade in der Schweiz sind diese aber - wie zum Beispiel die Pharmariesen Roche und Novartis - so billig wie nie in den letzten zehn Jahren. Zudem zeichnen sich die beiden Konzerne durch hohe Dividendenausschüttungen aus. Ebenfalls interessant ist der zyklische Sektor, er ist aber teilweise auch heiss gelaufen.

Sind Sie auch positiv für Rohstoffaktien?

Bänziger: Ja, obwohl diese heftig auf allfällige Nachrichten von schwächerem Wirtschaftswachstum in China reagieren dürften. Dagegen werden Energiewerte, inklusive Öl, von den höheren Preisen profitieren. Sukzessive, zum Beispiel wenn das Öl die magische 100-Dollar-Grenze knackt, dürften auch wieder die Aktien im Bereich alternativer Energien, die sehr stark korrigiert haben, in den Anlegerfokus rücken.

Viele sind immer noch negativ gegenüber dem Finanzsektor gestimmt. Sie auch?

Bänziger: Nein, wir empfehlen ein Übergewicht in Banken und Finanzdienstleistern, die sehr günstig bewertet sind. Dabei halten wir Schweizer Banken aber noch leicht untergewichtet. Statt europäische Banken favorisieren wir asiatische und amerikanische Institute.

Also US-Investmentbanken, die von der Mergers & Acquisitions-Welle profitieren?

Bänziger: Ja, zum Beispiel Greenhill & Co. steht auf unserer Empfehlungsliste. Auch das anhaltende internationale Tiefzinsumfeld spricht für Investmentbanken.

Wann erwarten Sie erste Zinserhöhungen der Schweizerischen Nationalbank?

Bänziger: Sie hätte die Zinsen sicher bereits erhöht, könnte sie völlig unabhängig davon entscheiden, was im Euro-Raum passiert. Die robuste Schweizer Konjunktur und die stark gestiegenen Hypothekarausleihungen wären Grund genug, die geldpolitischen Zügel zu straffen. Das kann sie aber nicht, da das den Franken weiter stärken würde. Im Moment ist es daher sinnlos, eine Prognose zum Zeitpunkt einer Zinserhöhung zu stellen. Die Zentralbanken sagen uns, wann es so weit ist.