«Ich freue mich, dass die Amis endlich ein Motorrad mit ABS anbieten. Das war für mich bisher immer ein klares Ausschlusskriterium. Jetzt bin ich gespannt auf die erste Probefahrt mit der Touring-ABS-Harley.» Das schrieb kürzlich ein gewisser Franz-Joseph im freebiker-Forum. Und so denken viele. Nach Jahren der gemeinsamen Entwicklungsarbeit mit den Bremsen-Spezialisten von Brembo präsentiert Harley-Davidson heuer zwei Modellreihen mit Antiblockiersystem.

Das Besondere ist: Das ABS ist im Gegensatz zur Konkurrenz beinahe unsichtbar in der Radnabe integriert. Die klobigen Geber-Scheiben zur Messung der Raddrehzahl fehlen bei den Harleys. Der Computer erhält die Informationen über die Raddrehzahl durch Hall-Geber, die in der Radachse montiert sind. Nur ein diskretes schwarzes Kabel ist vorne sichtbar.

Sicherheit ist kein Luxus mehr

Antiblockiersysteme für Motorräder sind heute in aller Munde. Das war nicht immer so. Ganze 20 Jahre dauerte es, bis sich die ABS-Technologie bei Motorrädern durchsetzte. 1988 kam BMW mit dem ersten ABS-Motorrad auf den Markt, so wie Mercedes Benz zehn Jahr zuvor das erste Auto mit serienmässigem ABS präsentierte. BMW und Mercedes? Man ahnt es: Die ABS-Technologie war anfangs teuer, zu teuer, um sich auf dem breiten Markt zu etablieren. Sicherheit blieb ein Luxus. Erst in den letzten fünf Jahren machte die Entwicklung Fortschritte, auch dank staatlicher Beschlüsse zur Verkehrssicherheit. So hielt die Deutsche Bundesregierung 2003 in einem Bericht zur Verbesserung der Motorradsicherheit fest, die Ausrüstung von Motorrädern mit ABS sei zu forcieren, da mit ABS signifikant kürzere Bremswege unter geringerer Beanspruchung des Fahrers erreicht würden. Im Modelljahr 2008 sind nun in der Schweiz weit über 60 Motorräder serienmässig oder optional mit ABS ausgestattet, darunter günstige Einsteigermodelle und auch zwei Harley-Davidsons.

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Motorradfahren und Sicherheit – ist der ewige Widerspruch jetzt gelöst? Nicht ganz. Denn die Sicherheit auf einem Motorrad hängt nach wie vor in erster Linie vom Fahrverhalten ab. Aus diesem Grund fanden es die Konstrukteure der amerikanischen Traditionsmarke Harley-Davidson lange Zeit unnötig, die ABS-Technologie einzuführen. Typische Harley-Fahrer gelten als Cruiser – ganz im Gegensatz zu einigen Fans von japanischen oder italienischen Rennboliden. Es sei garantiert sicherer, gemütlich auf einer Harley ohne ABS zu cruisen, als mit einem Supersportler mit ABS über Pässe zu hetzen – so dachte man bei Harley-Davidson. Dennoch bremst auch ein Harley-Fahrer im Zweifelfall mit ABS besser als ohne – das zeigt jetzt auch ein Harley-Video (siehe Fussnote).

Ästhetik bleibt erhalten

Zudem konnte die ästhetische Frage gelöst werden. Die Harley-Konstrukteure in Milwaukee haben sich nie bedingungslos technischen Innovationen unterworfen. Man war sich immer bewusst, dass die Zukunft von Harley-Davidson in der Vergangenheit wurzelt. Ohne dieses Bewusstsein hätte Harley-Davidson nie den Kultstatus erreicht, den sie bis heute geniesst. Technisch waren die Konstrukteure in Milwaukee schon lange fähig, ABS-Bremsen einzubauen. Tausende von Polizei-Harleys fahren seit Jahren mit ABS. Doch eben – bei Harley-Davidsons spielt das «Look and Feel» eine grössere Rolle als bei der Konkurrenz. Deshalb hat man mit der Einführung des ABS gewartet, bis eine technologische Lösung gefunden war, die auch ästhetisch überzeugt. Heuer bietet Harley-Davidson zwei Modellreihen mit optionalem ABS an: die Touring und die VRSC. So wird die Legende am Leben erhalten – mit Sicherheit.