Verwundert reiben wir uns dieser Tage die Augen: Die Zinsen fallen und fallen und fallen. In den USA sind die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen wieder unter 3,0% angekommen. In der Schweiz rentieren die Anleihen der Eidgenossenschaft so niedrig wie nie zuvor. Die Endverfallsrendite von zehnjährigen Staatsanleihen liegt gerade einmal bei 1,44%. Rechnet man die üblichen Bankspesen für Kauf und Verwahrung hinzu und bedenkt man, dass der private Anleger auf den Zinsertrag Steuern zahlen muss, bleibt unter dem Strich nichts mehr übrig. Genauer gesagt ist die effektive Verzinsung von Schweizer Staatsanleihen unter sechs Jahren Laufzeit für die meisten Bankkunden sogar negativ.

Wir befinden uns offensichtlich in einer aussergewöhnlichen Situation. Scheinbar gibt es Anleger, die lieber Geld verlieren, als das Geld auf dem Konto bei einer Bank zu parkieren. Das spricht nicht dafür, dass das Vertrauen in unsere Banken wirklich wiederhergestellt ist. Doppelt aussergewöhnlich ist ein solches Zinsniveau auch für eine Volkswirtschaft, die im Aufschwung begriffen zu sein scheint. Immerhin rechnet selbst die Schweizerische Nationalbank für dieses Jahr mit 2,0% Wachstum und 0,9% Inflation, womit bei einer Obligationenanlage die Kaufkraft der Ersparnisse quasi garantiert sinkt.

Warum das ein Problem ist? Man kann doch Geld ausgeben, man muss doch nicht sparen? «Usä mit dä Chölä!» Auch das Geld, welches man nicht hat! Kredite sind billig wie nie zuvor. Fünfjährige Festhypotheken liegen bei 2,0%, zehnjährige bei 2,6%. «Wer da noch Mieter ist, ist doch selber schuld!», klingt es in den Ohren.

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Fast scheint es, als hätten wir wenig aus der Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 gelernt. Immerhin: Der Nationalbank ist offensichtlich nicht wohl in dieser schönen neuen Welt. So schwenkt sie den Moralin-getränkten Zeigefinger und ermahnt Kreditinstitute und potenzielle Häuslebauer, dass der Immobilienmarkt überhitzen könnte. Normal wäre das schon, schliesslich ist genau das in den letzten Jahren vor der Krise in den USA, Grossbritannien und Spanien passiert. Die Notenbanken haben die Zinsen im Kampf gegen die Rezession der Jahre 2002 und 2003 zu lange zu tief gehalten, mit der Folge, dass es zu einer gewaltigen spekulativen Übertreibung bei den Immobilien gekommen ist. Klingt da die Warnung vor einer zu starken Kreditvergabe für Immobilieninvestitionen aber nicht ein wenig hohl? Bestimmt die Nationalbank nicht zum grossen Teil, wo unser Zinsniveau liegt?

Wenn die Sorge der Nationalbank berechtigt ist, dann scheint man gerade am Thema Immobilienfinanzierung bei den Banken wenig gelernt zu haben. Noch prekärer ist aber die Lage bei der Vermögensverwaltung. Hier hätte das tiefe Zinsniveau zu einer drastischen Veränderung bei Produkten und in der Beratung führen müssen. Wenn Sie als vorsichtiger Investor heute Ihre Bank um Rat bei der Vermögensanlage fragen, wird Ihnen immer noch die Investition in sehr obligationenlastige Portfolios empfohlen und auch unsere Pensionskassen sind stark im Anleihenmarkt engagiert.

Nimmt man die Strategiefondspalette einer Grossbank als repräsentativen Massstab für die Weisheit der Vermögensverwaltungsbranche hierzulande, sollte dies stutzig machen. So berichtet die Webseite dieser Bank über ihren Strategiefonds für wenig risikotolerante Anleger: «Mit rund 25% Aktien und 75% Obligationen sowie Geldmarktpapieren eignet sich diese Fondsart besonders für einkommensorientierte Anleger, die nur geringe Kursschwankungen in Kauf nehmen wollen.» Der Geldmarkt rentiert bei null, die Nachsteuerrendite von Obligationen ist negativ, wo soll da das Einkommen herkommen? Übrigens, die Verwaltungsgebühren des Fonds betragen laut Anlageprospekt der Bank 1,44% pro Jahr. Kurzum: Das einzige Einkommen, das hier garantiert erscheint, ist das der Bank.

Zugegeben, Zinsprognosen sind nicht einfach. Wer heute schon auf steigende Zinsen setzt, kann sich täuschen. Aber anzunehmen, die Obligationen würden einen Ertrag generieren, der eine Anlage in dem heute durch Banken, Vermögensverwalter, Pensionskassen und Lebensversicherungen getätigten Ausmass rechtfertigt, ist mehr als fahrlässig. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Unsere Finanzelite scheint wenig aus der letzten Krise gelernt zu haben. Obwohl wir wissen, dass es so nicht weitergeht, machen wir weiter, bis es nicht mehr geht. Nur diesmal ist die Sache ernster: Es geht nicht um das Überleben einer Bank, es geht um unsere Ersparnisse.