Louis Vuitton besitzt den Anspruch, Reisende mit all dem auszustatten, was sie unterwegs brauchen», begründet Albert Bensoussan die aktuelle Produktphilosophie seines Arbeitgebers Louis Vuitton. Und weiter: «Dazu gehören eben auch Uhren, welche dem Luxus- und Qualitätsanspruch der Traditionsmarke Louis Vuitton voll und ganz gerecht werden müssen.» Der Franzose weiss, wovon er spricht. Immerhin ist er bereits 24 Jahre im Uhrengeschäft tätig. Bensoussan: «Meine erste Uhrenmesse in Basel erlebte ich 1984 in den Diensten von Cartier.»

Nach Umzug nun Vollgas

Inzwischen ist Albert Bensoussan ganz oben auf der Leiter angekommen. Er verantwortet bei Louis Vuitton den relativ neuen Bereich Uhren und leitete in dieser Funktion auch den kürzlich erfolgten Umzug «um die Ecke» in ein neues Gebäude im Herzen der Industriezone von La Chaux-de-Fonds. Das alte Gebäude brauchte die Schwester TAG Heuer dringend für ihr eigenes Wachstum. Auf nun gut 2500 m2 kann das Uhrendepartement von Louis Vuitton weiterwachsen.

Zahlen will Albert Bensoussan entsprechend dem Comment von Gruppen, welche die Resultate ihrer Mitglieder konsolidieren, nicht nennen, aber Yves Carcelle, der allgewaltige Louis-Vuitton-CEO kommt ihm zu Hilfe: «Nehmen Sie einen Wert zwischen 25000 und 50000 Uhren pro Jahr, dann liegen Sie mit Sicherheit nicht falsch ...»

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Schwergewicht liegt beim Quarz

60% aller Uhren besitzen ein Quarz-, 40% ein Automatikwerk. Naturgemäss finden sich letztgenannte grösstenteils an maskulinen Handgelenken. Im Ranking der Märkte belegen Japan, Asien (ohne China) und dann das Reich der Mitte die ersten drei Plätze. Dann erst folgen Europa und dahinter die USA.

Die derzeit 110 Referenzen, gleichgültig, ob sie Tambour oder Speed heissen, egal ob mit elektronischem oder kompliziertem mechanischen Innenleben ausgestattet, sind rund um den Globus nur in rund 180 eigenen Vuitton-Markenboutiquen zu haben. Das unterbindet jegliche Form von Graumarkt. «Sollte wider Erwarten ein Exemplar aus unsicherer Quelle auftauchen, können wir seinen Weg Schritt für Schritt nachverfolgen», konstatiert Bensoussan im kunstsinnig gestalteten Foyer seines neuen Imperiums. «Jede unserer Armbanduhren ist nicht nur individuell nummeriert, sondern auch exakt in unseren Büchern erfasst. Wir wissen genau, welches Geschäft sie wann erhielt und kennen vielfach auch die endgültigen Kunden oder Kundinnen.»

Die Preisspanne der Kollektion bewegt sich zwischen 3500 und 18000 Fr. Darüber rangieren nur die Sondermodelle und die Top-Komplikation, das Tourbillon Tambour Monogramm. Wie der Name zum Ausdruck bringt, ist jeder dieser begehrten Wirbelwinde individualisiert. Jeden Monat entsteht eines dieser Tourbillons – mehr nicht.

Mit persönlicher Auslieferung

Ähnlich individuell wie die Ausführung vollzieht sich auch die Lieferung. «Ich kenne alle unsere Tourbillon-Kunden. Die ersten zehn Exemplare habe ich sogar selbst überbracht», schildert Bensoussan. Und weiter: «Dabei habe ich sehr interessante Dinge erlebt.»

Wenn es um ein Tourbillon mit einem Preis von mindestens 165000 Euro geht, ist der Kunde tatsächlich so etwas wie ein König. Nach durchschnittlich acht Monaten Wartezeit darf er bestimmen, wo und in welcher Form die Uhr überreicht wird. Ein Südamerikaner erbat einen Sonntagslunch für die gesamte Familie … und bekam diesen selbstverständlich. Ein Uhrenliebhaber in Hongkong wollte mit dem Rolls-Royce abgeholt werden und mit Brieffreunden im Restaurant des Peninsula-Hotels luxuriös tafeln. Auch dieser Wunsch war Bensoussan Befehl.

Ganz anders schliesslich ein Europäer. Er bestand darauf, dem Buchhalter höchstpersönlich seinen Scheck zu überreichen, weil er wissen wollte, wohin derart viel Geld geht. Für Louis Vuitton stellte auch das kein sonderliches Problem dar …

«Eine Manufaktur sind wir nicht», bekennt Bensoussan frank und frei, «diesen Anspruch haben wir auch noch nie erhoben.» Louis Vuitton bezieht seine Uhrwerke von externen Lieferanten. Die Schwester Zenith gehört dazu, die ETA ebenfalls, und seit kurzem auch Soprod. Bei den Regattauhren und der brandneuen Montre d’Orientation sitzt Dubois-Dépraz mit im Boot. Der Mechanikspezialist La Joux Perret steuert die Tourbillon-Kaliber und der Gehäusefabrikant Orolux die unterschiedlichen Schalen bei.

Mit Louis Vuitton kooperieren zu dürfen ist sicherlich eine grosse Ehre, stellt aber auch eine im-mense Herausforderung dar. Etwa ein Fünftel der Mitarbeiter sitzt in der Wareneingangskontrolle. Stück für Stück knöpfen sie sich die gelieferten Komponenten vor. Bensoussan: «Manche unserer Geschäftspartner finden Louis Vuitton zu hart in den Qualitätsansprüchen. Deshalb sind einige Lieferanten bereits wieder ausgestiegen. Sie konnten oder wollten unsere Messlatte nicht einhalten.»

Für Bensoussan war das kein Beinbruch. Er kennt die Branche lange genug, um Alternativen zu finden. «Wir gewähren auf jede unserer Uhren fünf Jahre uneingeschränkte Garantie. Da können wir uns im Grunde genommen keine Ausfälle leisten.» Die Rücklaufquote bestätigt denn auch diese Aussage: Weniger als 2% der in La Chaux-de-Fonds fertig gestellten Uhren müssen irgendwann nachgebessert werden.

Dementsprechend ausgeprägt ist der Ehrgeiz aller Uhrmacher bei Louis Vuitton. Bensoussan kennt jeden von ihnen. Ein Handschlag und einige persönliche Worte gehören zum selbstverständlichen Begrüssungsritual im Haus. Das dient nicht nur der Motivation, sondern fördert auch das Zusammengehörigkeitsgefühl. Bensoussan: «Die Mitarbeiter sind das wertvollste Gut eines Uhrenherstellers.»

Zum Schluss legt der chronometrische Statthalter des Pariser Luxuskonzerns grossen Wert auf die Feststellung, dass es sich bei seinen Kunden keineswegs um sogenannte Fashion Victims handelt. Bensoussan: «Viele davon sind echte Kenner. Sie besitzen auch Uhren anderer Marken und wollen durchaus wissen, was wir in unseren Gehäusen verbauen.» Und dann gibt es diejenigen Zeitgenossen, welche man salopp als «Hard-core-Käufer» bezeichnen könnte. Menschen also, für die Louis Vuitton eine echte Weltanschauung verkörpert.