Die «Vorsichtskasse» der Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist zu Beginn der letzten Handelswoche des Jahres 2011 auf einen Rekordwert gestiegen. Die eintägigen Einlagen kletterten auf 411,813 Milliarden Euro und damit so hoch wie noch nie, wie aus Zahlen der EZB hervorgeht.

Am Freitag hatten sie noch fast 65 Milliarden Euro niedriger bei 347 Milliarden Euro gelegen. Zuletzt erreichten die Einlagen einen Rekord im Sommer 2010 bei knapp 385 Milliarden Euro.

Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB sind ein Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise greifen die Institute kaum auf diese sehr kurzfristigen Geschäfte mit der Notenbank zurück, da die Konditionen ungünstig sind.

Normalerweise parken die Banken ihr Geld im Rahm im Rahmen des EZB-Einlagengeschäfts nur für eine Nacht bei der EZB. Wegen der Weihnachtsfeiertage hat sich dieser Zeitraum aber über drei Tage ausgedehnt. EZB-Experte Michael Schubert von der Commerzbank sah in den Weihnachtstagen eine mögliche Erklärung für das Rekordvolumen bei den Einlagen der Banken. Das Parken der Milliarden sei demnach eine «Zwischenlösung».

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Ähnlich wie 2008

Normalerweise greifen die Institute kaum auf diese sehr kurzfristigen Geschäfte mit der Notenbank zurück, da die Konditionen ungünstig sind. Der Zinssatz liegt bei nur 0,25 Prozent. In der vergangenen Woche hatte die EZB aber in einem Dreijahreskredit ein Volumen von fast 500 Milliarden Euro an Banken der Eurozone ausgeschüttet.

Nach Einschätzung des Experten Schubert könnte ein Grossteil dieses Geldes nun über die Weihnachtsfeiertage bei der EZB geparkt worden sein. Im ersten Quartal 2012 würden viele Bank-Anleihen auslaufen und die Institute müssen dann schnell auf grössere Summen zurückgreifen.

Zudem könnten vor dem Hintergrund der Euro-Schuldenkrise die Geldhäuser derzeit eine «Vorsichtskassenhaltung» praktizieren, sagte Schubert. Schon bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor mehr als drei Jahren seien die Banken in ähnlicher Weise auf Nummer sicher gegangen und hätten für das Parken von Geld bei der EZB ebenfalls unterm Strich Zinsverluste in Kauf genommen.

Lage angespannt

Für gewöhnlich versorgen sich die Banken lieber untereinander mit Geld. Eine Vorsichtsmassnahme wie das Parken von Geld bei der Zentralbank ist daher nach Einschätzung des Commerzbank-Experten Schubert allerdings auch «indirekt ein Zeichen dafür, dass die Anspannung im Bankensektor unverändert hoch ist».

Ausschlaggebend für die angespannte Lage der Banken sind die Schuldenkrise und das starke Engagement einzelner Geldhäuser in Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten. Als ein weiterer Gradmesser für die Krise in der Bankenwelt gelten die eintägigen Ausleihungen der Banken bei der EZB, für die derzeit ein Zinssatz von 1,75 Prozent gilt, also deutlich mehr als der aktuelle Leitzins von 1,0 Prozent.

Die Ausleihungen gingen zwar laut den aktuellen Daten leicht von 6,3 Milliarden auf 6,1 Milliarden Euro zurück. Das aktuelle Niveau ist aber dennoch deutlich höher als üblich.

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(tno/vst/awp)