Sind die Absolventen der Universität Basel einfach optimistischer als andere? Denn nach Einschätzung von Birgit Müller, Geschäftsführerin Career Service Center, scheint dort nicht gerade die Angst bezüglich gesunke-ner Arbeitsmarktchancen umzugehen. Es sieht fast so aus, als sei die Wirtschaftskrise im Moment kaum ein Thema bei den Studierenden der Betriebs- und Wirtschaftswissenschaften.

Auch die Frage, ob bei BWLern in den Beratungsgesprächen ein Trend zu kleineren Banken, anderen Branchen, mittleren Betrieben oder Auslandaufenthalten vor dem Einstieg ins Berufsleben festgestellt wird, beantwortet sie eher gelassen: Als Alternative zu Grossbanken seien andere Finanzinstitute schon immer ein Thema für Studierende gewesen, die sich ja zugleich bei fünf oder mehr Stellen bewerben. Die Krise würde kaum thematisiert, denn die BWLer fänden nach wie vor ihr Plätzchen und die Phil. I wüssten ja längst, dass sie aktiv suchen müssten.

Vieles ist schon vorher geplant

Einen Trend zu KMU als Alternative kann Birgit Müller ebenso wenig feststellen. «Die Absolvierenden gehen zu KMU, wenn sie schon vorher ein Faible dafür hatten.» Zudem liessen sich die Hochschulabgänger nicht von ihren Plänen abbringen. Das kann ein Direkteinstieg, ein Praktikum bzw. Volontariat oder ein Aus-landsaufenthalt sein - aber nicht, um die derzeitige Krise Sinn füllend zu bewältigen, sondern weil das schon vorher geplant war. Auch scheint für die Absolventen die Idee, sich eventuell selbstständig zu machen, keine Alternative und damit kein Thema zu sein. Also alles fast wie bisher?

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An der Universität St. Gallen ist man vielleicht eine Spur realistischer. Dort haben die letzten HSG-Absolventen im Oktober 2008 ihre Bachelor- und Master-Diplome erhalten, ungefähr zeitgleich mit dem Übergang der Finanzmarkt- in die veritable Wirtschaftskrise. Inwieweit sich die Situation heute, ein halbes Jahr später, verändert hat, ist schwer zu sagen - die nächsten Diplomfeiern sind erst im Oktober 2009.

Die von der HSG regelmässig durchgeführten Absolventenbefragungen haben für den Herbst 2008 noch keine Veränderungen zutage gebracht, stellt Thorsten Thiel, Direktor Career Service Center der Universität St. Gallen, fest. 70% der Bachelor-Absolventen wollen sich ohnehin akademisch weiter qualifizieren, 20% legen ein Zwischensemester oder -jahr für ein Praktikum ein und nur 10% steigt direkt in den Beruf ein.

Anders sieht es bei den Master-Absolventen aus. Im Herbst 2008 hatten 85% zum Zeitpunkt der Diplomfeier bereits eine Stelle gefunden. Die Arbeitsmarktchancen wurden von den befragten Berufsanfängern überwiegend als «gut» (46%) oder «sehr gut» (11%) eingeschätzt - aber ein starkes Drittel meinte «mittelmässig» (35%), jeder zehnte nannte sie gar «schlecht» oder «sehr schlecht». Die Einschätzungen sind nach Thorsten Thiel damit deutlich gedämpfter als noch beim Master-Jahrgang 2007 - und bis zum nächsten Abgang vergehen noch sechs Monate. Erst dann könne man die Lage rückblickend wirklich beurteilen.

2. Quartal 2009 wird es zeigen

Mit aktuellen Aussagen hält sich auch Roger Gfrörer, Leiter Career Service Center der Universität Zürich, zurück. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Firmen bei den strategisch doch sehr wichtigen Trainee-Programmen sparen - zumindest war dies noch der Tenor im letzten Herbst.» Damals versprühte die Homepage des Karrierezentrums noch Optimismus mit dem Text: «Keine Reduktion von Trainee-Programmen.»

Für das 2. Quartal 2009 sind neue Umfragen geplant. Auch eine Standortbestimmung, wie die Studierenden mit der für sie neuen Situation umgehen, ist erst in der Pipeline. Die Universität Zürich versucht bei Anfragen, alternative Handlungsstrategien anzugeben, «doch melden sich bei uns interessanterweise nicht viele Studierende explizit wegen der Krise», wundert sich Roger Gfrörer.

Der Hauptteil der Anfragen bezieht sich seit der Gründung des Career Service Center an der Universität Zürich auf Unterstützung in Entscheidungsfragen. Offenbar ist diese zwar nicht ganz unerwartete globale Wirtschaftskrise in guten Zeiten niemals als «worst case» thematisiert worden. Darüber hinaus haben wohl auch die Studierenden noch immer die fetten Jahre im Kopf, als die Jagd auf die klugen Köpfe ein Ausmass angenommen hat, das heute fast nicht mehr vorstellbar ist.

 

 

NACHGEFRAGT Rudolf Stichweh, Rektor der Universität Luzern (Theologie, Kultur-, Sozial- sowie Rechtswissenschaft)


«Studium sollte sich nicht ausschliesslich am Markt ausrichten»

Die Universität Luzern gehört zu den kleinsten der Schweiz. In einigen Fakultäten, wie der theologischen und geisteswissenschaftlichen, geniesst sie internationales Ansehen. Gehen diese Angebote nicht am Markt vorbei? Der ruft doch noch immer nach Betriebs-ökonomen, Ingenieuren oder Informatikern.

Rudolf Stichweh: Wir stellen fest, dass die Absolventen unserer drei Fakultäten - denn wir haben hier seit 2001 auch eine rechtswissenschaftliche Fakultät - in der Regel sehr gut am Arbeitsmarkt ankommen. Es ist keine Volluniversität, aber auf ihre Art spezialisiert auf Sozial-, Geistes- und sonstige Humanwissenschaften. Natürlich können Humanwissenschaftler und Soziologen durchaus in Banken oder der Industrie ihren Platz finden. Ich stelle fest, dass die Absolventen unserer drei Fakultäten in der Regel sehr rasch nach dem Studienabschluss eine Stelle finden.

Sollte die Universität Luzern ihr Angebot nicht an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichten?

Stichweh: Ich habe zunehmend den Eindruck, dass viele Stu- dierende, während sie bei uns studieren, auch schon den Arbeitsmarkt systematisch absuchen. Früher hat man damit bis zum Ende des Studiums gewartet. Ich gebe jedoch zu beden- ken, dass eine Universität ihr Angebot nicht am Arbeitsmarkt sowie den Berufschancen ihrer Studierenden ausrichtet, son-dern der Nachfrage nach einem Studiengang. Somit wachsen eben nicht unbedingt die Fächer, die sich der Markt wünscht, sondern diejenigen, die Studierende für sich selbst wünschen. Wichtiger als das Image eines Berufs sollten die Begeisterung und Leidenschaft für etwas sein, das man tut.

Befinden Sie sich mit Ihrem Angebot besonders heute auf der sicheren Seite? Werden in einer Zeit, wo viel von Ethik und Wandel gesprochen wird, vielleicht sogar mehr Pfarrer und Sozialwissenschaftler gebraucht?

Stichweh: Was Theologen be-trifft, muss ich Ihnen recht geben. Es gibt einen riesigen unbefriedigten Bedarf für katholische Pfarrer und Diakone. Die werden händeringend gesucht. Da ist die Nachfrage weitaus grösser als wir sie mit etwa 200 Studierenden befriedigen können. Katholischer Pfarrer zu werden, ist heute nicht für viele Menschen besonders attraktiv. Denken Sie an das Zölibat, das viele daran hindert.

Das heisst, wer hier Theologie studiert, muss sich keine Sorgen um einen Arbeitsplatz machen?

Stichweh: Es gibt ja noch die Möglichkeit, Religionslehrer oder Diakon zu werden. Oder Mitarbeiter in einer Non-Profit-Organisation oder in einer Personalabteilung. Viele Theologie-Studenten sehen dieses Studium aber auch als eine Art Weiterbildung - und einige sind bereits berufstätig.