Was die Farbe des Geldes ist auf diese Frage hat sich an den deutschen Börsen eine Antwort gefunden: Schwarzgelb. Seit der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Parlament am 22. Mai 2005 die Vertrauensfrage gestellt hat, beflügelt die Aussicht auf einen Regierungswechsel zugunsten von CDU/CSU und FDP die Hoffnungen der Anleger. Das spüren die Kurse: Noch im Mai hat der deutsche Aktienindex (DAX) zu einer Outperformance angesetzt und lässt seither weltweit die Indizes stehen. Letzte Woche notierte er zeitweilig bei über 5000 Punkten.

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Ein Kopf-an-Kopf-Rennen

Jetzt, Tage vor dem Wahlsonntag am 18. September, hat die Aufwärtsbewegung deutlich an Schwung verloren. Der DAX fiel gar wieder unter 4900 Punkte. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Euphorie der Investoren verebbt. Nicht von ungefähr: Schröders SPD hat gegenüber dem Lager um Kanzlerkandidatin Angela Merkel kräftig aufgeholt. Nach der letzten Umfragen stehen die Sozialdemokraten bei 32,7%, zusammen mit den Grünen und den Linkspartei kommen sie somit auf einen Wähleranteil von 48,8%. Schwarzgelb steht bei 48,5% und verlöre somit die Aussicht auf eine Regierungsmehrheit.

Mit dem Kopf-an-Kopf-Rennen wird ein anderes Szenario immer wahrscheinlicher: Statt des Regierungswechsels eine grosse Koalition aus CDU/CSU und SPD voraussichtlich mit Merkel als Kanzlerin. «Im Falle einer grossen Koalition stehen wir vor einer Politik des Minimalkompromisses», warnt Eckart Tuchfeld, Senior Economist bei der Commerzbank. Die von Schwarzgelb versprochenen Sofortmassnahmen drohen damit vertagt zu werden was den zahlreichen ausländischen Anlegern kaum schmecken dürfte. «Der Markt müsste annehmen, dass die Reformen langsamer vorangehen», so Tuchfeld. Die Quittung für die grosse Koalition wäre demnach ein kurzfristiger Kursverlust, die Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt rechnet mit einem DAX-Rückgang bis zu 4%. Langfristig muss jedoch auch die grosse Koalition am eingeschlagenen Reformkurs festhalten.

Reformen zum Ersten: Die CDU/CSU und FDP wollen einerseits die Unternehmenssteuern, andererseits die Lohnkosten senken. Obwohl Letzteres zu Arbeitskämpfen führen könnte, dürften die Kurse der mehrheitlich im Inland produzierenden Sektoren profitieren. Angesprochen sind hier Industriewerte wie MAN oder Versorger wie E.ON und RWE. Eine Senkung der Besteuerung dürfte ausserdem auch Chemie-Werte wie BASF entlasten, die durch den hohen Erdölpreis unter Druck geraten sind. Da sich die SPD ebenfalls die Reduktion der Unternehmenssteuer auf das Wahlkampfbanner geschrieben hat, darf hier also eine Verbesserung erwartet werden.

Finanztitel in Hochform

Reformen zum Zweiten: Schwarzgelb plant die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Das dürfte der Konsumfreude der Verbraucher einen Dämpfer versetzen; umittelbar betroffen wären hier die Kurse von Retailern wie Karstadt sowie Automobilwerte wie Volkswagen.

Immerhin etwas abgefedert würde die Reform durch die moderate Verringerung der Einkommenssteuer, ebenfalls ein Projekt aus dem schwarzgelben Köcher. Kommt hingegen die grosse Koalition ans Ruder, kann bei den erwähnten Werten praktisch mit dem Status quo gerechnet werden.Wenig aufregend auch die Entwicklung bei Telekommunikationtiteln wie der Deutschen Telekom. Im besten Fall schafft ein Regierungswechsel ein günstigeres Klima für Akquisitionen und verleiht damit den Kursen zusätzliches Potenzial.

Weit gehend von den Wahlen losgelöst dürften sich hingegen die Finanztitel verhalten. Sie profitieren vom weltweiten Wirtschaftswachstum und der sinkenden Zahl der Insolvenzen.

Insbesondere der Versicherungskonzern Allianz und die Deutsche Bank können mit guten Gewinnen aufwarten, ihre Kurse stiegen in den letzten sechs Monaten um 10% respektive um 12%.

Auch deutsche Werte sind zyklisch

Schliesslich der weltweite Gewinnzyklus: Er ist letztlich für die deutschen Werte entscheidender als der Ausgang der Wahlen. Und nun sei seine Spitze erreicht, sagt Volker Borghoff, Aktienstratege bei der HSBC Trinkaus & Burkhardt. Da können die Margen der meist sehr zyklisch reagierenden deutschern Unternehmen noch so gut sein: «2006 wird ein schwieriges Jahr», so Borghoff.