Die Nachricht schreckte die Öffentlichkeit zu Jahresbeginn auf: Die Finanzkrise hatte ein gewaltiges Loch in die beiden Fonds gerissen, die von den Atomkraftwerk-Betreibern gespiesen werden, um ab 2020 die Entsorgung ihrer Kernanlagen und Abfälle zu bezahlen. Doch seit Ende September sieht die Situation in den beiden Fonds nun viel besser aus. «Zum heutigen Zeitpunkt befinden sich die Fonds deutlich innerhalb der vorgegebenen Schwankungsbreiten», erklärt Roland Hengartner, der Vorsitzende des Anlageausschusses. Kurt Baumgartner, CFO des Stromkonzerns Alpiq, bestätigt: «Die Situation hat sich beruhigt.» Kurt Rohrbach, Chef des Energieversorgers BKW, erklärt ebenfalls, dass sich die finanzielle Lage «stark verbessert» hat; Rohrbach amtiert auch als Vizepräsident der Verwaltungskommission der Fonds.

Einzahlungen in beide Fonds

Ein Grund für die guten Nachrichten ist die Erholung an den Finanzmärkten. Zudem haben die sieben Beteiligten am Partnerwerk Leibstadt (siehe Tabelle) Nachzahlungen beschlossen. Denn die publizierten Verluste betrafen zwar die beiden AKW-Fonds als Ganzes. Die einzelnen Kraftwerke aber weisen eine unterschiedlich hohe Deckung ihrer künftigen Entsorgungskosten aus. Am stärksten betroffen ist das Kernkraftwerk Leibstadt (KKL), welches darum freiwillig rund 110 Mio Fr. nachschiesst, wie Sprecherin Barbara Suter bestätigt.

Einzahlungen erfolgen in beide Fonds: In den Stilllegungsfonds, der sicherstellt, dass die Kosten für die Stilllegung der Anlagen gedeckt sind, sowie in den Entsorgungsfonds, in dem die Gelder für die Entsorgungskosten nach Abschalten der Anlagen stecken. Ende 2008 lag das KKL beim Stilllegungsfonds 22% im Minus; beim Entsorgungsfonds waren es 18%. Damit war die definierte Nachzahlungsschwelle - sie liegt bei einem Minus von 15% in zwei aufeinanderfolgenden Jahren - für das Jahr 2008 überschritten. Weil eine zweite Bandbreitenverletzung per Ende 2009 möglich sei, bezahle das KKL freiwillig Beträge ein, erläutert Suter.

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Besser präsentiert sich die Situation bei den BKW, die das bernische Kraftwerk Mühleberg betreiben. Beim Entsorgungsfonds war die Bandbreite von minus 15% Ende 2008 nicht verletzt, die Unterdeckung lag bei 7,6%. Der Stilllegungsfonds hingegen wies ein Minus von 17,2% aus. Im Laufe des Jahres 2009 habe sich der Fonds aber so weit erholt, dass der Wert «klar innerhalb der Bandbreite liegt», sagt CEO Kurt Rohrbach. «Eine zusätzliche Zahlung ist deshalb aus heutiger Sicht nicht notwendig.» Diese Nachricht dürfte die Finanzanalysten beruhigen: Das Loch im Stilllegungsfonds und die drohenden zusätzlichen Zahlungen gelten als Belastung für die Titel der BKW. Zeitweise hatten sich auch die Betreiber von Beznau und Gösgen überlegt, die schlechten Fondsergebnisse mit zusätzlichen Zahlungen abzufedern, obwohl diese Werke Ende 2008 im Plus oder nur wenig im Minus lagen. Dieses Thema ist aber vom Tisch, wie Alpiq-CFO Baumgartner und Axpo-Sprecherin Anahid Rickmann bestätigen.

Neue Zinsbelastung

Gratis ist die Erholung allerdings nicht. Die Zahlung wirkt sich zwar nur marginal auf das Ergebnis des KKL aus; laut Barbara Suter werden die zusätzlichen Einzahlungen weitestgehend dadurch kompensiert, dass das KKL künftig weniger in den Fonds einzahlen muss. Nur: Durch die Bezahlung der rund 110 Mio Fr. entsteht laut Alpiq-CFO Kurt Baumgartner vorübergehend ein Zinsaufwand, der sich - je nach Finanzierung - auf 2 bis 3 Mio Fr. jährlich beläuft. Dies bedeutet für die Teilhaber des Kernkraftwerks Leibstadt eine Erhöhung der Jahreskosten, die sie an das Werk zu bezahlen haben. Im Falle der Alpiq liegt diese zusätzliche Belastung laut CFO Baumgartner bei 0,5 bis 1 Mio Fr. jährlich.