Kurz nach dem Übernahmegebot durch Nokia hat sich der Chef des französischen Netzwerkausrüsters Alcatel-Lucent für eine Fusion ausgesprochen. Zugleich machte Michel Combes öffentlich, Nokia selbst davon überzeugt zu haben, nicht nur das Mobilfunkgeschäft der Franzosen zu kaufen, sondern den gesamten Konzern. Die Finnen hätten es zunächst nur auf die Sparte für Mobilfunknetze abgesehen. Alcatel wäre jedoch ohne diesen Geschäftsbereich zu klein und spezialisiert gewesen, um zu überleben, sagte Combes. Er selbst will in dem fusionierten Unternehmen, der in der Netzwerkbranche zum Marktführer nach Umsatz noch vor Ericsson aufsteigen wird, nicht als Vize-Chairman agieren.

Starke Präsenz in Frankreich

Wie bereits vorab erklärt, wird Nokia nicht das Untersee-Kabelgeschäft von Alcatel-Lucent übernehmen. Dieses soll laut Combes privatisiert oder an die Börse gebracht werden. Der Netzwerk-Ausrüster Nokia setzt zur Übernahme des Konkurrenten Alcatel-Lucent an. Der finnische Konzern bietet dafür in einem 15,6 Milliarden Euro schweren Deal eigene Aktien an. Der neue europäische Netzwerk-Riese soll Nokia Corporation heissen. Hauptsitz werde Finnland sein, mit einer «starken Präsenz» in Frankreich, teilte Nokia am Mittwoch mit. Die beiden kleineren europäischen Netzwerk-Ausrüster müssen sich gegen die scharfe Konkurrenz aggressiver Rivalen aus China wappnen, stehen aber auch mit dem US-Branchenriesen Cisco im Wettbewerb.

Nokia bietet 0,55 neue Aktien für einen Anteilsschein von Alcatel-Lucent. Der Deal solle im ersten Halbjahr 2016 abgeschlossen werden. Nokia-Chef Rajeev Suri solle auch das neue Unternehmen führen.

Aggressive Rivalen aus China

Alcatel-Lucent werde mit insgesamt 15,6 Milliarden Euro bewertet, hiess es. Für die Aktionäre bedeute das einen Aufschlag von 28 Prozent auf den durchschnittlichen Preis der vergangenen drei Monate.

Anzeige

Netzwerk-Ausrüster liefern Technik für Telekom-Konzerne. Dabei stehen etablierte westliche Anbieter unter verstärktem Druck aggressiver Rivalen aus China. Gemeinsam könnten Nokia und Alcatel-Lucent besser mit ihnen konkurrieren. Bis 2019 sollen jährliche Einsparungen von 900 Millionen Euro bei den operativen Kosten erzielt werden, wie Nokia ankündigte. Erst am Vortag hatte die Unternehmen nach Medienberichten Gespräche über einen Zusammenschluss bestätigt.

Fokus Netzwerkausrüstung

Nokia ist nach dem Verkauf der Handy-Sparte an Microsoft hauptsächlich ein Netzwerk-Ausrüster. Der Konzern bestätigte am Mittwoch auch, dass alle Optionen für seinen digitalen Kartendienst Here geprüft werden. Nach Informationen des Finanzdienstes Bloomberg gab es bereits Verkaufsgespräche mit dem umstrittenen Fahrdienst-Vermittler Uber und Interesse einer Gruppe deutscher Autohersteller.

Nokia hatte Ende vergangenen Jahres 54 600 Mitarbeiter im Netzwerk-Bereich und Alcatel-Lucent insgesamt gut 50 000. Der Nokia-Konzern erwirtschaftete einen Umsatz von 12,7 Milliarden Euro. Der Löwenanteil kommt aus dem Netzwerk-Geschäft, die Handy-Sparte hatte Nokia an Microsoft verkauft. Alcatel-Lucent hat mit 13,2 Milliarden Euro Erlöse in ähnlicher Grössenordnung. Der Konzern entstand aus einem Zusammenschluss zwischen Alcatel aus Frankreich und Lucent aus den USA. Nokia betrieb in der Netzwerk-Technik früher ein Gemeinschafsunternehmen mit Siemens , übernahm 2013 jedoch den 50-Prozent-Anteil der Deutschen.

Primus Ericsson

Der europäische Rivale Ericsson hielt sich im vergangenen Jahr an der Spitze der Branche mit einem Umsatz von 25,1 Milliarden Euro. Die Schweden liefern sich aber schon seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Huawei aus China.

Anzeige

Das Wohlwollen der französischen Regierung, die die Telekom-Industrie zu einer strategischen Branche von nationalem Interesse erklärt hat, galt als wichtige Voraussetzung für einen Erfolg des Deals. Präsident François Hollande hatte sich am Dienstag kurzfristig mit Suri und Alcatel-Lucent-Chef Michel Combes getroffen. Wirtschaftsminister Emmanuel Macron äusserte sich danach positiv: "Es ist ein guter Deal für Alcatel-Lucent, weil es ein Deal für die Zukunft ist", wurde er vom Finanzdienst Bloomberg zitiert. Das Unternehmen könne der wachsenden Konkurrenz chinesischer Anbieter nicht allein entgegenstehen.

Gute Ergänzung

Ein Experte der Analysefirma Ovum, Mark Newman, sagte, Nokia und Alcatel-Lucent ergänzten sich gut. Die Finnen seien stark bei mobilen Netzwerken und die Firma aus Paris im Festnetz-Geschäft. Aber es sei eine grosse Herausforderung, Produktpaletten und Kunden zusammenzulegen. Bei den lukrativen Verträgen für den Aufbau der Netze des aktuell schnellsten LTE-Datenfunks hätten Nokia und Alcatel-Lucent zusammen 26 Prozent. Huawei habe 36 Prozent und Ericsson ein Drittel.

Anzeige

Die Alcatel-Aktie gab nach den Gewinnen am Vortag, als die Fusionsgespräche öffentlich wurden, zum Handelsbeginn acht Prozent nach. Das Nokia-Papier erholte sich hingegen um rund drei Prozent.

(reuters/awp/chb/ama)