W as schweisst die 1,1 Mrd Menschen zusammen, die auf dem indischen Subkontinent leben? «Bollywood und Cricket», sagt Biplab Majumder grinsend. Und, je länger, je mehr, der Strom. Zumindest Letzteren kann der Chef von ABB Indien organisieren.

Majumder, Herr über 7500 Angestellte und 1,4 Mrd Dollar Umsatz, ein Konzernchef im Konzern, sorgt mit Herstellung und Verkauf von Elektro- und Automationsprodukten made by ABB dafür, dass in Indien die Lichter angehen.

Der Schweizer Konzern ist auf dem Subkontinent eine bekannte Grösse. Den allerersten Auftrag aus dem Riesenreich ergatterte ABB, die damals noch BBC hiess, 1928 - kurz bevor die Grosse Depression einsetzte und auch das bis dahin boomende Indien erfasste. Es ging um Stromleitungen für eine Eisenbahnverbindung zwischen Bangalore und Bombay, dem heutigen Mumbai.

Transaktion: Teuer, aber sinnvoll

Gut 80 Jahre später setzt ABB zu einem weiteren grossen Schritt an - diesmal nach der Krise. Der Konzern will für knapp 1 Mrd Dollar weitere Aktien seiner indischen Tochtergesellschaft kaufen und so seine Beteiligung von heute 52 auf mindestens 75% erhöhen. Der Zeitpunkt erscheint günstig: Die Aktie der ABB India, die an der Börse in Mumbai kotiert ist, hat in den vergangenen Wochen über 20% an Wert verloren.

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Zwar bemängeln Finanzanalysten, dass der Kauf sehr teuer sei. Doch angesichts der strategischen Bedeutung des indischen Marktes mache die Transaktion Sinn.

Das Riesenreich gehört zu den wichtigsten Märkten für den Elektro- und Automationskonzern, der vorwiegend Produkte und Systeme zur Stromübertragung und -verteilung liefert. Denn dem 1,1-Milliarden-Menschen-Staat fehlt es an einer flächendeckenden Energie-Infrastruktur. «Indien hat heute eine Stromlücke von geschätzten 35 000 bis 40 000 Megawatt», sagt ABB-Indien-Chef Majumder. Das entspricht etwa der Leistung von 30 Kernkraftwerken von der Grösse eines AKW wie Leibstadt.

80000 Dörfer oder umgerechnet 400 Mio Menschen haben noch immer keinen Zugang zu Elektrizität. Die indischen Mega-Citys wie Delhi, Mumbai und Bangalore verbrauchen 87% des Stroms.

Indien wächst: In diesem Jahr wird das Bruttoinlandprodukt (BIP) um geschätzte 7% zulegen.Und die Infrastruktur muss Schritt halten. Die Regierung investiert daher rund 8% des BIP in den Ausbau von Stromproduktion-, übertragung und -verteilung.

Jedes Jahr werden dem Stromnetz neue Kapazitäten in der Höhe von 14000 Megawatt hinzugefügt. Derzeit sind staatliche Projekte mit einer Gesamtleistung von gut 44000 Megawatt in Bau, weitere 18500 Megawatt werden private Investoren installieren. Die Hauptenergiequelle sind zwar thermische Kraftwerke auf Kohlebasis, etwa Kohle- und Gas-Kombi-Kraftwerke (siehe Grafiken).

Darüber hinaus investiert Indien aber auch in erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft - mittelfristig werden zusätzliche 13500 MW ans Netz gehen.

Dabei sind die Inder schon heute die sechstgrössten Energieverbraucher der Erde und besitzen das drittgrösste Stromnetz.

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Letzteres weist allerdings noch gewaltige Verbesserungspotenziale auf: 30 bis 45% der Energie gehen bei der Übertragung verloren. Wobei mit «verloren» zwei verschiedene Dinge gemeint sind: Von «kommerziellen Verlusten» spricht man in Indien, wenn Verbraucher unerlaubt Strom abzapfen. «Das wird stillschweigend geduldet, diese Leute könnten die Stromrechnung ohnehin nicht bezahlen», erklärt Majumder.

Von «technischen Verlusten» ist die Rede, wenn Energie wegen veralteter Übertragungstechnologie beim Transport abhanden kommt.

Hier hakt ABB ein: Mit ihren Lösungen kann die Verlustrate minimiert werden, sogar auf Distanzen, die sich über Tausende von Kilometern erstrecken.

Auch im Angebot hat ABB Systeme für ein effizientes Strom-netz-Management, welche die Stabilität erhöhen. In der Folge werden Stromausfälle seltener. Zu einem Netzkollaps kommt es in Ländern wie Indien unter anderem, wenn dem System abrupt Energie hinzugefügt oder eben entzogen wird - beispielsweise, wenn sich kleine Fabriken «unangemeldet» einhängen.

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Indien: Clevere Ingenieure

Die indische Ländergesellschaft ist heute eine der wichtigsten Töchter im global operierenden Konzern (siehe Grafik). ABB Indien steuert mit 1,4 Mrd rund 5% zum Konzernumsatz bei und rangiert damit unter den zehn grössten lokalen Niederlassungen. Zum Vergleich: Die drei grössten ABB-Länderfirmen liegen in China, den USA und Deutschland. Allein ABB China erzielt 4,3 Mrd Dollar Umsatz.ABB hat sich mittlerweile in ganz Indien ausgebreitet. Der Konzern produziert an 14 Standorten, von Faridabad im Norden bis Mysore im Süden. Hinzu kommen 22 Marketingstandorte, acht Service-Center, drei Logistikzentralen, vier Trainingszentren, drei Entwicklungseinrichtungen sowie das Forschungs- und Entwicklungszentrum des ABB-Konzerns.

Auf dieses «Corporate Research Center» ist ABB-Indien-Chef Biplab Majumder besonders stolz. 2002 in Bangalore gegründet, beschäftigt es heute 550 Ingenieure. Die sind so clever, dass sie in nahezu der Hälfte aller ABB-Geschäftsfelder ihre Spuren hinterlassen.

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Konzern: Kasse bleibt gut gefüllt

Die milliardenschwere Investition von ABB in Indien ist bereits die zweite binnen weniger Wochen: Erst Anfang Mai liess Konzernchef Joe Hogan die Übernahme der US-Softwarefirma Ventyx verkünden. Den Kaufpreis von 1 Mrd Dollar bezahlt ABB in bar.

Ans finanzielle Limit geht der Konzern damit nicht. Vor den beiden Akquisitionen hat er über Barmittelbestände in der Höhe von 7,14 Mrd Dollar verfügt.

Gemäss Finanzchef Michel Demaré wird der Mittelbestand nach den Zukäufen sowie der Dividende auf rund 5 Mrd Dollar sinken.

Das ist noch immer ein stattliches Finanzpolster, das weitere Schritte ermöglicht. Demaré bestätigt: Auch und gerade in Indien werde ABB weiter wachsen, aus eigener Kraft und über Zukäufe.

 

 


ABB greift nach dem Morgenland