«Atomkraft? Nein danke!» – Aus dem Atom-Ausstieg wollen nun ausgerechnet die AKW-Betreiber ein Geschäftsmodell machen. E.ON und EnBW etwa haben Erfahrung mit der komplexen und Jahrzehnte dauernden Zerlegung der Anlagen und der Entsorgung des strahlenden Mülls gesammelt. Diese Expertise bieten sie nun anderen Konzernen an, die Atomkraftwerke stilllegen müssen.

«Es gibt weltweit sehr wenige Betreiber von kerntechnischen Anlagen, die bereits eine solche Erfahrung im Rückbau aufweisen wie PreussenElektra», erklärt die Atomtochter von E.ON. «Wir erhalten zunehmend Anfragen aus Ländern, in denen der Rückbau von Kernkraftwerken ebenfalls ein Thema ist oder zu werden scheint.» In Deutschland läuft der Abriss einiger Meiler bereits seit Jahren. Seit dem 2011 beschlossenen Atomausstieg sind neun Kernkraftwerke abgeschaltet worden, acht weitere kommen noch hinzu.

Fast die Hälfte aller Anlagen stehen in Europa

Der weltweite Markt für solche Rückbau-Dienstleistungen – vom Projektmanagement und dem Abriss leicht strahlender Mauern bis zur hoch komplizierten Bergung und Entsorgung radioaktiv verseuchter Teile – bietet grosses Wachstum: Der Analysefirma MarketsandMarkets zufolge soll er sich bis 2021 fast verdoppeln – auf 8,6 Milliarden Dollar von 4,8 Milliarden im vergangenen Jahr.

Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass bis 2040 Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 150 Gigawatt, mehr als ein Drittel weltweit, vom Netz gehen. Fast die Hälfte dieser Anlagen steht in Europa. Zehn bis 40 Jahre kann der Rückbau eines Atomkraftwerks dauern, je nachdem, ob damit gleich begonnen wird oder die Meiler erstmal für einige Jahre im sogenannten «sicheren Einschluss« eingemottet werden. Die Kosten sind enorm, können aber womöglich durch die zunehmende Erfahrung bei den Prozessen gesenkt werden.

650 Mitarbeiter mit Rückbau beschäftigt

Eine starke Nachfrage nach Rückbau-Dienstleistungen gibt es derzeit aus Japan, wo es 2011 zu der Reaktorkatastrophe von Fukushima kam. So gehört etwa der japanische Konzern Mitsubishi Heavy Industries (MHI) zu den Kunden von PreussenElektra. Bei der E.ON-Tochter sind rund 650 Mitarbeiter mit dem Thema Rückbau beschäftigt, beim Karlsruher Konkurrenten EnBW etwa 500 Mitarbeiter. Beide Konzerne nennen keine konkrete Zahlen, wie gross oder profitabel dieses Geschäft ist.

«Wir sehen ein Potenzial darin, andere in Sachen Rückbaustrategie, Projektmanagement, Bauherren-Engineering oder Prozessoptimierung zu beraten», erklärt EnBW. «Wir haben bereits erste Beratungsaufträge von Kunden aus dem europäischen Ausland erhalten und umgesetzt.« Zu den Kunden gehörten Betreiber und Forschungseinrichtungen in Deutschland und Europa. «Ausserdem beraten wir Aufsichtsbehörden im europäischen Ausland.»

Schweizer Energieversorger halten sich zurück

Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte, zu den Kunden von EnBW zählten die drei Schweizer AKW-Betreiber BKW Energie, Axpo und Alpiq. BKW bestätigte dies für sich, Axpo und Alpiq lehnten einen Kommentar ab.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Der französische Atomriese EDF, der grösste AKW-Betreiber der Welt, hat bereits ein Auge auf das Geschäft geworfen. Zu den Playern gehören auch Bechtel, Aecom und Fluor. Ein grosser Vertreter der Branche nahm sich jedoch selbst aus dem Rennen: Der zu Toshiba gehörende Konzern Westinghouse meldete im März Insolvenz an. Nun hoffen die Rivalen auf Marktanteile.

Der Markt sei hart, aber vielversprechend, sagte Areva-Manager Arnaud Gay. Bei dem Geschäft gehe es nicht um etwas, das Wert erziele, sondern möglichst wenig kosten soll. Noch würden nur rund ein Viertel aller Rückbau-Dienstleistungen von den AKW-Betreibern tatsächlich an andere Firmen ausgelagert, heisst es in Branchenkreisen. Doch das wird sich ändern, hofft der IT-Dienstleister Bechtle aus Neckarsulm, der die Arbeiten am Sarkophag von Tschernobyl geleitet hat: «Der Markt läuft über Jahrzehnte, daher haben wir Geduld.»

(reuters/me)

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