Air France-Mitarbeiter gründeten am Mittwoch die Gruppe «Tous Air France», um den Dialog innerhalb der französischen Fluggesellschaft wieder aufzunehmen. Denn die Airline steckt in einer tiefen Krise. Der Aktienkurs von derzeit 8,60 Franken brach in einem Monat um 18 Prozent ein. Präsident Jean-Marc Janaillac wird zurücktreten. Zuvor wurde sein Krisenaustrittsplanabgelehnt. Dazu kommt der rund zweiwöchige Streik unter Führung der Gewerkschaften, die eine allgemeine Lohnerhöhung von mehr als 5 Prozent fordern.

300 Millionen Euro verlocht

Vor der für den 15. Mai geplanten Generalversammlung der Air France-KLM-Gruppe stehen die Gespräche still. Die Streiks haben das Unternehmen bisher rund 300 Millionen Euro gekostet. Zurzeit weiss niemand, wie man die Airline wieder aus diesem Loch herausholt. Nicht einmal Bruno Lemaire, der französische Wirtschaftsminister.

Er schliesst aber jegliche finanzielle Rettung durch den französischen Staat aus, der 14 Prozent der Anteile an Air France-KLM hält und damit Mehrheitsaktionär ist. «Wenn Air France nicht die notwendigen Wettbewerbsanstrengungen unternimmt, wird sie verschwinden», warnte er auf Twitter. Stürzt die französische Fluggesellschaft ab? In einem mittlerweile hart umkämpften Sektor ist die Pleite einer Fluggesellschaft kein Tabu mehr, wie auch der Fall von Air Berlin gezeigt hat. 

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Alles ist möglich

Die Situation ist nicht anders als die der Swissair, deren Grounding am 2. Oktober 2001 noch in aller Munde ist. Zumindest im Fall von Jean-Pierre Jobin, der an dem Tag Generaldirektor des Internationalen Flughafens Genf war, als die gesamte Flotte der nationalen Fluggesellschaft aus Mangel an Liquidität am Boden blieb. «Damals konnte sich niemand vorstellen, dass die Swissair bankrott gehen könnte», erinnert sich der Flug-Enthusiast. Und doch ist das passiert. «Deshalb ist alles möglich, auch für Air France

Trotzdem gibt es Unterschiede bei Swissair und Air France: Zum einen war die Swissair in ernsten finanziellen Schwierigkeiten. «Das Unternehmen verlor 3 Millionen Franken pro Tag – während anderthalb Jahren», sagt Jean-Pierre Jobin. Air France hingegen hat gute Ergebnisse erzielt. Die Air France-KLM-Gruppe, die jährlich 100 Millionen Passagiere befördert, erzielte im Jahr 2017 einen Gewinnzuwachs von 42%. Innerhalb der Gruppe ist die Leistung der beiden Unternehmen jedoch nicht die gleiche: Der Umsatz von Air France ist höher als der der niederländischen Fluggesellschaft, aber der Gewinn ist niedriger: 588 Millionen Euro im Jahr 2017, gegenüber 910 Millionen Euro für KLM. Selbst unter Berücksichtigung der Schulden der Holding, die 2017 bei 1,66 Milliarden lagen, ist die finanzielle Situation von Air France damit weit besser als die der Swissair damals.

Der andere Unterschied besteht aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Das Scheitern der Swissair ist weitgehend auf Managementfehler zurückzuführen, unter anderem auf kostspielige internationale Investitionen. Auch dabei besteht keine Ähnlichkeit zur Air France, die ihre Aktivitäten nicht gefährlich verstreut hat. Alle Experten sind sich einig, dass die Betriebskosten zu hoch sind. Deshalb sind die Ergebnisse schlecht – der springende Punkt dabei sind die Löhne.

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Politische Bedrohung

In diesem Kontext des politischen Armdrückens wird ein mögliches Grounding von den Führungskräften der Gruppe als Drohung gebrandmarkt, um den Druck auf die Mitarbeiter zu erhöhen. In der Schweiz wurde das Grounding damals auch für politische Zwecke genutzt, sagt Jean-Pierre Jobin. «Angesichts der Weigerung des Bundesrates, in die Tasche zu greifen, liess der damalige Swissair-Chef Mario Corti die Situation verkommen. Die Flugzeuge auf dem Boden reichten aus, um Bern zu wecken.»

Andreas Wittmer, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität St. Gallen und Spezialist auf diesem Gebiet, weist darauf hin, dass die Luftverkehrsbranche nicht mehr profitabel sei - die Margen liegen bei knapp 1 bis 2 Prozent. «Der Wettbewerb ist hart und die Passagiere sind nicht mehr bereit, teuer zu bezahlen.» Es sei absurd, die Gehälter der Kapitäne bei etwa 300 000 Euro pro Jahr zu belassen – wie es bei Air France, aber auch bei Lufthansa der Fall ist. 

Für den Experten diente das Grounding der Swissair vor allem dazu, die Kosten des Unternehmens zu senken. «Wenn die Airline bankrott geht, könnte sie alle feuern und neu anfangen.» Die Löhne würden um 40 Prozent fallen und niemand würde sich beschweren, da jeder froh ist, einen Job zu haben». Eine radikale Lösung, um arbeitsrechtlichen Verpflichtungen oder Streiks zu entgehen. 

Dieser Artikel ist zuerst bei «Le Temps» unter dem Titel «Air France fait craindre le grounding» publiziert worden.