Die Verunsicherung an den Börsen hatte nach den vereitelten Terroranschlägen in London nur eine kurze Halbwertszeit. «Es ist in den letzten Jahren ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten, zumindest scheint die überdurchschnittliche Prämie auf risikoreichen Anlagen gegenwärtig gewisse Terrorrisiken einzuschliessen», urteilt Christian Gattiker, Leiter Aktien- & Strategieresearch der Bank Julius Bär.

Bei den Anschlägen in der Vergangenheit fiel die Reaktion der Märkte etwas deutlicher aus, war aber auch nur von kurzer Dauer. Wenn die Marktteilnehmer im ersten Moment übertrieben verkaufen, können vorher gesetzte Stop-Loss-Marken reissen und automatisch weitere Verkäufe lostreten. Besonders gefährdet sind dann zyklische Titel, wie ABB oder Holcim, während defensive Titel wie Nestlé, Roche oder Novartis dann traditionell den sicheren Hafen bieten.


Sicherheit wird ein Trend

Bei den jüngsten Anschlägen blieben übertriebene Reaktionen aus. «Das Ausmass des Anschlages ist eher gering und das Wochenende hat geholfen, die schrecklichen Neuigkeiten zu verarbeiten und zu analysieren, wie gross der Schaden für Wirtschaft und Börse tatsächlich ist», meint Gattiker.

Bei aller emotionalen Betroffenheit, die jeder Anschlag auch bei den Börsenteilnehmenden auslöst, ist für die Aktienmärkte am Ende aber nur wichtig, wie sich der Terror auf die Realwirtschaft und damit auf die Gewinne der Unternehmen auswirkt. Die deutsche Union Investment hat den Zusammenhang zwischen Terror und Börse bereits im Jahr 2006 analysiert und beziffert einen Anschlag nur als «schlimm» für die Börsen, wenn dieser zu einem Rückgang des Bruttoinlandproduktes um 0,1% führt. Die jüngsten Anschläge in London haben demnach keine negativen Folgen auf die Wirtschaft.

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Im Gegenteil. So makaber es klingt, aber es gibt auch Sektoren, die von der weltweit steigenden Terrorgefahr profitieren, allen voran die Sicherheitsbranche. Ob Hersteller von Türschlössern, Überwachungskameras oder Bombendetektoren – das Bedürfnis zur Verteidigung und Abwehr verlangt entsprechende Güter und Dienstleistungen.

«Sicherheit» ist für die Finanzindustrie daher bereits seit Monaten eines der heissen Anlagethemen. So hat beispielsweise die Credit Suisse am 20. Oktober 2006 den «Global Security»-Aktienfonds lanciert, der in Firmen einer breit definierten Sicherheitsbranche investiert. «Durch solche Anschläge werden die Menschen für das Thema Sicherheit sensibilisiert», erklärt Fondsmanager Patrick Kolb. Er registriert bei Unternehmen der Sicherheitsbranche schon seit längerem ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum.


Börsenprognosen sind positiv

Auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen intensiviert werden, sind weitere Anschläge kaum auszuschliessen. Auch solche nicht, welche die Börsen ins Minus schicken. Das ist aber kein Grund zur Panik, wie die Erfahrung zeigt. So gerieten die Finanzmärkte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stark ins Wanken, der Swiss Market Index sank an einem Tag über 7% ins Minus, der Deutsche Aktienindex Dax verlor 8,5% und der Londoner FTSE rutschte 5,7% ab. Am nächsten Tag setzte aber bereits die Gegenbewegung ein und die Abgaben wurden um rund 2% nach oben korrigiert. Nach vier Wochen waren die Indizes alle wieder im Plus. Und das in einer insgesamt schlechteren Marktsituation als heute, wo die Börsen in einem soliden Aufwärtstrend sind.

«Auf zwölf Monate rechnen wir mit einer weiterhin soliden Performance der Aktienmärkte», prognostiziert denn auch Gattiker von der Bank Bär. Zwar räumt der Research-Spezialist ein, dass das 3. Quartal an den Börsen nicht unbedingt das Stärkste sei und es bei den dann üblicherweise dünnen Volumen auch schneller zu stärkeren Ausschlägen kommen könnte. «Das sind dann aber die Kaufgelegenheiten im Sommer», rät Gattiker.

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Schweizer Unternehmen in London verschärfen Sicherheit

Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen ein wenig erhöht, aber es läuft alles seinen gewohnten Gang», erklärt die UBS zur Situation nach den Terrorattacken in London. Statt in den Gebäuden stehe unter anderem der Sicherheitsdienst der UBS nun vor den Türen und kontrolliere die Menschen, bevor sie das Gebäude betreten. Dies sei aber nur «Ausdruck einer erhöhten Aufmerksamkeit».

Ähnlich klingt es beim Rückversicherer Swiss Re. Dort wurden zwar die Zutrittskontrollen zum Gebäude in der 30 St Mary Axe verschärft, aber bisher nehme der Geschäftsalltag seinen normalen Gang. Sollte das Gebäude je evakuiert werden müssen, hat Swiss Re einen ausgearbeiteten Notfallplan zur Hand, der den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten würde. Auch bei der Credit Suisse in London sind die Sicherheitsmassnahmen nach den Anschlägen erhöht worden.
Dass die Terrorgefahr die Attraktivität des Finanzplatzes London jedoch langfristig schmälert, ist kaum vorstellbar.