Der Song «Hells Bells» ist legendär. Der Ohrwurm der australischen Rockband AC/DC beginnt mit Glockengeläut, dann hebt ganz langsam die Gitarre an, imitiert erst das Geläut, wird schrittweise immer schneller und mündet später im opusähnlichen Finale.

Dieser Höllenritt der Rockgeschichte trifft in mancherlei Hinsicht auch auf den Technologiekonzern ABB zu. Erst der Name AC/DC, zu Deutsch Gleichstrom/Wechselstrom: Die Technologie, mit der die Wechselspannung gesteuert werden kann, gehört zu den Kernkompetenzen des Konzerns. Weniger im Griff hatte ABB dagegen in der Vergangenheit die betriebswirtschaftliche Entwicklung. Überschuldung und Asbestklagen trieben das Unternehmen vor drei Jahren um ein Haar in den Ruin. Der Aktienkurs fiel von einstmals über 40 Fr. auf unter 2 Fr., sodass manch ein Investor bereits glauben musste, das Totenglöcklein beim ABB-Konzern bimmeln zu hören. Es kam anders. Unter dem Gespann Jürgen Dormann/Peter Voser verstummte das Geläut, langsam erholte sich der Konzern und schaffte es, seinen Rhythmus Quartal für Quartal wieder zu finden.

Guter Börsenstart 2005

Inzwischen läuten die Glocken auch an der Börse wieder für den Industrietitel. Noch im letzten Dezember kostete die Aktie 6.20 Fr. In den vergangenen Monaten dann setzte eine kontinuierliche Erholung ein. Wer zu Beginn des Jahres 2005 Aktien des Technologiemultis gekauft hat, kann sich über die Kursentwicklung wahrlich freuen. Mehr als 30% auf mittlerweile über 8.70 Fr. hat die ABB-Aktie seit Jahresbeginn zugelegt. Mit Ausnahme des Übernahmekandidaten Unaxis ist ABB damit unter den SMI-Titeln zweifelsohne als «best in class» einzureihen.

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Allein seit Veröffentlichung der ersten Quartalszahlen 2005 Ende April ist der Titel um mehr als 10% gestiegen. Die rasante Aktienerholung unterstützt haben nicht zuletzt die jüngsten Berichte der Finanzanalysten, die den Titel in den vergangenen Wochen fast durchwegs auf «Kauf» oder «Übergewichten» hochgestuft haben.

Dabei lautet das einhellige Urteil der Research-Gemeinde - sei es nun Vontobel, Sarasin, Helvea, oder JP Morgan - in etwa überall gleich: ABB habe im ersten Quartal exzellente Zahlen geliefert. Lag der Nettogewinn mit plus 12% auf 5,1 Mrd Dollar in etwa «in line» mit den Erwartungen im Markt, konnte der Konzern mit dem ausgewiesenen Betriebsergebnis in der Tat mehr als nur die Finanzgilde überraschen.

So ist der Ebit im 1. Quartal 2005 mit plus 58% auf 391 Mio Dollar regelrecht abgehoben, was gleichfalls zu einer besser als erwarteten Ebit-Marge von 7,7% geführt hat. Vergessen scheint damit die Enttäuschung vieler Marktbeobachter, als der neue Konzernchef Fred Kindle im letzten Spätherbst, während einer seiner ersten öffentlichen Auftritte, das Margenziel für dieses Jahr nach unten korrigieren musste. Unter seinem Vorgänger Jürgen Dormann hatte das Renditeziel für 2005 noch bei 8% gelegen.

Vergessen auch die Kritik an den zu hohen Kosten, wie sie noch im Februar anlässlich der Bilanzpräsentation von verschiedener Seite geäussert wurde. Auch gewisse Schwierigkeiten im Kerngeschäft Energietechnik, welche die Konzernleitung im 1. Quartal 2005 thematisierte, scheinen plötzlich wie vom Tisch gefegt. Stattdessen überwiegt fast durchwegs eine positive Beurteilung, wie sich in den neus-ten Markteinschätzungen nachlesen lässt, die dem interessierten Anleger teilweise doch ein gar rosiges Zukunftsbild zu ABB voraussagen. So hat etwa die Bank Vontobel das Kursziel inzwischen auf über 10 Fr. angehoben.

Argumentiert wird dabei mit den Fakten, die ohne Zweifel für sich sprechen: So sind die Aufträge beim Technologiekonzern im 1. Quartal erneut um 8% auf 6,3 Mrd Dollar angestiegen. Hervorzuheben ist dabei vor allem das starke Wachstum beim Bestellungseingang in den Kerndivisionen ­ Automation: 18%, Energietechnik: 15%. Diese konnten ihre Margen auf 10,9% beziehungsweise 9,6% steigern. Ferner haben im 1. Quartal auch die im Unternehmen bisher verbliebenen Nicht-Kernaktivitäten einen positiven Beitrag zum Ergebnis leisten können, was zusammen mit Sondererträgen zu deutlich tieferen Kosten führt als ursprünglich angenommen. Dies hat denn inzwischen auch einige Analysten dazu veranlasst, ihre Schätzung des Gewinn pro Aktie für 2005 von 0,45 Fr. auf 0,49 Fr., für 2006 von 0,54 Fr. auf 0,58 Fr. und für 2007 von 0,58 Fr. auf 0,64 Fr. anzuheben. Daraus würden Werte für das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 respektive 13 und 11 resultieren.

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Endgültiger Vergleich

Was der ABB-Aktie in den vergangenen Tagen zudem Auftrieb gegeben hat, ist die an der Börse positiv aufgenommene Konzernankündigungen, einer Asbestlösung nun endlich konkret näher zu kommen. ABB wird demnächst ein revidiertes Vergleichsangebot in den noch offenen Asbestfällen in den USA am zuständigen Gericht einreichen. Dabei heisst es beim Konzern, dass die Papierarbeit somit nun beinahe abgeschlossen sei. Bis sich das Gericht endgültig entscheiden wird, können indes noch Wochen vergehen. Solange bleibt auch ein Restrisiko für Investoren bestehen, die sich jetzt entscheiden wollen, in den Titel zu investieren. Hauptaufgabe von ABB wird aber sein, die operative Performance zu verbessern, bis es so sauber klingt wie das legendäre Gitarrenriff von AC/DC.

ABB In Mio Dollar 2004 2005E 2006E 2007E

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Umsatz20721224132339224211

Betriebsgewinn (Ebit)1084172119822142

Umsatzrendite (in %)5.27.78.48.8

Reingewinn­3584610931228

Gewinn pro Aktie (in Fr.)­0.020.430.530.59

KGV30151211

Dividende (in Fr.)­0.150.200.25

E = geschätzt; KGV = Kurs-Gewinn-Verhältnis
Quellen: Helvea/Bank Vontobel

Tipp
Auf mittlere Sicht dürfte es nach der starken Kursperformance der ABB-Aktie auch wieder zu Rückschlägen kommen, da vor allem in der Division Energietechnik noch einige Schlaglöcher auszubessern sind. Längerfristig scheint das Unternehmen aber auf gutem Weg, was auch die Finanzgemeinde dazu veranlasst hat, ihre Schätzungen für den Technologiekonzern anzuheben. (hub)