Das indische «Ramayana», die Geschichte Ramas, gilt als eines der ältesten und grössten Epen der Weltliteratur. Das Meisterwerk der Sanskrit-Dichtung berichtet von den Erlebnissen des göttlichen Kronprinzen Rama, der mit seiner Frau Sita als Folge einer Hofintrige in die Verbannung ziehen muss. Das Heldengedicht in 24000 Doppelversen wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem der beliebtesten in der südasiatischen Dichtung. In sieben Büchern angelegt, wurde das Epos in zahlreichen Versionen und Sprachen adaptiert.

Riesige Vergrösserungen

Eine schon fast theatralische Ausstellungsarchitektur erlaubt es den Besuchern, in die Welt des «Ramayana» einzutauchen und dem Helden zu den wichtigsten Schauplätzen des Epos zu folgen. Da eine reine Miniaturenausstellung schnell ermüdend wirkt, hat man von einem akademischen Ausstellungskonzept abgesehen. Mit raffiniert beleuchteten, riesigen Vergrösserungen und Detaildarstellungen, die direkt neben den Originalen präsentiert werden, haben die Ausstellungsmacher ein gelungenes theatralisches Raumerlebnis geschaffen.

Als ob man selbst Teil der Geschichte würde, folgt man dem Helden auf dem Rundgang durch seine Abenteuer und erlebt, wie Ramas geliebte Frau Sita von einem Dämonen entführt wird. Mit Hilfe einer ganzen Armee von Waldtieren gelingt es Rama nach zahllosen Irrungen und Wirrungen, Sita zurückzuerobern. Sie kehren an seinen Geburtsort zurück, wo Rama lange Zeit als gerechter König herrschen wird. Die indischen Maler haben sich von der erzählerischen Kraft und dem schillernden Detailreichtum des Epos begeistern lassen. Daraus sind umfangreiche Bildserien entstanden, die Episode um Episode bis zur letzten Kleinigkeit wiedergegeben wurden. Die kleinformatigen, höchst kostbaren Werke bezeugen die unterschiedlichen Traditionen und Stilentwicklungen der indischen Malerei. Bemerkenswert ist auch die genaue Textkenntnis der Künstler, die sich an der präzisen Umsetzung in die Malerei ablesen lässt. Die indischen Meister, die in Familienwerkstätten organisiert oder in Ateliers an den Residenzen der Mogulkaiser und Maharadschas arbeiteten, schufen eine extrem verfeinerte Pigmentmalerei. Die Papierblätter wurden meist lose in Bündeln aufbewahrt, die man zum Betrachten hervornahm. «Ramayana»-Bildfolgen waren wertvolle Prestigeobjekte, deren ästhetische Qualitäten von Kennern hoch geschätzt wurden. Zudem galten sie als bedeutende religiöse Werke, da Rama als Inkarnation des Gottes Vishnu, des Erhalters der Welt, aufgefasst wird.

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Zu den prunkvollsten Werken in der Ausstellung gehören vier Folios aus einem unter dem Mogul-Kaiser Akbar (reg. 1556–1605) ins Persische übersetzten «Ramayana». Dieses Werk wurde von den angesehensten Malern der damaligen Zeit für die Mutter des Kaisers hergestellt. Es zeigt beispielhaft die Verschmelzung persischer und indischer Malerei. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Gemälde aus der Pahari-Region, dem westlichen Himalaya-Vorgebirge. Hier hat die Werkstatt des Künstlers Pandit Seu mit seinen Söhnen im 18. Jh. die stimmungsvollsten Kunstwerke der indischen Malerei überhaupt angefertigt. In relativ kurzen zeitlichen Abständen entwarfen diese Meister mehrere «Ramayana»-Serien. Die einfallsreichste visuelle Umsetzung des Epos, das kleine «Ramayana» aus Guler von 1775/80, bildet mit 16 hochkarätigen Exponaten das Zentrum der Ausstellung. Dass das Museum eine solche Schau fast ausschliesslich aus eigenen Beständen realisieren kann, dokumentiert das hervorragende Niveau der vom ehemaligen Direktor Eberhard Fischer zusammengetragenen Sammlung.

Pittoreske Fotografien

In der separaten Schau «Picturesque Views» wird eine Ausstellung des Museums für Asiatische Kunst in Berlin gezeigt, die gut 70 Arbeiten der bedeutendsten Indien-Fotografen des 19. Jhs. umfasst. Seit den 1850er Jahren fertigten europäische Fotografen im Auftrag der East India Company umfangreiches Fotomaterial an. Die englische Kolonialmacht veranlasste, dass der Subkontinent geradezu akribisch dokumentiert wurde. Einige der in Indien tätigen Fotografen entwickelten dabei nicht nur eine individuelle Handschrift, sondern legten auch ein grosses Interesse an den künstlerischen Möglichkeiten dieser neuen Technik an den Tag. Tatsächlich wurden in Indien seit dieser Zeit Meisterwerke der frühen Kunstfotografie geschaffen. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Architektur und den Gartenanlagen der Mogulzeit.

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