1. Home
  2. Unternehmen
  3. A380: Dem grössten Jet droht die Bruchlandung

Jubiläum
A380: Dem grössten Jet droht die Bruchlandung

Imported Image
Airbus A380: Singapore Airlines hat den Jet gekauft. Getty

Die hochfliegenden Pläne von Airbus für das weltgrösste Passagierflugzeug haben sich in Luft aufgelöst: Der A380 ist zum Ladenhüter geworden. Die Produktion wird womöglich eingestellt.

Von Gerhard Hegmann und Gesche Wüpper («Die Welt»)
2017-10-25

Einst war Singapore Airlines mächtig stolz auf den Riesenairbus A380. Vor genau zehn Jahren, am 25. Oktober 2007, flog das weltgrösste Passagierflugzeug erstmals im Linienbetrieb. Von Singapur nach Sydney. Ein Meilenstein in der Luftfahrtgeschichte. Ein Jahrzehnt später ist die Zukunft des Airbus-Jumbos aber so unsicher wie nie zuvor.

Statt Jubelanzeigen wie beim Start des A380-Linienbetriebs wird inzwischen darüber spekuliert, ob und wie es mit dem Modell weitergeht. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich an einem Detail. So wird darüber spekuliert, ob der erste nunmehr von Singapore Airlines ausrangierte A380 als Ersatzteillager ausgeschlachtet wird, weil sich kein Zweitnutzer mehr findet. 

Entscheid mit Symbolcharakter

Die asiatische Airline hat eine Verlängerung des Leasingvertrages abgelehnt. Dies ist ohnehin nur der Anfang von weiteren auslaufenden A380-Leasingverträgen bei diversen Kunden des Airbus-Jumbos. 

Da hat es fast Symbolcharakter, dass zeitgleich mit dem Zehn-Jahres-Jubiläum zum ersten A380-Flug der US-Konkurrent  Boeing soeben mit der Produktion des ersten neuen Grossraumjets Boeing 777X begonnen hat. Moderner, mit Klappflügeln, aber nur zwei statt vier Triebwerke – ein weiterer Konkurrent zum A380.

Hochfliegende Pläne sind überholt

Gab es beim A380-Start noch hochfliegende Pläne über jährlich mindestens 35 Auslieferungen, bis zu 700 Auslieferungen insgesamt sowie 150 Milliarden Euro Einnahmen, sind diese Prognosen inzwischen Makulatur. Ab 2019 sollen nur noch jährlich acht neue A380 aus der Werkshalle rollen. 

Bislang gab es 317 Bestellungen, wovon bis Ende September bereits 216 ausgeliefert sind. Der letzte grosse Neuauftrag liegt lange zurück. Das Flugzeug hat sich zum Mega-Ladenhüter entwickelt. Zwar konnte Airbus 2016 Bestellungen für zwei A380s einfliegen, doch wegen Abbestellungen änderte sich an der Gesamtsumme nichts.

Grosskunde Emirates kämpft mit Problemen

Für die unsichere Zukunft des Flugzeugs gibt es mehrere Gründe. So geht es dem mit Abstand grössten Kunden, der Fluggesellschaft Emirates, wirtschaftlich nicht mehr gut. Der Golf-Carrier hat 142 A380s bestellt und soll am 3. November in Hamburg seinen 100. Riesen-Airbus ausgeliefert bekommen. Die Zeiten, als Emirates-Chef Tim Clark Airbus drängte, endlich ein umfassend modernisiertes Modell auf den Markt zu bringen und von 100 oder 200 Neubestellungen redete, sind vorbei. Emirates kämpft bei stagnierendem Umsatz mit einem Gewinneinbruch.

Im Frühjahr deutete Emirates sogar einen vorläufigen A380-Abnahmestopp an, als der Emirates-Chef erklärte, am Flughafen Dubai International Airport seien 115 Exemplare des A380 das absolute Maximum – und diese Zahl werde 2019 erreicht. Es dauere noch, bis der zweite Flughafen Dubai World Central genutzt werden könne.

Airbus scheut Investitionen

Airbus selbst scheut ohne Aussicht auf Neubestellungen auch die Milliardeninvestition in eine grundlegende Modernisierung des Modells samt neuer sparsamer Triebwerke, eine sogenannte A380Neo. Stattdessen wird Kosmetik betrieben und die Sitzplatzkapazität erhöht.

Ohnehin ist Airbus bei der Zukunft des Modells nicht nur von den Kunden, sondern immer mehr auch von der Politik und Schlüsselzulieferfirmen abhängig. Es gilt als offenes Geheimnis, dass weder Rolls-Royce noch die US-Triebwerksallianz Engine Alliance (General Electric/Pratt & Whitney) nochmals viel Geld in eine Weiterentwicklung des A380-Triebwerks investieren würden.

Politik agiert vorsichtiger

Zudem ist die Politik vorsichtiger geworden. Wie es heisst, wollte Airbus eine A380Neo als neues Flugzeugprojekt aufsetzen und dafür bei den Förderländern Deutschland, Grossbritannien und Frankreich neue staatliche Entwicklungshilfedarlehen beanspruchen – was in dieser Form abgelehnt wurde. Nach den Airbus-Vorstellungen sollte das bisherige A380-Modell auslaufen, ohne dass die europäischen Staaten jemals ihre Entwicklungsunterstützung in Höhe von schätzungsweise drei Milliarden Euro wiedergesehen hätten.

Schon jetzt gilt als sicher, dass der Riesenairbus A380 für den die Steuerzahler ein Verlustprojekt ist. Von Airbus wurde noch nie eine Aufstellung über die Kalkulation der Entwicklungskosten vorgelegt – was wurde selbst bezahlt, wie viel staatlich vorfinanziert oder indirekt gefördert. Zwar floss Steuergeld in das A380-Projekt und es wurden Darlehen vergeben, aber über die Details schweigen die Beteiligten. Zu Einzelfragen der Entwicklungsfinanzierung könne keine Stellung genommen werden, dies berühre Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse, heisst es aktuell auf Anfrage beim deutschen Wirtschaftsministerium.

Jahrelanger Handelsstreit

Seit Jahren tobt ein Streit vor der Welthandelsorganisation zwischen Europa mit Airbus und den USA mit Boeing über die Zulässigkeit von Subventionen und Entwicklungsdarlehen. Dabei finanzierte Europa ein Drittel der Entwicklungskosten durch Staatsdarlehen.

Mit jedem ausgelieferten Airbus-Flugzeug erfolgt dann eine Rückzahlung des Darlehens. Für Deutschland, Frankreich und Grossbritannien beim A380 ein Riesenverlust, beim kleinen Erfolgsmodell A320 hingegen ein Riesengewinn. Jüngst gab es Spekulationen, Airbus wolle seine Zahlungsverpflichtungen an die Staaten neu regeln, also wahrscheinlich zurückschrauben. Offizielle Details gibt es dazu aber auch nicht.

Weitere Unsicherheiten

So gibt es viele Unsicherheiten über die A380-Zukunft. Auf der einen Seite stehen Äusserungen aus dem Airbus-Management über die Notwendigkeit eines Mega-Jumbos bei den steigenden Passagierzahlen im Flugverkehr. Auf der anderen Seite würde eine Einstellung des europäischen Megaflugzeugs auch nicht wirklich überraschen, zumal Finanzchef Harald Wilhelm Ende 2014 diese Möglichkeit bereits ins Gespräch brachte.

Daher wird jede Äusserung aus dem Kreis von Airbus oder von Grosskunden aufmerksam verfolgt. So sagte Emirates-Chef Clark, dass seine Fluggesellschaft auch weiter noch den A380 benötige. Das Marktpotenzial für das Flugzeug sei nach wie vor gross. Ob Airbus-Verkaufschef John Leahy auf der Dubai Airshow Anfang November neue Aufträge für den A380 verkünden kann, bleibt jedoch fraglich.

Offen für Partnerschaft

Der Emirates-Chef zeigte sich auch offen für Partnerschaften mit anderen Golf-Carriern wie Etihad. Dies könnte dann ein weiterer Sargnagel für das A380-Programm sein, meinen Branchenkenner. Denn zusammen betreiben Emirates und Etihad mehr als die Hälfte der ausgelieferten A380s.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Der Mega-Jet ist zum Mega-Ladenhüter geworden».

Anzeige