Der chinesische Online-Händler Alibaba steht vor einem fulminanten Start an der New Yorker Börse. Die Händler an Wall Street wurden mit Orders von Investoren geradezu überschwemmt, die bei der Zuteilung der Alibaba-Aktien leer ausgegangen waren. Der erste Kurs liess deshalb mehr als eineinhalb Stunden auf sich warten, gegen 17 Uhr zeichnete sich ein Preis zwischen 89 und 91 Dollar ab.

Effektiv haben die Aktien bei ihrer Erstnotiz an der New Yorker Börse angesichts einer riesigen Nachfrage mehr als 36 Prozent auf 92,70 Dollar zugelegt. Wenig später kostete das begehrte Papier sogar 99,70 Dollar, bevor der Kurs wieder auf rund 93 Dollar nachgab. Die Aktien waren zu 68 Dollar ausgegeben worden. Experten hatten im Vorfeld lediglich mit einem Kurssprung von zehn bis 15 Prozent gerechnet. Das Volumen des Börsengangs belief sich auf 25 Milliarden Dollar.

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Riesiger Ansturm

Die Kaufaufträge für Alibaba-Aktien seien dreimal so hoch wie beim Börsendebüt von Twitter und bei 70 Prozent des Ordervolumens von Facebook, sagte ein Marktstratege des grossen Aktienhändlers TD Ameritrade.

«Das ist der grösste Börsengang, den die Welt je gesehen hat, deshalb herrscht Feierstimmung auf dem Parkett - ob man will oder nicht», sagte Aktienhändler Benedict Willis von Sunrise Securities. Ein Investor, der 200'000 Aktien für 13.6 Millionen Dollar geordert hatte, sagte, er habe 1000 Stück zugeteilt bekommen. 35 bis 40 Investoren, unter ihnen der Fondsriese Blackrock, hatten jeweils für mehr als eine Milliarde Dollar Alibaba-Papiere geordert, wie es in Finanzkreisen hiess. Viele Investoren waren bei der Zuteilung von Alibaba-Aktien leer ausgegangen oder enttäuscht worden.

Mehr wert als Coca-Cola

Mit dem ersten Kurs ist Alibaba fast 230 Milliarden Dollar (180 Millionen Euro) wert, mehr als alteingesessene US-Konzerne wie Walt Disney und Coca- Cola - und noch einmal 61 Milliarden Dollar mehr als zum Ausgabepreis.

Eine ganze Reihe von Managern und Software-Fachleuten bei Alibaba werden mit dem Schritt an die Börse zu Millionären. Allein Milliardär Ma kassiert fast 900 Millionen Dollar. «Ich will die Aktionäre nicht enttäuschen», sagte der Firmengründer bei CNBC. «Ich will sicherstellen, dass sie Geld verdienen.» Grösster Alibaba-Anteilseigner ist die japanische Softbank mit 32 Prozent, die sich aber von keiner Aktie getrennt hat.

Angela Merkel und die Wall Street

Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel schaut gespannt an die Wall Street: «Wenn heute der Börsengang von Alibaba stattfindet, dann zeigt dies doch, dass die Welt nicht schläft, dass chinesische grosse Unternehmen längst Global Player sind», sagte sie beim Zentralverband des Deutschen Handwerks. Die Rivalen Amazon und Ebay haben die Chinesen an Börsenwert bereits überholt. E-Commerce-Experten sehen Alibaba auf einer Stufe mit Facebook und Google. Ma hatte die Anleger bei seiner Werbetour überzeugt: «Das war einer der beeindruckenderen Präsentationen», sagte Jerry Jordan, der den 48 Milliarden Dollar schweren Jordan Opportunity Fund verwaltet. «Mir war gar nicht klar, wie erfolgreich sie sind.»

15 Jahre nach der Gründung in Mas Ein-Zimmer-Wohnung wickelt Alibaba mehr Geschäfte ab als Amazon und Ebay zusammen. Rund 80 Prozent der Online-Umsätze in China, der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt, gehen auf das Konto von Alibaba. Von April bis Juni schossen die Umsätze um 46 Prozent nach oben, und anders als viele Internetfirmen, schreibt das Unternehmen Gewinn: 1,99 Milliarden Dollar waren es in diesen drei Monaten.

Zalando-Aktien sogar auch für Euphorie

Deutsche Internet-Firmen sind von solchen Grössenordnungen noch weit entfernt. Die E-Commerce-Börsenkandidaten Zalando und Rocket Internet werden jeweils mit rund fünf Milliarden Euro bewertet. Der Online-Modehändler Zalando wurde am Freitag aber auch von der Börsen-Euphorie erfasst: Seine Aktien, die seit Donnerstag für 18 bis 22,50 Euro gezeichnet werden können, werden im Graumarkt für bis zu 26,75 Euro gehandelt.

Für viele klingt der Name Alibaba ausserhalb Chinas aber noch exotisch: Nach einer Ipsos-Umfrage im Auftrag von Reuters haben 88 Prozent der Amerikaner von Alibaba noch nie gehört. Am Rande wurden kritische Stimmen laut: «In der Geschichte hat es selten einen Börsengang dieser Grösse gegeben, bei dem man weniger über das Unternehmen wusste», sagte der demokratische US-Senator Bob Casey aus Pennsylvania. «Ich mache mir immer noch Sorgen um die Transparenz chinesischer Firmen, die an unseren Börsen notiert sind.» An der Frankfurter Börse haben Skandale bei kleinen chinesischen Firmen für Unruhe gesorgt.

(reuters/ise/chb)