Marc Rudolf glaubt es schon länger: «Das Interesse an Irland schwindet.» Er muss es wissen, denn als Direktor der Standortförderung Greater Zurich Area kennt er die Gründe, warum es Firmen jahrelang nach Irland zog und nicht in die Schweiz. Als etwa Google 2003 den idealen Standort für seinen europäischen Hauptsitz suchte, zog Zürich gegen Dublin den Kürzeren.

Weil Irland in der Krise steckt, hoffen Schweizer Standortförderer nun, dass sich das Blatt definitiv zugunsten der Schweiz wendet. Den übrigen EU-Ländern sind die irischen Unternehmenssteuern nämlich ein Dorn im Auge. Frankreich und Belgien etwa, welche den Firmen ein Drittel des Gewinns abknöpfen, halten die irische Besteuerungspraxis für eine grobe Wettbewerbsverzerrung. In Brüssel sind die Signale deutlich: Die zur Haushaltssanierung benötigten EU-Milliarden werden nur nach Dublin fliessen, wenn die Iren von ihren Dumpingsteuern abrücken.

Die bitterste Niederlage

In schlechter Erinnerung ist den Schweizer Standortförderern noch der Fall Amgen. Das amerikanische Biotech-Unternehmen entschloss sich 2006, ein neues Werk mit mehr als 1000 Beschäftigten zu bauen - nicht im freiburgischen Galmiz, sondern in Irland. Vorausgegangen war dem Entscheid ein langer und zäher Kampf zwischen irischen und schweizerischen Standortförderern.

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Den Ausschlag gaben schliesslich auch die tiefen irischen Unternehmenssteuern. Sie gehören mit 12,5 Prozent zu den niedrigsten weltweit und sind ein wesentlicher Grund, dass Irland die Schweiz im globalen Standortwettbewerb regelmässig abhängte. «Das Land war und ist ein direkter Konkurrent der Schweiz», erklärt Andreas Staubli, Leiter Steuer- und Rechtsberatung bei PricewaterhouseCoopers Schweiz und Berater von Firmen, die an einer Ansiedlung in der Schweiz interessiert sind.

Irland selbst droht nun wegen der Krise, die zu einem Budgetdefizit von über 30 Prozent geführt hat, das Fundament seiner erfolgreichen Ansiedlungspolitik zu verlieren. Lange hat sich deshalb die Inselrepublik geziert, die angetragene Finanzhilfe anzunehmen. Sie wird, wenn nun die Einzelheiten des Rettungspakets ausgehandelt werden, in diesem Punkt nicht so schnell klein beigeben. «Die Iren sind sich bewusst, wie schädlich höhere Unternehmenssteuern für ihre Wirtschaft wären, und sie sind fest entschlossen, mit allen Mitteln dagegen zu kämpfen», so Staubli.

Doch der Druck aus Brüssel ist enorm. «Es ist wahrscheinlich, dass Irland kein Niedrigsteuerland mehr sein wird», erklärte etwa ein Sprecher der EU-Kommission. Falls sich Dublin beugen muss, wird d die Schweiz profitieren. «Bereits ein Anstieg der irischen Unternehmenssteuern um 2 oder 3 Prozentpunkte, allenfalls gepaart mit höheren Einkommenssteuern, würde Umsiedlungsprojekte auslösen», prophezeit Staubli. Schon jetzt herrsche hinter den Kulissen grosse Nervosität, wie er durchblicken lässt. Viele Firmen beobachteten gespannt den Ausgang der Verhandlungen Irlands mit der EU.

Staubli ist klar: Für Unternehmen, die aus Irland abwandern wollen und auf gut ausgebildetes Personal, vorteilhafte Infrastrukturen, hohe Lebensqualität und politische Stabilität setzen, wäre die Schweiz die erste Alternative.

Konkrete Anfragen liegen zwar noch nicht vor. Doch auch Philippe Monnier, Generaldirektor von Greater Geneva Berne Area, ist sich sicher, dass schon in den nächsten Monaten Firmen von Irland in die Schweiz übersiedeln werden. «Mit höheren Unternehmenssteuern verliert Irland seinen letzten Trumpf im direkten Wettbewerb mit der Schweiz», so Monnier. Zudem seien es nicht einzig die Steuern, sondern der mit der irischen Finanzkrise einhergehende Verlust an politischer Stabilität, welcher die Firmen in die sichere Schweiz treiben werde. Tatsächlich ist laut einer Studie des Wirtschaftsberaters Deloitte die politische Stabilität jener Faktor, den Firmen bei der Standortwahl am höchsten gewichten.

Sollten allerdings die Unternehmen gleich massenweise aus Irland in die Schweiz übersiedeln, könnte dies zum Bumerang werden, wie Thomas Holenstein, Delegierter der Wirtschaftsförderung Schaffhausen, befürchtet: «Die Europäische Union wird dann postwendend Mittel finden, um den Druck auch auf die Unternehmenssteuern in der Schweiz zu verstärken.»