Noch bis zum 15. Februar 2009 sind sie im Ägyptischen Museum Berlin zu sehen, ab dem 27. Februar im Kunsthaus Zürich: Altägyptische Meisterwerke neben Plastiken, Gemälden und Zeichnungen von Alberto Giacometti (1901-1966). Wurden jedoch in Berlin hauptsächlich altägyptische Werke zusammen mit zwölf Plastiken Giacomettis gezeigt, werden im Kunsthaus 18 ägyptische Skulpturen Werken Albertos gegenübergestellt und mit rund 80 weiteren seiner Arbeiten ergänzt. Dazu gehören neben Skulpturen auch Gemälde sowie eine grössere Anzahl meisterhafter Zeichnungen nach ägyptischen Vorlagen.

Erst die direkte Gegenüberstellung zeigt dem Betrachter mit überraschender Deutlichkeit, was er vermutlich so nicht vermutet hätte: Wie stark das Schaffen des bedeutendsten Schweizer Künstlers des 20. Jahrhunderts vom «ägyptischen Stil» geprägt war. Beiden gemeinsam ist die Konzentration auf das Menschenbild, das Verhältnis von Figur und Raum und die künstlerische Absicht, der dargestellten Person ewige Gegenwart zu verleihen.

Nach dem Vorbild Echnatons

Giacometti ging noch zur Schule, als Berliner Archäologen Anfang des 20. Jhs. die Kunst des Echnaton in Amarna ausgruben. Von der Überlegenheit der ägyptischen Kultur über alle späteren war der angehende Künstler schon damals überzeugt. Ägyptischen Originalen begegnete er erstmals 1920 in Florenz, wo er verwirklicht fand, was ihm als Ziel seiner Kunst vorschwebte: Die Erfassung der Wirklichkeit, die lebendige Präsenz des Menschen in einer Stilform. Aus den Vatikanischen Museen in Rom berichtete der Neunzehnjährige begeistert: «Wie lebendig sind diese Köpfe, als ob sie blickten oder sprächen.» Eine lebenslange Auseinandersetzung mit den Kunstschätzen Ägyptens folgte. Nach seiner Rückkehr aus Italien vollendete er seine Ausbildung beim Vater Giovanni mit einem ganzfigurigen Selbstbildnis, in welchem er seine Züge nach dem hageren, überlangen Gesicht des Echnaton stilisiert. Eine Büste des Pharaos und dieses Gemälde werden in der Ausstellung nebeneinander stehen.

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In Paris, wo er seit 1922 als Schüler des Bildhauers E. Bourdelle tätig war, studierte er im Louvre ägyptische Originale und kopierte Abbildungen aus Büchern. Auch im Surrealisten-Kreis, in dem sich Giacometti ab 1932 bewegte, spielten ägyptische Ideen eine Rolle. Als Giacomettis Vater 1933 starb, traten Vorstellungen über Tod und Jenseits in den Vordergrund. Der bronzene «Cube», auf den er 1933/34 ein Selbstbildnis eingravierte, ist Giacomettis Antwort auf die kompakten ägyptischen Würfelstatuen, die ihn schon in Florenz fasziniert hatten. In der Ausstellung wird als bedeutendstes erhaltenes Exemplar die Figur des Architekten Senenmut (um 1470 v. Chr.) vertreten sein.

Albertos intensivste Phase der Auseinandersetzung mit altägyptischer Kunst begann 1934, als er sich als «Schreiber» zeichnete. Es entwickelte sich ein Dialog zwischen Selbstbildnis-Zeichnungen und Kopien ägyptischer Meisterwerke. So auch beim «Grünen Kopf», der in Zürich ausgestellt wird und anhand dessen Giacometti Symmetrie und Struktur analysiert hat.

Dialog über Jahrtausende hinweg

Um 1942 zeichnete Alberto zahlreiche Kopien nach dem Fresko des Gartens des Ipy - mehr als von irgendeinem anderen Kunstwerk. Die Wirkkräfte der Natur faszinierten ihn und ihm wurde bewusst, dass der Inbegriff des Lebens die Bewegung ist. In der ägyptischen Kunst wird sie sehr typisch durch die Stand-Schreit-Figur verkörpert, dem Ausgangspunkt für die berühmten schreitenden Männer Giacomettis. Die Orientierung an der Typologie der ägyptischen Werke wird wegweisend für seine Arbeiten der Nachkriegszeit. Der Rückgriff auf die charakteristischen Kniefiguren ermöglicht die letzte Steigerung wie etwa bei «Diego assis».

Viele Parallelen sind augenfällig: Der gleiche majestätisch ausgreifende Schritt der schmalen Figuren auf hohen Sockeln, der gleiche fixierende Blick. Die Figuren gehen nicht, sondern sie schreiten, sie sitzen nicht, sondern sie thronen. Wie stark Giacometti in seiner Kunst von Ägypten beeinflusst war, erstaunt. Die Frage, ob seine Skulpturen stark genug sind, um der mächtigen Ausstrahlung der ägyptischen Figuren standzuhalten, wurde bereits in Berlin beantwortet: Die Werke haben die Prüfung mit Bravour bestanden.