Die harten Zeiten in der Finanzbranche plagen auch Leute, die Geld benötigen, um gute Ideen umzusetzen. Anders Telormedix unter der Führung von Mitgründer Lorenzo Leoni. Das junge Tessiner Biotechunternehmen vermochte im September 21 Mio Fr. Kapital zu gewinnen. «Es war ein Jahr harter Arbeit und wir haben Glück gehabt», blickt der CEO zurück.

Aravis Venture in Basel und Proquest Investments in Amerika als spezialisierte Risikokapitalgeber für Biotech-Start-ups im frühen Stadium (Seed Money) und ein Syndikat mit der Bank BSI in Lugano, dem Beratungsunternehmen Nextech Venture in Zürich und dem Versicherer Generali in Italien gehören zu den Investoren. Sie halten heute die Kapitalmehrheit an Telormedix.

«Damit stehen die Mittel für die Weiterentwicklung unseres Medikaments gegen Blasenkrebs für weitere zweieinhalb Jahre bereit. Das sollte für eine Zulassung reichen», ergänzt Leoni. «In der Branche wird mit anderthalb bis zwei Jahren Dauer gerechnet.» Zurzeit stehen letzte Versuche mit Affen vor dem Abschluss, 2009 sollen die klinischen Tests Phase I und II in Italien, den Niederlanden und Spanien beginnen. «Die Studien sind so angelegt, dass die Resultate auch für das Zulassungsverfahren in den USA genügen», sagt Leoni.

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2006 wurde das Marktvolumen für Krebsmittel auf 30 Mrd Dollar geschätzt. Ein Ansatz sind Medikamente, die das menschliche Immunsystem stärken und so den Wildwuchs der Krebszellen stoppen oder zumindest bremsen.

Heilungschancen werden erhöht

Nur: Ein zu starker Wirkstoff droht das ganze Immunsystem zu beeinträchtigen, ein zu schwacher jedoch erreicht, geschluckt oder gespritzt, befallene Organe in ungenügender Dosierung. Darum will Telormedix den Wirkstoff TMX-101 via Katheter direkt in die befallene Harnblase einbringen. «Damit er sich dort optimal verteilt und über eine längere Zeit wirkt, wurde als Darreichungsform ein ausgeklügeltes Hydrogel entwickelt. Erst bei Körpertemperatur, also in der Blase, geliert die zuvor flüssige Masse. Und da die Blase ein abgeschlossenes Organ ist, darf bei der lokalen Anwendung höher dosiert werden. So steigen die Heilungschancen, ohne dass der ganze Körper belastet wird», erklärt Leoni.

Entwickelt wurde das Gel in den Labors der Universität Novara. «Mit sehr viel Engagement als Forscher und nicht wie in den USA als Geschäft», lobt Leoni. Der gebürtige Luganesi kennt beide Seiten: Er war Professor in San Diego und hat dort bereits Unternehmen aufgebaut, die später teuer verkauft wurden. Die persönliche Vorliebe ist eines; vor allem aber haben personelle und finanzielle Vorteile zur Wahl des Standortes Bioggio, in der Nähe des Flughafens Lugano-Agno, geführt. «Das Tessin und die Lombardei sind eine verkappte Pharmaregion. Es gibt hier Unternehmen und Produktionsstätten. Doch diese sind meist sehr traditionell und risikoscheu – und zahlen bescheidene Löhne.» So konnte Leoni ein Team an qualifizierten, zugleich aber unternehmerisch denkenden und hochmotivierten Leuten zusammenstellen.

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Bereits werden in der Tessiner Entwicklungsboutique für Biotechmedikamente zwei weitere Ideen angedacht: Mit Gel lasse sich auch Hautkrebs sehr gezielt behandeln, so Leoni. Der Wirkstoff TMX-101 könnte zudem gegen Erkrankungen des Autoimmunsystems wirken. «Eines ums andere», lautet dennoch die Devise des lebhaften Tessiners. Er dürfte auch nicht der Chef für eine spätere Produktion eines Medikamentes sein, fügt er an. «Es gibt noch viele weitere Erkenntnisse im reifen Stadium für die Umsetzung in ein erfolgversprechendes Medikament.» Zum wissenschaftlichen Beirat von Telormedix gehören die Krebsspezialisten Dennis Carson, Direktor des Moores Cancer Center der UCSD in San Diego, und Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel, eremitierter Direktor des Instituts für Experimentalimmunologie der Universität Zürich.

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Gezielte Unterstützung erhalten Telormedix und andere Start-ups durch die BSI (Banca della Svizzera Italiana). «Bis Ende 2009 bezahlen wir keine Miete für die Büros.» Das gleicht für Leoni den Nachteil aus, dass er für juristische Beratung meist nach Zürich oder sogar München fahren muss.

Firma wird ein Mehrfaches wert

Doch Reisen gehört zur virtuellen Fabrik von Telormedix, wo Labor, Dienstleister oder die Hersteller der Medikamente quer durch Europa gesucht werden. «Einfach die Besten sowie die, die günstig produzieren und schnell liefern können. Jetzt fehlt bloss noch der Durchbruch, um die Besteuerung der Mitarbeiterbeteiligung zufriedenstellend zu regeln», schiebt Leoni ein politisches Anliegen nach. «Unsere Leute übernehmen mit viel Engagement ein hohes unternehmerisches Risiko. Darum sollte der Erlös auf den ausgegebenen Aktien bei einem erfolgreichen Verkauf der Firma vorwiegend als Kapitalgewinn besteuert werden und nicht als Lohn.»

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Noch ist es nicht soweit. «Wir haben genügend Mittel, um das Medikament auf den Markt zu bringen – oder wenigsten so weit zu kommen, bis die Firma ein Mehrfaches an Wert hat.»