Vor ein paar Wochen wurde AIG, die American International Group, durch die amerikanische Regierung verstaatlicht. Was hat sich seither getan?

Emmanuel Brulé: Die Konzernführung war damit beschäftigt, das Kerngeschäft zu identifizieren. Dazu zählt nun das amerikanische Sach- und Schadensversicherungsgeschäft sowie das allgemeine Versicherungsgeschäft im Ausland. Mit den eingeleiteten Schritten soll das langfristige Wachstumspotenzial garantiert werden.

Der von der US-Regierung gewährte Kredit betrug 85 Mrd Dollar. Ist es AIG seit der Verstaatlichung überhaupt noch möglich, unabhängig zu agieren?

Brulé: Das ist gut möglich. Vor allem im Versicherungsbereich arbeiten wir wie bisher. Wir sind aber darin bestrebt, mit dem Erlös aus dem Verkauf einzelner Sparten so rasch als möglich unsere Schulden beim US-Staat tilgen zu können. So muss AIG derzeit Zinsen in der Höhe zwischen 11 und 12% auf den gewährten Kredit bezahlen.

Inwieweit sind die Mitarbeiter von der aktuellen Situation betroffen?

Brulé: Unsere Mitarbeiter brauchen sich nicht zu sorgen. Unser Unternehmen zeugt nach wie vor von einer soliden Bilanzstärke. Derzeit wachsen wir vor allem in Europa und stellen kontinuierlich neues Personal ein.

Welche Auswirkungen hatten die Turbulenzen auf den Namen AIG?

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Brulé: Das Image hat durchaus gelitten. Wir sind nun darin bestrebt, unsere Kommunikationstätigkeit zu intensivieren. Unser Ziel ist es, Anleger und Geschäftspartner möglichst transparent über aktuelle Ereignisse zu informieren.

Was bedeutet die vorgenommene Verschlankung für das Schweizer Geschäft?

Brulé: Die Neuorientierung beeinflusst in keiner Hinsicht unser Versicherungsgeschäft in der Schweiz. Viel eher bieten die vorherrschenden Marktbedingungen gute Voraussetzungen für unsere bisher gefahrene Strategie. Unser Ziel ist es, im Schweizer Markt organisch stark wachsen zu können.

Und was passiert mit der AIG Private Bank?

Brulé: Die AIG Private Bank wurde nicht als Teil des zukünftigen Kerngeschäfts gelistet. Entsprechend steht die AIG Private Bank definitiv zum Verkauf.

Steht derzeit schon ein neuer Käufer fest?

Brulé: AIG hat die BlackstoneGruppe und JP Morgan beauftragt, die Verkaufspläne zu koordinieren. Ich selber habe keine spezifischen Informationen über den aktuellen Status und den laufenden Prozess des Verkaufs.

Schweizer Versicherer klagen über einen ausgetrockneten Arbeitsmarkt für Versicherungsberater. Wie umgehen Sie das Problem, um das angestrebte organische Wachstum zu erzielen?

Brulé: Derzeit ist es tatsächlich schwierig, in der Schweiz gute Versicherungsberater zu finden. Wir werden deshalb aktiv auch im Ausland ? insbesondere in Frankreich und Deutschland ? Ausschau halten.

Bringen diese Mitarbeiter dann auch die gewünschten Qualifikationen mit?

Brulé: Ja. Unser Ziel ist es aber auch qualifiziertes Personal aus anderen Branchen anzustellen. Oftmals ist es einfacher einem Nicht-Versicherer die Versicherungstechnik beizubringen.

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Dem Versicherer Zurich Financial Services wird vor allem im Grosskundengeschäft vorausgesagt, AIG vom Podestplatz zu stossen. Wie sehen Sie das?

Brulé: Gegen den allgemeinen Konsens haben wir sehr wenige Kunden verloren. Im Gegenteil: Viele Kunden und Broker haben uns auch während der turbulenten Zeiten ihr Vertrauen ausgesprochen. Sowohl in den USA als auch in Europa sind wir sehr stabil. Entsprechend ist und bleibt AIG weltweit die Nummer eins im Grosskundengeschäft.

Und wie sieht es mit dem globalen Ranking aus? Hat AIG in einzelnen Märkten eingebüsst?

Brulé: Das Ranking basiert immer auf verschiedenen Kriterien wie der Summe der verwalteten Vermögen, Netzwerk und Marktanteile. Klar ist, dass mit unserer Präsenz in über 80 Ländern unser Sach- und Schadensversicherungsnetzwerk sowie unser Franchising von der Konkurrenz unerreicht bleiben.

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