Von den Börsenturbulenzen durchgeschüttelt, hatten die Investoren im robusten US-Arbeitsmarkt wenigstens etwas Halt gefunden. Nun wurde jedoch auch dieser Fels von der Brandung überspült: Das erste Mal seit August 2003 – nicht zufällig der Beginn der nunmehr vierjährigen Aktienhausse – weist die staatliche Beschäftigungsstatistik in den USA ein Minus von 4000 Stellen aus.

Die Wall Street reagierte auf die schlechten Neuigkeiten umgehend mit Abgaben, die sich rasch auf die weltweiten Aktienmärkte ausweiteten. So verlor der Swiss Market Index (SMI) deutlich an Terrain; über die letzten fünf Tage resultiert ein Verlust von rund 2%.


Konjunkturmotor stottert

«Diese Zahlen sind wirklich beunruhigend», kommentiert Sandro Rosa, Anlagestratege bei der Privatbank Clariden Leu, die Daten aus Übersee. Das ist nicht übertrieben: Der tiefer als erwartet ausgefallene Stellenbestand lässt vermuten, dass die Hypotheken-Krise und die Kreditverengung ihre Spuren in der US-Wirtschaft hinterlassen haben. Ob sich dies nun auf den Konsum auswirken wird, werden die kommenden Tage zeigen.

Dann steht in den USA nämlich die August-Statistik für die Konsumentenstimmung und die Retail-Verkäufe ins Haus. Und der Konsum ist in der von jahrelangen Defiziten in der Handelsbilanz geprägten Nation von entscheidender Bedeutung. Dass dieser «Wirtschaftsmotor» zu einem Bremsmanöver ansetzt, wird am Markt inzwischen nicht mehr ausgeschlossen.

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Jetzt muss die Fed nachgeben

Damit schwinden die Hoffnungen auf einen Aufschwung in den USA. «Die Perspektiven für die US-Wirtschaft haben sich klar eingetrübt», urteilt etwa die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Immerhin, etwas Gutes können die Anleger den am Konjunkturhimmel aufziehenden Wolken abgewinnen: Die US-Notenbank (Fed) wird am 18. September wohl nicht mehr darum herumkommen, die Leitzinsen zu senken, will sie ein weiteres Übergreifen der Kreditmarktkrise auf die Realwirtschaft verhindern. Entscheidet sie sich indes gegen eine Senkung, droht ein weiterer Kurssturz an den Börsen. Die meisten Anleger haben nämlich eine Zinssenkung stillschweigend eingepreist; die ZKB erwartet gar einen um 0,75% tieferen Zins bis Ende 2007.

Auch so ist den Börsianern ein ausreichendes Mass an Volatilität sicher. «Der Markt sucht noch immer seinen Boden», sagt Maximilian Münch, Aktienstratege Schweiz bei der Grossbank UBS. Kurzfristig könne der Leitindex SMI weiter nachgeben, so Münch. Erst auf mittlere Sicht, nämlich über sechs bis zwölf Monate, sieht er wieder deutliches Aufwärtspotenzial. Vorsichtig gibt sich auch Rosa, obschon er aufgrund attraktiver Bewertungen immer noch zu einem Übergewicht in Aktien rät. «Ein weiteres Auf und Ab an den Märkten ist wahrscheinlich», so der Clariden-Leu-Experte. Konservative Anleger könnten sich deshalb überlegen, tendenziell Risiken abzubauen. Dazu gehört mehr denn je, sich die Titel genau anzuschauen. Frei nach dem Wahlspruch: Nur die Guten ins Töpfchen.


Konjunkturresistenz gefragt

Einen Hinweis auf die «guten» Werte am Swiss Performance Index (SPI) liefert ausgerechnet die Korrektur nach dem Bekanntwerden der letzten US-Arbeitsmarktdaten. Gelitten haben einmal mehr die Finanztitel: Solange die grossen US-Investmentbanken mit ihren Quartalszahlen hinterm Berg halten, belastet die Furcht vor weiteren Auswirkungen der Kreditkrise die ganze Branche. Zudem sind Banken zyklische Aktien, denn sie profitieren ganz wesentlich von einer gesunden Konjunktur. Umgekehrt haben sie Verluste zu verzeichnen, wenn der Trend kehrt.

Ebenso von Abgaben betroffen waren weitere, typisch zyklische Titel wie Jobvermittler Adecco und Warenprüfer SGS. «Längerfristig sollte daher auf Titel gesetzt werden, die auch bei einer Verlangsamung der weltweiten Konjunktur eine hohe Ertragskraft behalten», sagt Münch von der UBS. Und diese Titel sind am Schweizer Aktienmarkt durchaus zu finden. Zum Beispiel Syngenta. Die Aktie des Agrarchemie-Unternehmens gehört zu den grossen Gewinnern der letzten Tage – für Marktbeobachter sind die Gründe klar: Insbesondere die steigende Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln in den Schwellenländern spiele eine bedeutende Rolle, so Münch von der UBS. Hier sei Syngenta Marktführerin.


Gegen den Strom schwimmen

Ebenfalls günstig wird die Zukunft von Lonza bewertet. Der Chemiekonzern befindet sich in der erfreulichen Lage, mit seinen Kunden Lieferverträge bis ins Jahr 2012 hinaus festgelegt zu haben. Das verleiht dem Titel eine hohe Visibilität. Als Favoriten gehandelt werden des Weiteren auch Givaudan, Roche und Logitech – alle wegen ihrer Position in starken Absatzmärkten.

Wer jetzt zukauft, tut dies aber generell mit hohem Risiko. Und er schwimmt gegen den Strom: Wie die massgebenden Indikatoren zeigen, ist die Anlegerstimmung heute so tief wie seit vier Jahren nicht mehr. Dies ist wohl nur für antizyklische Investoren ein zusätzlicher Ansporn.