Aus der Richtung, woher in den letzten fünf Börsenwochen regelmässig Hiobsbotschaften eingetroffen sind, kommt nun plötzlich Unterstützung für die Märkte: Mit der überraschenden Senkung des Diskontsatzes auf 5,75% hat die US-Notenbank (Fed) die Wogen auch an Europas Börsen etwas geglättet.

Dank den guten Vorgaben aus Übersee notiert der Swiss Performance Index (SPI) zum Wochenanfang im Plus – gibt dann aber wieder nach. Sicher ist derzeit an der Börse nur die Volatilität.

Reale Werte hinter den Kursen

Die Finanzspritze von Fed-Präsident Ben Bernanke hat die von der Kreditkrise erhitzten Gemüter nicht vollständig zu kühlen vermocht. So ist der Volatilitäts-Index VSMI kaum von seinem Spitzenwert zurückgekommen. Und das Urteil der Marktbeobachter klingt so pessimistisch wie lange nicht mehr. Die Strategen der Privatbank Julius Bär warnen beispielsweise vor «Finanzmarktturbulenzen, die grössere Ausmasse annehmen dürften als alle Korrekturen seit Mitte 2003». Ein bis ins 4. Quartal anhaltender Verkaufsdruck an den Börsen sei daher wahrscheinlich.
Die Bären sprechen damit aus, was viele Börsianer spüren. Gemäss Messungen verschiedener Finanzinstitute dümpelt die Investorenstimmung derzeit irgendwo zwischen Furcht und Abwarten. Dies auch, weil Anleger kaum noch wissen, wie viel sie den bis dato haussierenden Dividendenpapieren noch zutrauen dürfen. Was nicht nur den Einstieg in stark gefallene Einzeltitel erschwert, sondern auch die Beurteilung des bestehenden Portefeuilles. Die Frage nach den künftigen Renditechancen ist daher dringlich; wer die Antwort sucht, wird zuerst bei den Firmengewinnen fündig.
Besonders europäische Unternehmen haben ihre Gewinnkraft nach den grossen Kurszerfällen der Jahrtausendwende deutlich gesteigert. Entsprechend gross war der Beitrag aus dem operativen Geschäft an die Rendite der Unternehmenspapiere. Steuerte das Gewinnwachstum europäischer Betriebe zwischen 1987 und 1995 nur 3,6% zur Aktienrendite bei, lag der Beitrag von 1996 bis 2006 bei ganzen 10%. In der Schweiz lag die Quote noch um einen halben Prozentpunkt höher, wie eine Studie der Zürcher Kantonalbank (ZKB) zeigt (siehe Grafik). Und noch mehr dürfte folgen, sagt Anastassios Frangulidis, Leiter Volkswirtschaft und Anlagestrategie International der ZKB.
«Trotz einer leichten Abschwächung des Wachstumstempos erwarten wir in den nächsten zwei Jahren eine Steigerung der Schweizer Unternehmensgewinne von jährlich 8%», so der Marktexperte. Besonders hoffnungsvoll ist er dabei gegenüber zyklischen Sektoren wie der Industrie, den Nahrungsmittel- und Pharmawerten (siehe Box). Für europäische Aktien sieht er sogar noch mehr Potenzial; umgekehrt bewertet Frangulidis die Gewinnsituation der US-Firmen weniger positiv.
Für die Beurteilung der Renditechancen zählen aber nicht nur die Gewinne an sich, sondern auch deren Abbildung im Aktienkurs – die Bewertung, gemessen anhand von Kennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Frangulidis zufolge hat der Anteil der Bewertung an der Gesamtrendite nach 2000 abgenommen. «Ende 1990 waren Aktienwerte in der Regel extrem überbewertet.»

Preisschild kann irreführen

Heute stuft er den Schweizer Aktienmarkt mit einem KGV von durchschnittlich 13 für die nächsten zwölf Monate als fair bewertet ein. Eine gute Nachricht für Investoren: Es besteht noch Raum nach oben, und die Erwartungen sind nicht überbordend.
Wäre da nicht die Kreditkrise, die alles relativiert. Günstig bewertete Finanzwerte wie UBS oder Zurich Financial Services bergen Unsicherheiten. Käufe an sich sind während der Schwankungen kaum angezeigt. «Längerfristige Investoren dürften gegen Anfang des 4. Quartals Kaufgelegenheiten finden», heisst es bei Bär.
In der Zwischenzeit können sich Anleger noch an eine weitere Renditekomponente halten: Die Ausschüttungen. «Nach dem Tiefststand der Dividendenrenditen Ende der 90er Jahre ist deren Beitrag an die Rendite mittlerweile sehr stabil», sagt Frangulidis. Hohe Ausschüttungen bieten Titel wie Huber + Suhner oder SPS.

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Trotz krise potenzial: Akzent liegt auf den defensiven Werten

ABB
Kaum ein Titel wird derzeit an der Börse so kontrovers betrachtet wie der Industriekonzern. Denn trotz einem hervorragenden 1.-Halbjahres-Ergebnis ist der Kurs des Blue Chip stark eingebrochen – innert Monatsfrist um 9%. Dabei sind die Gewinnerwartungen immer noch hoch, und die Aktie wird bei einem KGV von 18 im Jahr 2008 immer noch günstiger als die Konkurrenz gehandelt. Vontobel sieht das Kursziel bei 35 Fr.

Nestlé
Der Nahrungsmittelkonzern hat in den anhaltenden Turbulenzen seine defensiven Qualitäten beweisen können: In den letzten vier Wochen sprang der Kurs des Schwergewichts – auch dank überzeugender Zahlen – 4% in die Höhe. Als vom Zyklus wenig abhängiger Wert dürfte Nestlé bei jenen Anlegern gefragt sein, die einen wirtschaftlichen Abschwung fürchten. Kommt hinzu, dass der Titel gemäss den ZKB-Analysten 14% unter seinem historischen KGV notiert.

Roche
Pharmawerte gehören zu den grossen Enttäuschungen 2007, und der einstige Überflieger Roche ist hier keine Ausnahme. Seit Jahresbeginn resultierte an der Börse ein Verlust von 4%. Mit den Abgaben wird der Titel jedoch zunehmend attraktiv; das erwartete KGV im Jahr 2008 liegt bei 18. Als ebenfalls antizyklischer Wert dürfte die Aktie zudem Stabilität für die Zukunft bieten – und die Erwartungen bezüglich Rentabilität zeigen weiter nach oben.