1. Home
  2. Unternehmen
  3. Aktien: Das Geschäft mit dem Zins

Aktien: Das Geschäft mit dem Zins

Vorausgesagt war vielerorts ein Gewinnrückgang, doch es kam anders: Banken in den USA scheffeln auch im 1. Quartal Rekordprofite. Sie profitieren alle von einem Trend.

Von Silvia Jelenz
am 20.04.2005

Wenn es nach den Erwartungen der Analysten ginge, wären die jüngsten Gewinne der US-Banken tiefer ausgefallen. Stattdessen übertraf eine nach der anderen die Gewinnschätzungen der Wall Street: In einer ersten Welle die Investmentbanken Bear Stearns, Goldman Sachs, Lehman Brothers und Morgan Stanley, die ihr Quartal bereits Ende Februar abschlossen. Nun zogen die Mitbewerber und die Universalbanken mit ähnlich guten Ergebnissen nach. So Citigroup und Bank of America, auch Merrill Lynch kam am Dienstag mit besseren Resultaten, als der Markt erwartet hatte.

Kein Ende in Sicht

Durchs Band erweist sich das Fixed-Income-Geschäft als ein Hauptgrund für das starke Abschneiden. Goldman Sachs brach beispielsweise sowohl Umsatz- als auch Gewinnrekord mit +16% bzw. +27% gegenüber dem Vorquartal. Im gleichen Zeitraum verbesserte die Einheit «Fixed Income, Currency and Commodities» den Umsatz um 71%.

Selbst Citigroup als Universalbank, bei der 28% des Umsatzes im Bereich «Corporate and Investment Banking» generiert werden, hob den positiven Einfluss des Fixed-Income-Segments auf ihr Geschäft hervor ­ mit einem Zuwachs von immerhin 16%.

Das Ende des Obligationenbooms auf Grund steigender Zinsen zieht sich ordentlich in die Länge. Als Grund dafür wird mehrheitlich die stärkere Diversifizierung des festverzinslichen Geschäfts gesehen mit neueren Produkten wie Credit Default Swaps, welche die Zinssensitivität reduzieren. Deshalb führt die UBS etwa ein Buy-Rating auf Lehman Brothers, bei der 80% der Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr aus dem Fixed-Income-Bereich stammten.

Bei den meisten Häusern ist nicht nur das Geschäft mit festverzinslichen Papieren, sondern auch der Rohwarenhandel in derselben Kategorie enthalten. Dieser profitierte besonders von der hohen Volatilität in diesen Produkten. Für die Stärke des Handelsbereichs werden ausserdem die Hedge-Fonds immer wichtiger, die mit steigendem Anlegerinteresse und damit Fondsvermögen zunehmend für Transaktionen und damit Gebühreneinnahmen sorgen. Immerhin soll gemäss Schätzungen inzwischen gegen die Hälfte der Handelsaktivität an der New Yorker Börse von Hedge-Fonds stammen, denen die Investmentbanken als Broker dienen. Das kann in einem für Aktien allgemein eher schwierigen Quartal einen grossen Unterschied machen, wie sich bei Merrill Lynch zeigte: Der Bereich Equity Markets nahm gegenüber dem Vorjahr um 7% und um 20% gegenüber dem Vorquartal zu. Das gute Resultat wurde auf das Prime Brokerage und Aktienderivate zurückgeführt.

Viele Anleger und Analysten trauen der anhaltenden Stärke des Fixed-Income-Geschäfts noch nicht. Und auf das volatile Handelsgeschäft, das im Aktienbereich mehrheitlich eher enttäuschend ausgefallen ist, mag man erst recht nicht setzen. Immerhin bleibt die Aussicht auf Kommissionseinnahmen aus all den Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions). In den Kassen der Banken klingelt es nämlich meistens nicht bereits bei der Fusionsankündigung, sondern meist erst bei Abschluss der Transaktion. Damit dürften im nächsten Quartal noch Einnahmen aus den bereits angekündigten Deals bevorstehen.

Knatsch bei Morgan Stanley

Die Banken könnten in nächster Zeit aus einer anderen Entwicklung Gewinn schlagen: Dem internen Disput bei Morgan Stanley. Die Revolte ehemaliger Manager gegen den CEO Philip Purcell hat bisher nämlich zum Abgang mehrerer Personen beigetragen. Bei anderen Häusern, die in den vergangenen Monaten wieder Personal angeheuert haben, dürfte das als gute Gelegenheit gesehen werden, um Know-how an Bord zu holen. Über kurz oder lang könnte damit auch Umsatz zu den Konkurrenten abwandern, wobei unter anderem Goldman Sachs, Bear Stearns, UBS und Merrill Lynch als mögliche Profiteure genannt werden.

Viele fragen sich, ob Morgan Stanley nun zum Kaufobjekt wird. HSBC und JPMorgan werden als Interessenten herumgeboten, doch als noch am wahrscheinlichsten wird ein Kauf durch Bank of America betrachtet. So richtig ernst nimmt die Gerüchte niemand, genauso wenig wie einen angeblichen Verkauf von Bear Stearns oder die Abspaltung weiterer Bereiche von Citigroup. Aber immerhin beleben sie die Anlegerfantasie.

Anzeige