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Industrie
ABB wird zur Speerspitze gegen US-Strafzölle

ABB-Chef Ulrich Spiesshofer: «Wir sind einer der grössten Kupfer- und Stahleinkäufer der Welt.»

Widerstand von ABB: Der Konzern lässt die Muskeln spielen, um nicht zum Opfer von US-Strafzöllen auf Stahlimporte zu werden.

Von Bernhard Fischer
am 26.04.2018

Wir sind einer der grössten Kupfer- und Stahleinkäufer der Welt, wir kaufen sehr, sehr viel und deshalb hört man uns zu.» ABB-Chef Ulrich Spiesshofer verschafft sich damit Gehör bei der US-Regierung, Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus China zu überdenken.

Bei Schweizer Industriefirmen, die Produktionen in den USA haben, herrscht wegen dem geplanten Zollregime grosse Verunsicherung. Bereits Mitte März wollten die USA Strafzölle von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium aus China erheben. Bis Mai wird verhandelt. Aber dass die Zölle kommen, daran besteht branchenweit kein Zweifel.

«Einige Firmen können zusperren»

Strafzölle bedeuten entweder deutlich teureren Stahl oder geringere Mengen davon, die den Produzenten in den USA zur Verfügung stünden. Vielen Produktionen in den USA droht deswegen das Aus. Sogar die beliebten Autos aus den Werkstätten von GM und Ford könnten infolge von Strafzöllen auf China-Stahl pro Stück um 300 Dollar teurer werden, schreibt das «Wall Street Journal».

Für die sechzig Produktionsstandorte von ABB in den USA erwartet sich Spiesshofer nach seinem Ausruf die Unterstützung der Trump-Regierung. Er wird damit zur Speerspitze jener Schweizer Industriebetriebe, die von den Strafzöllen ebenfalls betroffen wären. ABB, so Spiesshofer weiter, brauche Stahl von besonderer Qualität für die Produktion von Transformatoren und Elektromotoren, der in den USA bei den Importzöllen nicht genug vorhanden wäre.

«Bei Kostensteigerungen um bereits bis zu 20 Prozent infolge höherer Zolltarife können einige US-Töchter von Schweizer Industrieunternehmen in Schieflage geraten», sagt David Frei, ehemaliger Geschäftsbereichsleiter von Brugg Lifting, einer Tochter der aargauischen Kabelwerke Brugg. Das Unternehmen ist einer der führenden -Aufzugseilproduzenten mit einer -Fertigung in den USA und beliefert unter anderen den Schweizer Aufzughersteller Schindler mit Sitz in Ebikon LU, der ebenfalls eine lokale US-Produktion unterhält.

US-Fertigungen mit hohem Materialanteil bedroht

Am Beispiel Brugg Lifting wird deutlich, welche Firmen von den Strafzöllen besonders betroffen sind: «Jene, die einen hohen Materialanteil und eine geringe Wertschöpfungstiefe haben. Da schlagen sich die Strafzölle unmittelbar in den Produktionskosten und somit im Verkaufspreis nieder», sagt Frei. Die Herstellkosten für Stahlseile hängen zu 80 Prozent von importiertem Stahldraht ab. Vergleichbare Endprodukte, die bereits fertig aus China oder Indien in die USA importiert werden, haben diesen Aufschlag nicht. «In den USA gefertigte Konkurrenzprodukte sind damit viel weniger kompetitiv, weil sie zu teuer sind.»

Wenn es sich die betroffenen Firmen nicht leisten können, teureren US-Stahl zu beschaffen, und daher die erforderliche Qualität nicht erhalten, dann gibt es nur noch die Option, auf andere Märkte auszuweichen, welche dem Zolldiktat vorerst nicht unterliegen. Das sind Mexiko, Kanada und Australien. Kanada und Mexiko haben auf dem US-Stahlmarkt aber bereits heute einen Marktanteil von 26 Prozent, bei Aluminium hat Kanada sogar 55 Prozent.

Die Frage wird also sein, ob Kanada und Mexiko so flott ihre Kapazitäten ausweiten können, dass sie die Importlücke aus China füllen. Und ob es ein Vorteil für die lokalen Liefe-ranten ist, die dann unter einem ähnlichen Preisdruck stehen wie bei -Importen aus China, schreibt der Kreditversicherer Atradius.

Industrie ist nervös

In der Industrie in den USA herrscht jetzt Nervosität. Das spürt auch der Zürcher Landmaschinenhersteller Bucher Industries. Der Maschinenbauer konnte noch etwas Zeit gewinnen. «Bis Mitte Jahr sind die Stahlpreise mit unseren Lieferanten fixiert», sagt eine Sprecherin.

Der Pumpen- und Maschinenhersteller Sulzer ist zwar nicht im Panikmodus, befürchtet aber, dass es bei einzelnen Metallen wie Aluminium «wegen Lieferengpässen zu Materialpreisschwankungen kommen könnte», von denen alle Hersteller betroffen wären. «Wir beobachten die Situation genau», heisst es aus der Zentrale in Winterthur.

Der Fertigungsmaschinenhersteller Mikron mit Sitz in Biel BE kauft für die Produktion in den USA Stahlprodukte für das Werk in Denver ein. Zwar sei noch unklar, welche verarbeiteten Produkte – etwa eine Basismaschine oder ein Roboter, der in die Maschine eingebaut wird – in welchem Umfang den neuen Zöllen unterliegen. «Eine Quantifizierung ist nur schwer möglich», sagt ein Mikron-Sprecher. «Sicherlich vollständig den neuen Zöllen unterliegen werden aber diejenigen Basismaschinen, welche in unserem Werk in Schanghai für Denver produziert werden.»

Auch für den Industriekonzern Georg Fischer aus Schaffhausen ist «das Thema der Strafzölle mit vielen Unsicherheiten behaftet». Im neuen Leichtmetall-Druckgusswerk der GF-Division Casting Solutions wird gerade erst in den nächsten Monaten die Produktion hochgefahren.

Strafzölle umgehen

Der zweite wesentliche Faktor, der die gesamte Maschinenindustrie in den USA beschäftigt: das Ausmass, in welchem weiterverarbeitete Komponenten in einer Maschine den neuen Strafzollbestimmungen unterliegen werden.

Das ist ein wichtiger Punkt: Zölle auf Stahlprodukte aus China sind keine Spezialität der USA. Die EU hat bereits Zollaufschläge für gewisse fertige Stahlprodukte aus China eingeführt. Der Unterschied zu den US-Plänen ist aber, dass die EU-Zölle für Fertigprodukte gelten, nicht fürs Rohmaterial.

Viele Schweizer Unternehmen sorgen für ihre US-Standorte deshalb vor. OC Oerlikon etwa stellt die Maschinen für seine Produktion bereits in Deutschland so weit fertig, dass deren Export in die USA nicht mehr von den geplanten Strafzöllen erfasst wäre.

ABB in Diskussion mit Amtsträgern

Das US-Modell würde im Gegensatz zu jenem der EU auch bedeuten, dass sich die Produktion nach China und Europa verlagert und fertige Stahlprodukte in die USA rückimportiert würden, um die Strafzölle zu umgehen. Damit würde Trump wohl genau das Gegenteil von dem erreichen, was er  ursprünglich wollte: Jobs und Firmen in den USA stärken und vor tieferen Preisen für Produkte aus dem Ausland schützen.

Derzeit werden die letzten Details für das neue Importregime verhandelt. ABB wittert noch die Chance, in letzter Minute Einfluss auf Trumps Handelspolitik zu nehmen. Die Kollegen der Schweizer Konzernführung in den USA befinden sich dazu «derzeit in Diskussionen mit US-Amts-trägern über die geplanten Tarif-änderungen».

 

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