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Interview
«Alle Finanzprodukte sind am Kämpfen»

Scoach-Chef Reuss: «Hauptaufgabe der Börse ist es, dem Produkt eine erhöhte Glaubwürdigkeit zu verleihen.» (Bild: Keystone)

Deutsche und Schweizer Börse gehen beim Handel mit Strukturierten Produkten nun offiziell getrennte Wege. Scoach-Chef Christian Reuss zu Gründen, Plänen und Glaubwürdigkeit.

Von Volker Strohm
am 10.07.2013

Das Joint Venture mit der Deutschen Börse ist endgültig Geschichte – seit Anfang Juli sind Scoach Europe in Frankfurt und die Scoach Schweiz in Zürich unabhängige Unternehmen: Die Vision eines harmonisierten Marktes mit Synergien habe sich nicht realisiert, heisst es offiziell. Waren Sie folglich zu blauäugig?
Christian Reuss: In die damalige Entscheidfindung war ich nicht involviert, muss aber festhalten, dass diese zu einer Zeit erfolgt war, als sich der Strukturierte-Produkte-Markt stark auf dem Vormarsch befand. Deshalb kann ich die damalige Vision durchaus nachvollziehen.

Von einem harmonisierten Markt war nichts zu spüren?
Nein, diese Annahme hat sich nicht realisiert. Vor allem in jüngster Vergangenheit haben sich die Unterschiede zwischen den Märkten Schweiz und Deutschland weiter akzentuiert. Ich möchte allerdings festhalten, dass dies nicht der einzige Grund war, der zur Auflösung des Joint Ventures geführt hat – aber es ist in Verbindung mit dem reduzierten Synergiepotenzial der Hauptgrund.

Sie waren CEO an beiden Orten – in Frankfurt und Zürich. Auf den Mann gespielt könnte man jetzt formulieren: Sie haben versagt.
Trotz der geringen Synergien haben wir mit unserem kleinen Team in beiden Märkten Beachtliches erreicht: Wir waren kontinuierlich die umsatzstärkste Börse in Europa, haben Transparenzstandards sowie eine überaus erfolgreiche Marke geschaffen und wurden mehrfach vom Markt für unsere Arbeit ausgezeichnet. Mit einem leicht wehmütigen Blick nach Frankfurt ist es uns zudem nach jahrelanger Arbeit gelungen, den  ersten Marktteilnehmer aus Hongkong anzuschliessen. Für mein Empfinden ist das ein guter Ausweis. Die Rahmenbedingungen für das Joint Venture haben sich einfach geändert

Was bedeuteten die fehlenden Synergien für Sie persönlich?
Primär eine Doppelbelastung, die jetzt wegfällt. Ich kann mich nun voll auf die Schweiz fokussieren. Meine Berufung in die Geschäftsleitung der SIX Swiss Exchange erachte ich als persönliche Anerkennung, die mir zudem einen noch tieferen Einblick ermöglichen wird.

Sie propagieren einerseits die Fokussierung auf die Schweiz, streichen aber anderseits die Qualitäten und damit die Attraktivität des hiesigen Börsenplatzes heraus. Mit anderen Worten: Wird die Scoach Schweiz schon bald wieder in Deutschland aktiv anzutreffen sein?
Ausschliessen kann man grundsätzlich nichts. Natürlich gibt es Opportunitäten, die man prüfen muss.

Noch bis Ende Jahr firmieren die Derivatbörsen in Zürich und Frankfurt als Scoach. Darüberhinaus ist offen, wer die Namensrechte behalten darf. Was würde ein Wegfall und das damit notwendige Rebranding für Sie bedeuten?
(lacht) Die Marke ist das eine, der grüne Bulle das andere. Der kleine Kerl ist den Leuten ans Herz gewachsen. Bis Jahresende ist aber eine Änderung noch keine Thema – und darüberhinaus Gegenstand von Verhandlungen…

… mit einem höheren Einsatz für die Deutschen Börse, wo Scoach aufgrund der lokalen Konkurrenzsituation noch mehr bei den Kunden verankert ist. Das dürfte dem bisherigen Joint-Venture-Partner viel Geld wert sein.
Da die Verhandlungen im Gange sind, kann ich dies leider nicht kommentieren.

Die Scoach Schweiz hat mit Auslauf des Vertrages mit Deutschland am 1. Juli die Gebühren gesenkt – und dies sogar rückwirkend auf April. Wurde Ihnen dies vorgängig von Frankfurt untersagt?
Ich kann über die internen Diskussionen natürlich keine Auskunft geben. Fakt ist, dass wir dem Schweizer Markt ein gutes Signal geliefert haben.

Mit einer neuen Plattform namens XBTR visieren sie den ausserbörslichen, den sogenannten Over-the-Counter-Markt (OTC) an. Ist das eine Kannibalisierung – oder vielmehr eine letzte Chance in einem darbenden Markt?
Nein, als letzte Chance würde ich es nicht bezeichnen…

… sondern als…
… natürliche Wachstumsmöglichkeit. Unsere Stärke ist der Sekundärhandel – inklusive Produkteinbeziehung, Kurs- und Datenverteilung, Abwicklung und Settlement – und das alles in einem vollautomatisierten Prozess. Wir bieten dem OTC-Interbankenhandel, der bisher sehr ineffizient und fehleranfällig über das Telefon abgewickelt wurde, eine neue kosteneffiziente Plattform.

Fakt ist doch, dass die Umsätze stagnieren und sich Emittenten zuletzt aus dem Markt mit Strukturierten Produkten zurückgezogen haben – die Basler Kantonalbank sogar mit der offenherzigen Info, dass das Geschäft zu wenig rentabel war. Wie können Sie Gegensteuer geben?
Hauptaufgabe der Börse ist es, dem Produkt durch Transparenz und regulierten Handel eine erhöhte Glaubwürdigkeit zu verleihen. Das wird aber kein «Quick Win», weil alle Arten von Finanzprodukten am Kämpfen sind.

Ausgerechnet die UBS, die an der Scoach volumenmässiger Platzhirsch ist, betreibt zusammen mit Swissquote eine alternative Plattform namens «Swiss Dots». Das muss Ihnen doch ein Dorn im Auge sein.
Ich denke, Investoren wissen um die Vorzüge des börslichen Handels: Kotierung, Transparenz, verbindliche Quotes sowie eine neutrale und aktive Marksteuerung. Die Umsatzentwicklung zeigt mir zudem, dass sie diese Merkmale auch schätzen. 

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