Am 7. Juni beginnt die Fussball-Europameisterschaft. Wird Adidas in der prominentesten Sportkategorie die Umsätze des WM-Jahres 2006 übertreffen?

Herbert Hainer: Eine Weltmeisterschaft hat natürlich eine andere Dimension. Eine WM dauert länger als eine EM, es nehmen mehr Mannschaften teil. Ausserdem sind Österreich und die Schweiz nicht so grosse Märkte wie Deutschland. Das sind Faktoren, die man berücksichtigen muss. Trotzdem haben wir offensive Ziele. Wir wollen in diesem Jahr, auch dank der Europameisterschaft, über 1,2 Mrd Euro mit Fussballprodukten umsetzen, also den Rekord des Jahres 2006 verbessern.

Wie viel mehr ist realistisch? 1,3 Mrd oder sogar 1,4 Mrd?

Hainer: Es ist noch zu früh, um das genauer zu beziffern. Etwa 80% des Umsatzes mit der Europameisterschaft sind schon jetzt gesichert, aber 20% hängen davon ab, wie das Turnier verläuft. Wenn es die ganze Zeit regnet, werden wir Umsatzeinbussen haben. Wenn die Sonne scheint, hilft das der Stimmung und den Umsätzen. Wichtig ist auch, wie lange unsere Mannschaften im Wettbewerb bleiben. Als Griechenland 2004 Europameister geworden ist, haben wir 150000 Trikots zusätzlich verkauft.

Wie sehr schmerzt es Adidas, dass Nike durch die Übernahme von Umbro die Marktführerschaft im Fussball erobert hat?

Hainer: Wir sind unverändert die Nummer eins im Fussball und werden weiter daran arbeiten, unsere Führungsposition auszubauen.

Nike dürfte da zu einem anderen Ergebnis kommen.

Hainer: Für uns zählen reine Fussballprodukte. Wir rechnen keine Lifestyleprodukte hinein, die nur entfernt etwas mit Fussball zu tun haben. Bei Fussballschuhen, da gibt es eindeutige Marktanteilszahlen, liegen wir in allen Regionen deutlich vorn.

Nur durch die Europameisterschaft werden sie die Fussballumsätze des WM-Jahres 2006 nicht übertreffen können.

Hainer: Da spielen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle. Wir haben zum Beispiel seit Mitte 2006 die britischen Klubs Chelsea und Liverpool unter Vertrag, die unseren Umsatz steigern. Ausserdem wachsen wir überproportional in Asien, in Lateinamerika, auch in Osteuropa. Das gilt nicht nur für den Fussballbereich, sondern die gesamte Marke Adidas. In Russland etwa haben wir unseren Gesamtumsatz zuletzt jährlich um 50% gesteigert. 2010 wird Russland für Adidas der grösste Markt in Europa sein.

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Macht es sich heute bezahlt, dass Adidas in den 70er und 80er Jahren so viele Sportler der damaligen Sowjetunion ausgerüstet hat?

Hainer: Mit Sicherheit. Wir waren über Jahrzehnte Ausrüster zahlreicher Sportverbände der ehemaligen Sowjetunion, auch anderer Ostblockstaaten. Dadurch hat sich Markenimage bei den Menschen dort verfestigt. Ausserdem waren wir mit Adidas die ersten, die nach der politischen Wende in Russland in diesen Markt investiert haben.

Wie gross ist die finanzielle Bedeutung eines Marktes wie Russland heute konkret?

Hainer: Wir haben das Ziel ausgegeben, im Jahr 2009 als Gruppe in Russland mindestens eine Milliarde Dollar umzusetzen. Wir sind auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen.

Das Wohlstandsgefälle ist in Schwellenländern sehr viel stärker als in Westeuropa. Kann man in der russischen Provinz denselben Preis verlangen wie in Moskau, wo finanzkräftigere Kundschaft wohnt.

Hainer: Die Preise für ein Produkt sind im ganzen Land im Wesentlichen identisch. Ein Predator-Fussballschuh kostet also in Moskau genau so viel wie in Wladiwostok. Lediglich der Produktmix ist regional verschieden. In Moskau verkaufen wir mehr Schuhe und Textilien aus höheren Preiskategorien als etwa in Sibirien.

In Nordamerika, dem Kernmarkt von Reebok, sind die Umsätze noch immer enttäuschend. Wie lange müssen Aktionäre noch auf die Wende warten?

Hainer: Nicht mehr lange. 2009 werden wir in Nordamerika beim Umsatz auf Dollar-Basis wieder wachsen. Beim Gesamtumsatz von Reebok, also weltweit, werden wir schon in diesem Jahr zulegen.

Alle reden über die Fussball-EM und über Olympia in China. Intern sind Sie längst bei den Vorbereitungen für das Jahr 2009. Was wird die nächste Wachstumsstory?

Hainer: Wir haben durch die Markenvielfalt inzwischen jeden Monat ein sportliches Grossereignis, auch unabhängig von Olympia oder einer Fussball- EM. Das fängt im Januar an mit den Australian Open im Tennis, geht über den Super Bowl im American Football und das NBA Allstar Game im Februar weiter, im März beginnt die Golfsaison und dann so das ganze Jahr weiter. Jede Kategorie ist wichtig und muss zum Wachstum beitragen.

Welche Rolle wird der Bereich Outdoor, also funktionelle Freizeitkleidung, spielen?

Hainer: Outdoor ist eine Kategorie, in der wir mit der Marke Adidas im kommenden Jahr verstärkt angreifen werden. Aber das Wachstum des Gesamtkonzerns muss natürlich über die grössten Kategorien kommen, also vor allem Running, Training, Women, Basketball, natürlich auch Fussball und Lifestyle.

Wie stark ist Adidas im Outdoor-Bereich?

Hainer: Nach Umsatz sind wir die fünftgrösste Outdoor-Firma in der Welt und das, obwohl wir den Bereich noch nicht richtig angepackt haben. Wir glauben, dass wir definitiv mehr Potenzial haben.