Trotz Wirtschaftskrise hat die Firma RAlpin ein Rekordjahr 2009 erzielt. Wie schaffte man das?

René Dancet: Es gibt verschiedene Gründe für das gute Abschneiden der alpenquerenden Rollenden Autobahn. Betrachtet man die Rahmenbedingungen, dann ist unser Resultat als wirklich sehr gut zu bezeichnen. Die Steigerung um 8,6% zeigt zum einen, dass die Wirtschaft in hohem Masse bereit war, unser Angebot zu nutzen. Nicht wenige Strassentransporteure trachten derzeit danach, ihre Kosten permanent zu optimieren. Das durch die Krise geforderte Kostenbewusstsein hat zu einem stärkeren Einbezug der RoLa in die Transportkette geführt, lassen sich doch mit der RoLa Personal-, Betriebs- und Unterhaltskosten sparen.

Welche Ziele hat sich RAlpin für das laufende Jahr gesteckt angesichts der jetzt schon starken Auslastung der Lötschberg-Simplon-Achse ?

Dancet: Wir gehen von einer langfristigen Betrachtungsweise aus. In den kommenden Jahren werden wir unsere Kapazitäten schrittweise ausbauen; wir rechnen zwar nicht mit zweistelligen, aber doch einstelligen jährlichen Wachstumsraten. Wir hoffen für die Betriebsperiode 2012-2018 auf stabile Rahmenbedingungen, auch seitens des Bundes, damit wir unsere Investitionen in den Wagenpark sowie in die Optimierung von Terminalanlagen planen und umsetzen können.

Aber auch bei der Trassefrage sollten Lösungen gefunden werden, wie beispielsweise die Priorisierung des Güterverkehrs, sowie auch bei der Infrastruktur.

Dancet: Wichtig ist für uns, dass die Kapazitätsengpässe auf den Bahninfrastrukturen, speziell auf dem italienischen Streckenabschnitt, behoben werden. Aber auch die Prioritäten müssen zugunsten des Güterverkehrs modifiziert werden. Beispielsweise werden unsere Züge in Italien zwischen 6.00 und 9.00 Uhr blockiert, um dem regionalen Personenverkehr freie Bahn zu gewähren. Damit wird die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene massgeblich behindert.

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Ein Problem dürfte im 2. Halbjahr 2010 auf der für den Güterverkehr wichtigen Simplon-Südrampe, auf der Strecke Iselle-Domodossola, die zeitweise Sperrung der Strecke für dringende Wartungsarbeiten sein. Wie geht RAlpin damit um?

Dancet: In der Tat muss davon ausgegangen werden, dass in der 2. Jahreshälfte zeitweise das einzige durch den hochprofiligen RoLa- und UKV-Verkehr befahrbare Gleis auf der italienischen Seite des Simplontunnels zeitweise gesperrt wird. Derzeit wird diskutiert, wie diese Sperre ausgestaltet werden soll. Im Moment ist unter anderem die Rede von einer Tagessperre von bis zu fünf Stunden, während denen unsere Züge, und das wären 18 bis 20 Züge pro Woche, nicht fahren könnten.

Käme es zu einer Nachtsperre, wäre das eine Katastrophe für RAlpin ?

Dancet: Durch eine Nachtsperre würde unsere Kapazität praktisch halbiert. Über 20000 Lastwagen wären gezwungen, den Weg über die Gotthard-Autobahn unter die Räder zu nehmen, statt die ökologisch sinnvollere RoLa zu nutzen. Die wirtschaftlichen Einbussen dieser Variante werden auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Im Gegensatz etwa zum Gotthard-Strassentunnel, dessen Revision zehn Jahre im Voraus thematisiert wird, werden in dem Fall Wartungsarbeiten zu kurzfristig geplant und durchgeführt. Nur schwer nachvollziehbar ist zudem, dass die betroffenen Güterverkehrsunternehmen - Bahnen und KV-Operateure - nicht früher in die Entscheidungsfindung einbezogen wurden.

Aber von Seiten der Politik wird doch immer wieder behauptet, die notwendige Infrastruktur, sowohl auf der Lötschberg-Simplon-Achse wie auch an der zukünftigen Neat, werde rechtzeitig bereitstehen. Das ist doch mit Blick auf die Situation auf der Simplon-Südrampe eher Wunschdenken ...

Dancet: Es war immer wieder die Rede davon, südlich von Domodossola beispielsweise die Strecke nach Novara für den hochprofiligen Kombinierten Verkehr auszubauen. Doch derzeit bestehen leider keine konkreten Baupläne für diese Strecke.

Was heisst das für RAlpin?

Dancet: Wir müssen uns auf dieser Destination mit dem Personenverkehr, der am Morgen und am Abend Priorität hat, arrangieren. Das bedeutet für uns, dass wir zeitlich optimale RoLa-Verbindungen ab Freiburg im Breisgau, wie etwa diejenige um Mitternacht, wegen der Sperrung am Morgen gar nicht anbieten können.

Es muss also eine Entscheidung Personenverkehr oder Güterverkehr fallen?

Dancet: Wir würden es begrüssen, wenn dem Güterverkehr eine höhere Priorität eingeräumt würde. Sie entspricht auch den Schweizer Bestrebungen für die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene.

Die Ausschreibung der RoLa durch die Schweiz für den Zeitraum 2012-2018 wurde vom Bundesamt für Verkehr im Dezember 2009 eingestellt. Wie geht es nun weiter?

Dancet: Wir haben nach dem Abbruch des Ausschreibungsverfahrens mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV) Kontakt aufgenommen und werden in den nächsten Wochen Gespräche über das weitere Vorgehen führen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass die Vergabe des RoLa-Betriebs für die Jahre 2012 bis mindestens 2018 noch im 1. Semester 2010 erfolgen wird. Ansonsten können die notwendigen Vorarbeiten und Investitionen nicht fristgerecht erfolgt. Damit wäre auch eine erfolgreiche Weiterführung des Verlagerungsangebots im Dezember 2012 gefährdet.

Bestehen Berechnungen oder Planungen darüber, welchen Effekt der Gotthard-Basistunnel auf die RoLa-Verbindungen haben wird?

Dancet: Exakte Berechnungen für die Zeit nach 2018 wurden bis anhin keine angestellt. Die Beantwortung dieser Frage hängt einmal von den Frequenzen auf der Schiene ab. Die durchgehend zweispurige Neat am Gotthard wird als weitgehend flache Verbindung verschiedene Vorteile bringen, sind doch auf der Lötschberg-Simplon-Achse verschiedene Steigungen zu überwinden. Vor allem aber müssen die Ausbauten für Profilanpassungen für einen 4-m-Korridor an den Zulaufstrecken - vor allem die verschiedenen Brücken und Tunnels - zur Neat jetzt gezielt geplant und auch realisiert werden. Ohne diese sehr wichtigen Ausbauten nützt die höhere Leistungsfähigkeit der Neat gar nichts.

Eine Steigerung der Kapazität der RoLa-Verbindung durch die Schweiz auf etwa 250000 Stellplätze halten Sie also für realisierbar?

Dancet: Vorausgesetzt, die entsprechenden Infrastrukturbauten werden realisiert, und dazu gehören sicher auch neue Terminals im Norden sowie im Süden der Schweiz, kann davon ausgegangen werden, dass diese Zahl erreicht werden könnte. Doch bis dahin ist es allerdings noch ein relativ weiter Weg.