Das täglich grössere Verkehrschaos in der Londoner City böte wahrlich gute Argumente fürs Studium daheim. Doch das war nicht der Grund, weshalb die London School of Business and Finance (LSBF) im letzten November einen MBA-Lehrgang lancierte, den man ausschliesslich auf Facebook absolviert.

Für neue Lehrformen auf die sozialen Netzwerke zurückzugreifen, liegt für LSBF-Gründer Aaron Etingen auf der Hand, verbrächten die Studierenden ja ohnehin bereits sehr viel Zeit auf dem weltweit beliebtesten Social Network. Ein Klick auf «Gefällt mir» der entsprechenden Facebook-Seite zum Produkt genügt, und schon taucht man ein in die Geschäfts- und Finanzwelt und erhält Zugriff zu über 100 Stunden Schulmaterial - von High-Definition-Videos, tonnenweise wissenschaftlicher Literatur, Case Studies, Vorlesungen als Podcasts und vielem mehr. Und das alles kostenlos - notabene.

500 000 sollen sagen: «Gefällt mir»

Erst, wer sich nach dem eingehenden Fernstudium fit genug fühlt und die entsprechenden Prüfungen ablegen will, bezahlt 14 500 Pfund, umgerechnet also rund 23 000 Franken. Das ist etwa gleich viel wie ein herkömmliches MBA-Fernstudium. Wenige Tage nach der Lancierung des «LSBF Global MBA» Ende letzten Jahres hatten bereits 30 000 Menschen das Angebot besucht. Inzwischen gefällt die Seite über 90 000 Personen weltweit - die zweite Facebook-Seite zur Anwendung übrigens erst 1200; dafür hat sie derzeit monatlich über 7000 Nutzer. Mit 500 000 Usern rechnet Etingen innerhalb des ersten Jahres.

Anzeige

Über den Durchhaltewillen der Facebook-Studierenden macht er sich freilich keine Illusionen. Man habe einkalkuliert, dass sich 99 Prozent der Besucher die Seiten nur anschauten. Und doch glaubt Etingen, das in die Entwicklung der Applikation investierte Geld bald wieder eingespielt zu haben. Er gibt aber auch zu, dass die Marketingwirkung der 2003 gegründeten Universität sehr willkommen sei. Sie steht oft im Schatten der traditionsreichen London School of Economics (LSE).

Der britischen Universität hat die Facebook-Applikation bisher zumindest beachtliche Publizität gebracht. Findet die Idee in der hiesigen Hochschullandschaft bald ihre Nachahmer? Im Gegensatz zu anderen Anbietern mit MBA-Fernstudien, die sich zum Thema lieber nicht äussern, ist die Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) in Brig auskunftsfreudig. Man verfolge aus didaktischen Gründen einen ganzheitlicheren Ansatz, sagt Ronny Mathieu, Abteilungsleiter Zentrale Dienste/Qualitätsmanagement, im Rahmen dessen sich die verschiedenen Medien ergänzten. Facebook und Twitter betrachte man als zusätzliche Kommunikations- und Interaktionskanäle. «Ein isolierter Kanal passt nicht in unsere Vorstellung eines E-Hochschul-Modells, in dem die Studierenden ja auch didaktisch begleitet werden sollen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das mit 30 000 Studierenden auf Facebook funktionieren soll.» Facebook biete überdies nicht die Möglichkeiten von modernen Lernplattformen, etwa was die Anbindung an Datenbanken, aber auch die Ansprüche an die Datensicherheit betreffe.

Für die Fernfachhochschule Schweiz seien Social Media heute vor allem Möglichkeiten für einen direkteren Zugang zu den Studierenden. «Etablierte Lehr- und Lernumgebungen, die über Jahrzehnte entwickelt wurden und sich nachhaltig bewährt haben, können sie nicht ersetzen», ist Mathieu überzeugt.

Schweizer MBA-Anbieter skeptisch

Skeptisch gegenüber einem solchen Angebot ist auch Erik Nagel, Studienleiter Executive MBA und Professor an der Hochschule Luzern - Wirtschaft (HSLU). «Es handelt sich meines Erachtens vor allem um einen Hype. Ob die Lerninhalte über eine solche Applikation besser vermittelt werden, als im klassischen Fernstudium ist fraglich. Entscheidend ist die Qualität des Lernmaterials und die effektiv gebotene Lernunterstützung.» Nagel findet es auch problematisch, wenn Studierende sich den Stoff alleine, 800 Stunden vor dem Computer sitzend, aneignen. Es sei hinlänglich bekannt, dass Lernen und Entwicklung in Interaktion und im gegenseitigen Austausch mit Dozierenden und Studienkollegen passiere.

Anzeige

An der Wirtschaftsfakultät der HSLU ist daher die Einführung eines solchen Angebots ebenfalls kein Thema. «Wir setzen auf die Qualität der Lernprozesse, auf hochwertigen Präsenzunterricht mit passenden E-Learning und IT-basierten Ausbildungstools», ergänzt Nagel. Die HSLU nutze überdies gerade in den MBA-Angeboten seit Jahren virtuelle Lernplattformen und Austauschforen, die insbesondere die projektorientierte Zusammenarbeit unter den Studierenden förderten.