Noch vor einem Jahr gab sich Steven Newman ganz und gar nicht zugeknöpft. Damals stand der Chef der Tiefsee-Ölbohrfirma Transocean mit vier Frauen auf einer Bühne in Mumbai und führte einen indischen Tanz vor. Bis vor Kurzem war das Video auch noch auf der Website des Unternehmens zu sehen. Es ist ebenso verschwunden wie die Bereitschaft, irgendetwas mit der Öffentlichkeit zu tun zu haben.

Aus Sicht des Unternehmens macht das auch durchaus Sinn. Transocean war der Betreiber der Ölplattform «Deepwater Horizon», die vor mehr als drei Monaten im Golf von Mexiko explodiert und versunken ist. Doch während BP den geballten Zorn der Fischer, Hotel- und Restaurantbesitzer sowie von US-Präsident Barack Obama zu spüren bekommt, hat sich Transocean geschickt aus der Schusslinie genommen.

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Bisher jedenfalls. Denn diese Woche kommen in der Bergstadt Boise im US-Bundesstaat Idaho sieben Richter zusammen, um eine bedeutende Entscheidung zu treffen. Von ihrem Urteil hängt ab, ob und wie die Klagen gegen die an der Ölkatastrophe beteiligten Firmen gebündelt werden. Spätestens dann rückt auch Transocean ins Licht der Öffentlichkeit. Das Abtauchen verschafft nach Ansicht des Wirtschaftsprofessors Joseph Mason von der Louisiana State University langfristig ohnehin keinen Vorteil: «Vor Gericht werden sie ebenso wie BP für ihre Schuld an der Ölkatastrophe zur Verantwortung gezogen.»

Eigentlich ist Transocean eine amerikanische Firma. Doch der Tiefseebohrkonzern hatte seinen Hauptsitz von den USA erst auf die Cayman Islands und dann 2008 in den Kanton Zug verlagert. Steuervorteile mögen der Hauptgrund gewesen sein. Allerdings muss man fairerweise hinzufügen, dass Transocean drei Viertel ihres Umsatzes ausserhalb der USA erwirtschaftet. Im 1. Quartal lag dieser bei 2,6 Mrd Dollar und somit eine halbe Milliarde unter dem Vorjahreswert. Als Gewinn blieben Transocean 685 Mio Dollar übrig.

Schon immer Ärger

Auch schon vor der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko war das Unternehmen Ärger gewohnt. Norwegen wirft ihm vor, Steuern in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags hinterzogen zu haben. Menschenrechtsaktivisten behaupten, dass der Konzern Geschäfte mit einer zwielichtigen Firma in Myanmar gemacht habe, die als Handlanger der Regierung an Geldwäsche beteiligt gewesen sein soll. Trotz allem sieht sich Transocean zu Unrecht am Pranger. «Für jeden Tropfen Öl, der aus dem lecken Bohrloch in den Golf von Mexiko läuft, ist BP verantwortlich», sagt Lou Colasuonno, der als Sprecher für Transocean in New York arbeitet. BP habe die Plattform «Deepwater Horizon» von Transocean geleast und dabei einen Vertrag unterschrieben, der diese Frage eindeutig kläre. «Transocean ist nur für das Öl verantwortlich, das sich auf der Plattform befand», so Colasuonno. Da die Plattform 36 Stunden brannte, bevor sie im Meer versank, dürfte davon nicht viel übrig geblieben sein. Transocean wäre somit fein heraus.

Allerdings erhebt unter anderem der Cheftechniker der Plattform gegen Transocean schwere Vorwürfe. So sei der Hauptalarm abgestellt worden, der möglicherweise die aufsteigende Wolke entflammbaren Methangases hätte melden und somit das Leben der elf gestorbenen Bohrinselarbeiter hätte retten können. Colasuonno weist dies als «Spekulation» zurück. Den Hauptalarm auszuschalten sei gängige Praxis auf See. Auf der «Deepwater Horizon» habe es hunderte verschiedener Feuer- und Gasalarme gegeben. Diese würden teilweise schon durch den Rauch einer Zigarette oder heissen Dampf aus der Dusche ausgelöst, so der Sprecher.

Titanic-Klausel gilt nicht

Eine Schlappe musste Transocean allerdings schon einstecken. Das Unternehmen wollte die Ansprüche der Bohrinsel-Mitarbeiter auf 27 Mio Dollar begrenzen und berief sich dafür auf die sogenannte Titanic-Klausel. Als der Luxusdampfer 1912 einen Eisberg rammte und unterging, mussten diejenigen Schadensersatz leisten, die die Schifffahrt organisiert hatten. In diesem Sinne argumentiert auch Transocean, denn schliesslich hatte BP ja von ihnen die Ölplattform geleast. Ein amerikanisches Gericht entschied nun, dass diese Klausel hier nicht gilt und stattdessen die gängigen Umweltschutzgesetze zur Anwendung kommen. Diese geben den Anwälten der Kläger weitaus mehr Spielraum, sodass sie sich angesichts der grössten Umweltkatastrophe Amerikas sicherlich nicht mit einem zweistelligen Millionenbetrag zufriedengeben werden.