Die kommunikative Wende hat ein Datum: Am 19. Juli sagte Ulrich Spiesshofer an einer Telefon-Analystenkonferenz den entscheidenden Satz: «Nichts ist in Stein gemeisselt.» Was er an jenem heissen Donnerstag verkündete, war eine kleine Revolution. In den letzten zwei Jahren hatte er immer die Vier-Säulen-Struktur des Schweizer Industriekonzerns verteidigt und mit ihr auch die Division Stromnetzsparte als Teil des Portfolios.

Bloomberg legt nach

Jetzt, Mitte Juli war es plötzlich anders. Nun war die Konzernstruktur nicht mehr in Stein gemeisselt. Dem ersten Rauchsignal vom Juli folgte diesen Donnerstag ein weiteres Indiz für ein Umdenken Spiesshofers. Mitte Woche nämlich meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg, ABB diskutiere mit einer Beratungsfirma über einen möglichen Verkauf der Stromnetzsparte und sei offen für Kaufofferten.

Die Meldung schlug wie eine Bombe ein, der Aktienkurs reagierte positiv. Denn was sich im Diktum von Spiesshofer andeutete («nichts ist in Stein gemeisselt»), scheint sich nun im Ansatz zu materialisieren.

Entscheidend ist Wallenberg

Klar ist weiter, dass der grösste ABB-Aktionär, die Investmentfirma der Schwedischen Familie Wallenberg, Investor AB, hinter der Portfolio-Diskussion stehen muss. Der Clan, der rund 11 Prozent an ABB hält, gilt als langfristig orientiert und hält nichts von Hauruck-Übungen. Gleichwohl scheint er auf die Linie der Investmentgesellschaft Cevian eingeschwenkt zu sein, die 5 Prozent an ABB hält.

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Cevian fordert seit Jahren und immer lauter eine Abspaltung der Stromnetzsparte und eine Vereinfachung der Struktur. Das Gegenargument von Spiesshofer, wonach ABB mit vier Divisionen optimal aufgestellt und sich Synergien heben liessen, zählt für Cevian nicht. Vielmehr erachtet man ABB als wenig agiles Konglomerat, das nicht effizient führbar sei.

Power Grit besser unterwegs

Im Vordergrund stand für die Investmentfirma, die mit Lars Förberg im ABB-Verwaltungsrat vertreten ist, eine Verselbständigung der Stromnetzsparte und ein viel beherzteres Portfolio-Management.

Immerhin hat Spiesshofer einen Trumpf für sich. Er hat die Rendite der umstrittenen Division Power Grit wieder auf das alte Niveau von 9 Prozent gebracht. Viel zu wenig für Cevian. Denn selbst mit einem Verkauf oder einem IPO der Stromnetzsparte ist ABB keineswegs über den Berg.

Für Spiesshofer könnte es eng werden

Der Aktienkurs ist seit Jahren eine grosse Enttäuschung und hinkt schwer hinter Konkurrenten wie Siemens hinterher. Zudem lassen die Wachstumsraten viel zu wünschen übrig. Spiesshofer selber steht also mit dem Rücken zur Wand. Wenn er in den nächsten Monaten nicht eine markante Ergebnisverbesserung hinkriegt, dürften seine Tage im ABB-Cockpit gezählt sein. Gut möglich, dass ein Verkauf der vielkritisierten Sparte zum Befreiungsschlag werden soll.