AUSSTELLUNG. Bereits als 17-Jähriger ging Félix Vallotton (1865–1925) nach Paris – mit dem festen Entschluss, Maler zu werden. Sein Zeichentalent hatte man bereits in Lausanne entdeckt; nun wollte er an der privaten Kunstschule Académie Julian studieren. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er in Paris, schätzte dort aber ein zurückgezogenes Leben weit mehr als den Trubel der Grossstadt. Er war ein distanzierter Beobachter, der seinen Porträts eine kühle Atmosphäre verlieh, die Landschaften zu Formen stilisierte und seine grossen Akte mit ungeschminkter Direktheit auf die Leinwand bannte. Dabei scheute er weder karikierende Anspielungen noch wahrte er den Schein der bürgerlichen Idylle. Er schuf mitunter weibliche Akte von irritierender Direktheit und Stillleben von eigenwilliger Härte.

Raffinierte Inszenierung

Unterhaltsam und anregend präsentieren sich die rund 90 Gemälde, die das Kunsthaus Zürich raffiniert inszeniert hat. Vallotton hat in seinem Leben ungefähr 1700 Gemälde geschaffen sowie ein bedeutendes grafisches Werk – allen voran seine berühmten Holzschnitte, die jedoch in der Ausstellung ausgeklammert sind. Das grosse Œuvre lässt viele Perspektiven zu, denn es ist stilistisch nicht kompakt, sondern voller Brüche und Widersprüche. Während etwa das Kunstmuseum Bern 2004 seine grandiosen Sonnenuntergänge zeigte, liegt nun der Fokus – wie schon der Ausstellungstitel «Idylle am Abgrund» verrät – eher auf den ironischen und gesellschaftskritischen Themen. Gezeigt werden etliche seiner messerscharfen, unbeschönigten «Körperporträts», die nach Meinung seiner Zeitgenossen die Grenzen des Erträglichen überschritten, ihn aber zugleich zum international beachteten Künstler machten.

Schwarzer Humor

Vallotton verkehrte einige Zeit im Kreis der Künstlergruppe «Nabis», arbeitete als Illustrator für avantgardistische Zeitschriften und schrieb auch beissend sarkastische Stücke und Romane. Seine Darstellungen waren pointiert, indiskret, bisweilen auch schamlos und von schwarzem Humor durchsetzt.Zwischen 1892 und 1910 hat Vallotton rund 50 Bilder mit Innenräumen gemalt. Es sind bürgerliche Intérieurs, wie sie die Nabis um Bonnard und Vuillard pflegten. Doch statt flächig-dekorativer Arrangements sind es bei Vallotton Schauplätze einer menschlichen Komödie der Irrungen und Wirrungen, voller Sehnsüchte und unerfüllter Hoffnungen. «La visite» von 1899 zeigt beispielsweise, wie eine Dame der Gesellschaft sich die Freiheit nimmt, die Wohnung ihres Liebhabers aufzusuchen. Bei «L’attente» aus dem gleichen Jahr ist es ein Herr mittleren Alters, der versteckt hinter einer Gardine am Fenster steht. Dass er den Besuch einer Dame erwartet, daran lässt ein sorgfältiges Arrangement von Blumen, Gebäck, einer Flasche und zwei leeren Gläsern auf dem Tisch hinter ihm keinen Zweifel.Zum ersten Mal in dieser Fülle sind Vallottons grossformatige Gemälde mit mythologischen Themen zu sehen, in denen er traditionelle Themen wie «Persée tuant le dragon» (1910) aufgreift und diese dann uminterpretiert. Er stattet die Figuren mit zeitgenössischen Frisuren und Make-up aus, lässt den Drachen zum Krokodil schrumpfen und anstelle des üblicherweise schönen, an den Felsen geketteten Opfers lässt er eine emanzipierte Frau am Ufer hocken, die den Kampf des Mannes mit dem Ungeheuer ausgesprochen mürrisch beobachtet: Statt Heldenkampf ein unverblümter Kampf der Geschlechter.Sogar die Stillleben sind bei Vallotton von befremdlicher Künstlichkeit. Neben den «Poivrons rouges» (1915), die glänzend auf dem weissen Teller liegen, fällt ein rot beflecktes Messer ins Auge. Ist das Blut, das da am Messer klebt, oder nur eine Spiegelung der Peperoni? Vallotton enthüllt und verhüllt gleichermassen. Daneben springen leere Landschaften aus klar abgegrenzten Farbflächen und jähen Hell-Dunkel-Kontrasten ins Auge. Vallotton rückt die Natur aus dem Blickfeld des Betrachters und überzieht die Gegenstände mit seiner eigenen Seelenstimmung. Dabei nimmt er formale Elemente des Surrealismus und der Pittura Metafisica vorweg.Parallel dazu zeigt die Villa Flora in Winterthur Bilder aus der Sammlung von Arthur und Fredy Hahnloser, die Félix Vallotton schon früh entdeckt und ab etwa 1908 gesammelt haben.

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