Innerhalb des Georg-Fischer-Konzerns läuft Agie Charmilles längst unter der Bezeichnung Fertigungstechnik beziehungsweise GF Machine Tools, wie die Gruppe neu heisst. Da ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis die beiden Gesellschaften vollständig ineinander verschmolzen sind?

Jürg Krebser: Nein, Agie Charmilles ist gross genug, um sich eigenständig und erfolgreich an der Börse zu bewegen.

An der Börse verfügt Agie Charmilles gerade einmal über einen Free Float von 20%. Das ist doch nicht mehr als ein Feigenblatt?

Krebser: Es ist das erklärte Ziel von Georg Fischer, diesen Anteil wieder zu erhöhen.

Auf wie viel?

Krebser: Georg Fischer wird sicher die Mehrheit behalten wollen, doch ist es durchaus vorstellbar, dass die Beteiligung des Konzerns bis auf eine einfache Mehrheit zurückgehen wird.

Dennoch halten sich die Gerüchte am Markt hartnäckig, wonach GF die Tochter Agie Charmilles ganz übernehmen will.

Krebser: Diese Gerüchte entbehren jeder Grundlage. Sie werden nicht haltbarer, indem sie vor allem von gewissen Nachrichtenagenturen immer wieder neu in Umlauf gesetzt werden. Es hat vor allem für die Aktionäre und Kunden von Agie Charmilles grosse Vorteile, wenn das Unternehmen mit ausreichender Liquidität an der Börse präsent ist: Das Management steht so gewissermassen im Schaufenster der Öffentlichkeit und muss sich daher besonders anstrengen, um Erfolge ausweisen zu können.

Dagegen spricht allerdings der grosse Verlust von fast 50 Mio Fr., den Agie Charmilles im Jahr 2003 eingefahren hat.

Krebser: Wir weisen für 2003 leider ein negatives Betriebsergebnis aus. Dies ist aber hauptsächlich auf die anspruchsvolle Situation am Markt im vergangenen Jahr zurückzuführen.

Das klingt fast so, als wäre Agie Charmilles in diesen Downturn mit Volldampf hereingefahren, ohne auf die Bremse zu treten?

Krebser: Nein, das sind wir nicht! Das Werkzeugmaschinen-Geschäft ist bekanntlich besonders zyklisch, Downturns daher unvermeidlich. Was wir nicht voraussehen konnten, ist das Ausmass und die Dauer dieses Abschwungs. Wir haben rechtzeitig abgebremst. Bereits 2002 hat Agie Charmilles drastische Sparmassnahmen eingeleitet. Und auf diese Kostensenkungen folgten dann im letzten Jahr auch noch umfangreiche strukturelle Anpassungen.

Anzeige

Und diese Massnahmen haben jetzt zu diesem grossen Verlust geführt?

Krebser: Zum grossen Teil. Doch damit haben wir ein Paket geschnürt, das unser Ergebnis bis 2005 um rund 50 Mio Fr. verbessern soll. Zu unseren Massnahmen gehört unter anderem die Schliessung der beiden Standorte in den USA, die für sich genommen zu klein waren, als dass sie längerfristig effizient hätten produzieren können.

Damit hat Agie Charmilles den Aufwand für Restrukturierungen voll der Jahresrechnung 2003 belastet. Doch das macht nur etwa die Hälfte der Verluste aus.

Krebser: Neben dem Massnahmenpaket, das die Jahresrechnung mit über 26 Mio Fr. belastet, ist der Verlust vor allem darauf zurückzuführen, dass unsere Hauptmärkte Europa und USA in den letzten drei Jahren förmlich zusammengebrochen sind. Allein im letzten Jahr um weitere 13% Umsatz, wobei es in den Hauptmärkten sogar 15% weniger waren, während China umgekehrt gewachsen ist.

Nachdem es im ersten Halbjahr 2003 sogar minus 20% waren, heisst das, dass sich die Lage im zweiten Halbjahr gebessert hat?

Krebser: In der zweiten Jahreshälfte sind die Signale deutlich besser geworden. Beim Auftragsbestand flachte sich der Rückgang ab. Gegen Ende Jahr zeigte sich dann deutlich, dass wir die Talsohle durchschritten haben.

Haben Sie klare Indizien für eine Besserung?

Krebser: Ja.

Können Sie den Aufschwung lokalisieren?

Krebser: Klar positive Anzeichen haben wir zum Beispiel aus Deutschland.

Die eingesparten Mittel sollen in Zukunft erfolgswirksam werden. Was erwarten Sie darüber hinaus bei einer Konjunkturerholung?

Krebser: Ich rechne mit einem relativ zaghaften Aufschwung in den westlichen Ländern. Selbst dann werden wir aber dank der bereits getroffenen Massnahmen 2004 in die Gewinnzone zurückkehren. Zusätzlich planen wir aber noch weitere Schritte.

Was heisst das konkret?

Krebser: Es sind weitere Anpassungen mit einem grösseren Langfristeffekt vorgesehen wie zum Beispiel eine engere Zusammenarbeit zwischen Agie und Charmilles auf dem Gebiet Forschung und Entwicklung. Dadurch lassen sich zusätzliche Einsparungen erzielen.

Welchen Effekt werden denn all die Massnahmen auf die Entwicklung der Rentabilität von Agie Charmilles haben?

Krebser: Ziel ist es, über die normalen Zyklen hinweg eine Ebit-Marge von 8% zu erreichen. Um diesen Durchschnitt zu erreichen, könnte ich mir in einem Spitzenjahr aber auch 12% vorstellen.

Wie sieht es denn bezüglich Umsatzentwicklung aus?

Krebser: 2003 hatten wir einen Umsatz von rund 880 Mio Fr. Im letzten Spitzenjahr erreichten wir einen Umsatz von 1,4 Mrd Fr. Diesen Wert wollen wir wieder erreichen.

Ohne externe Zukäufe?

Krebser: Kurzfristig haben wir keinen Bedarf.

Mit der Schliessung der Standorte in den USA führt Agie Charmilles Produktionsvolumen auch in die Schweiz zurück. Diese Bewegung erstaunt angesichts der Tatsache, dass hier zu Lande ansonsten eher abgebaut wird.

Krebser: Teilweise verlagern wir ja auch in Richtung China. Aber die Schweiz hat grosse Vorteile wie zum Beispiel bezüglich der flexiblen Arbeitszeiten und der guten Ausbildung der Mitarbeitenden, die den Standort international wettbewerbsfähig machen. Der grösste Kostenfaktor ist die Beschaffung von Teilen und Komponenten, die aber auch im Ausland kostengünstig zugekauft werden können.

Dann bleibt aber noch der sehr lohnintensive Aufwand für die Endmontage in der Schweiz?

Krebser: Die Montage ist zwar in der Schweiz teurer als anderswo, dafür aber effizienter. Solange dem so ist und diese Kosten 10% des Endpreises einer Maschine nicht übersteigen, geht das sehr gut.

Anzeige

Und wie wirken sich bei Agie Charmilles die Währungseffekte auf das Geschäft aus?

Krebser: Diese Einflüsse spüren wir sehr deutlich. Letztes Jahr war es vor allem der US-Dollar, der uns zugesetzt hat. Mit einem US-Dollar wie 2002 hätten wir für dieses Jahr keinen negativen Betriebserfolg ausweisen müssen.

Dann lässt sich aber doch die Frage stellen, wie lange Agie Charmilles insbesondere im Wettbewerb mit Asien, wo sich die Währungen am Dollar orientieren, noch mithalten kann?

Krebser: In Asien haben wir vor allem Konkurrenz aus Japan, die sehr stark ist in China. Aber auch wir produzieren in China, und diese Position wollen wir weiter ausbauen.

Profil: Steckbrief

Name: Jürg Krebser

Funktion: CEO Agie Charmilles

Alter: 55

Wohnort: Schaffhausen

Familie: Verheiratet, drei Kinder

Transportmittel: Auto/Bahn

Karriere:

1969­-1979 Studium Elektrotechnik und Promotion Dr. sc. techn. ETH

1980­-1990 Führungsfunktionen bei BBC und später Ascom

1990­-2002 Chef Division Rohrleitungssysteme bei Georg Fischer

Seit 2003 Konzernchef und VR-Delegierter Agie Charmilles AG


Agie N Letzter Kurs: Fr. 93

(in Mio Fr.) 2003 2002 %

Umsatz 878 1009 ­13

Ebit ­4.1 22.9 ­118

Ebitmarge (in %) ­ 2.3 ­

Reingewinn ­49.4 1.5 ­

Beschäftigte 3111 3275 ­5

Fazit: Bei Agie Charmilles sind die sich aufhellenden Konjunktursignale bereits im aktuellen Kurs wiedergegeben. Da sich dieser in den vergangenen Monaten mehr als verdoppelt hat, liegt die Aktienbewertung mittlerweile eher am oberen Ende.