Thierry Guizzardis Destillierkessel fasst nur 25 Liter. Das ist praktisch, weil man ihn schnell verstecken kann, sollte die Polizei vorbeikommen. Heute passiert das zwar nie mehr, da das Absinth-Verbot bereits 2005 aufgehoben wurde. Der 47-jährige Gründer und Geschäftsführer der Distival-Destillerie erzählt die Geschichte aus früheren Zeiten aber so lebhaft, als ob die Gefahr noch immer bestünde. Es gehört zur Show, die er Besuchern bietet. Leben kann er von seiner Brennerei nicht. Während der Woche handelt Guizzardi mit Motorradzubehör.

Im Val de Travers gibt es heute wieder 24 Absinth-Produzenten. Für sie alle ist der Schnaps, der traditionell aus Wermut, Anis, Fenchel und diversen Kräutern besteht, eine Leidenschaft. Für das Tal ist die grüne Fee aber auch zu einem Geschäft geworden. Zusammen mit den Uhren bescherte sie der früher von Arbeitslosigkeit und Abwanderung bedrohten Region in den letzten zehn Jahren einen Boom. Von Absinth-Schokolade, über Absinth-Würste bis hin zu Absinth-Kosmetik wird hier mittlerweile alles hergestellt.

Lange Tradition

Guizzardi brennt seinen Absinth in Fleurier, im Keller des ehemaligen Hotels La Raisse. Es ist ein imposantes Haus aus dem Jahr 1896, das am Ende eines langen, mit Bäumen gesäumten Wegs steht. Gleich dahinter beginnt der Wald. Heute verkauft er pro Jahr mehrere 100 Liter des mit 56 Volumenprozent stark alkoholischen Schnapses. Seit diesem Jahr exportiert er auch nach Frankreich.

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2005 begann er mit dem Absinth-Brennen. «Erst nach der Legalisierung», wie er betont. Er ist damit eine Ausnahme. Die meisten seiner Berufskollegen brannten auch während des 95 Jahre dauernden Verbots. Guizzardi zeigt auf ein Bild an der Wand. Es zeigt einen triumphierenden Priester. Vor ihm am Boden liegt die tote grüne Fee. «Früher war dieses Bild in Bars und Restaurants ein Zeichen dafür, dass man Absinth bestellen konnte, natürlich unter einer anderen Bezeichnung. Man bestellte etwa ‹une bleue› oder ‹un lait du Jura›», erzählt Guizzardi.

Geschützte Bezeichnung

Auf die jahrhundertelange Tradition im Tal sind die Produzenten stolz. Darauf berufen sie sich jetzt bei ihrer Forderung nach einem Herkunftsschutz, einer Appellation d’Origine Contrôlée (AOC). «Viele lokale Produzenten erhielten das Handwerk trotz des Verbots am Leben. Einzelne nahmen Bussen bis zu einer Million Franken auf sich. Es darf nicht sein, dass jetzt andere auf den Zug aufspringen und etwas Gepanschtes als Absinth verkaufen», sagt Guizzardi. Er erzählt von tschechischen Firmen, die «etwas Undefinierbares als Absinth nach Rezepten aus dem Val de Travers» verkauften. Oder von französischen Firmen, die französischen Kräuterschnaps als «Absinthe Suisse» verkauften.

Anderen sind die Monopolisierungsbestrebungen der Neuenburger ein Graus. 42 Einsprachen wurden gegen das AOC-Gesuch erhoben. Sie werden im Moment vom Bundesamt für Landwirtschaft geprüft. Eine Einsprache stammt von der Erlebnisbrennerei Kallnach im Kanton Bern. «Von einer Tradition zu sprechen, wenn das Produkt eigentlich die letzten 95 Jahre verboten war, ist eine Frechheit», sagt Geschäftsführer Oliver Matter. Ausserdem seien auch vor dem Verbot nur etwa die Hälfte der Absinth-Produzenten im Val de Travers ansässig gewesen.

Der Export von Absinth ging auf jeden Fall merklich zurück. Statt 824 Hektoliter wie noch 2008 waren es 2010 nur noch 81 Hektoliter reinen Alkohols. Die illegale Vergangenheit der grünen Fee wirkt aber immer noch als Marketinginstrument. Guizzardis Absinth heisst denn auch «L’interdite».

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