Die Migros rechnet seit kurzem jedem Cumulus-Kunden vor, ob sein «Green»-Anteil über dem landesweiten Durchschnitt liegt. Das Spiel mit dem schlechten Gewissen ist bewusst gewählt. Der Grossverteiler will dem Konsumenten mehr Umweltbewusstsein beibringen – und gleichzeitig das boomende und lukrative Geschäft mit Bio- und Ökoprodukten weiter ankurbeln.

Auch in politischen Belangen hängen sich die Grossverteiler immer häufiger ein grünes Mäntelchen um. Aktuelles Beispiel dafür ist die Revision des Umweltschutzgesetzes, die der Bundesrat als indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Grüne Wirtschaft» der Grünen lanciert hat. Umweltministerin Doris Leuthard will Konsumenten und Wirtschaft mit einer Flut neuer Vorschriften auf Nachhaltigkeit trimmen. Als einzige nennenswerte Wirtschaftsvertreter stellen sich Migros und Coop hinter die Vorlage des Bundesrats.

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«PR über die Gesetzgebung»

In Wirtschaftskreisen sorgt das für böses Blut. Man kauft den beiden Unternehmen nicht ab, dass sie sich aus voller Überzeugung hinter das planwirtschaftliche Unterfangen des Bundes stellen. «Es ist offensichtlich, dass sich Migros und Coop ausschliesslich aus Marketingüberlegungen für diese Verschärfung des Umweltschutzgesetzes einsetzen», sagt Henrique Schneider vom Gewerbeverband. Das sei höchst fragwürdig: «Wenn Firmen anfangen, via Gesetzgebung PR zu betreiben, sind wir an einem sehr unethischen Ort angelangt.»

Beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse schlägt man in dieselbe Kerbe. «Es ist problematisch, wenn Unternehmen Imagepflege über die Gesetzgebung betreiben», sagt Kurt Lanz. Es gehe hier schliesslich um die Schaffung von neuen Gesetzen – und nicht darum, was die Kunden von Migros und Coop gerne hören möchten. Lanz wirft den Grossverteilern vor, sich als Trittbrettfahrer zu betätigen: «Man will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass man gegen eine grüne Wirtschaft ist.» Und das, obwohl die geplante Neuausrichtung des Umweltschutzgesetzes für die Detailhändler keinerlei Vorteile aufweise. «Man hofft wahrscheinlich darauf, dass andere für sie die Kohlen aus dem Feuer holen.»

Gegen Ökobilanzen von Firmen

Trotz dem öffentlichen Bekenntnis zum Vorschlag Leuthard weicht die Interessengruppe Detailhandel (IG DHS), welche auch die Interessen von Migros und Coop vertritt, inhaltlich nicht fundamental von der Haltung der anderen Wirtschaftsverbände ab. Zwar begrüsst sie die Absicht des Bundesrats, der Initiative der Grünen einen Gegenvorschlag gegenüberzustellen. Ansonsten aber beurteilen die Detailhändler diverse Massnahmen Leuthards ebenfalls kritisch.

Auch die IG DHS spricht sich etwa dagegen aus, dass Firmen künftig Ökobilanzen erstellen müssen, um die Käufer über die Folgen ihrer Produkte auf die Umwelt zu informieren. Ebenso wehrten sich die Grossverteiler in der Vernehmlassung gegen eine Rücknahmepflicht für Verpackungen, die über den heutigen Standard hinausgeht. «Die Postition der IG DHS deckt sich in weiten Teilen mit der unseren», sagt denn auch Dagmar Jenni vom Branchenverband Swiss Retail Federation, einem scharfen Kritiker der Gesetzesrevision. Coop und Migros würden sich aber schwertun, Politik und Öffentlichkeit reinen Wein einzuschenken.

«Gefährliche Abwehrhaltung»

Bei den Grossverteilern versteht man die Aufregung nicht. IG-DHS-Sprecher Patrick Marty weist die Kritik der Wirtschaftsverbände als «völlig haltlos» zurück. «Wir haben uns in den letzten Jahren wiederholt und substanziell in den Gesetzgebungsprozess eingeschaltet, insbesondere in der Umweltpolitik. Wie man da behaupten kann, wir engagierten uns nur aus Imagegründen, ist uns ein Rätsel.» Migros und Coop hätten sehr früh und erfolgreich den grünen Weg eingeschlagen. Die Konsumenten würden erwarten, dass sich die Grossverteiler auch in der Politik für ökologisch sinnvolle Lösungen einsetzten.

Die Migros kritisiert die starre Haltung der Wirtschaftsverbände. «Es ist gefährlich, in der Debatte über die grüne Wirtschaft eine totale Abwehrhaltung einzunehmen», sagt Cheflobbyist Martin Schläpfer. Eine Annahme der Volksinitiative hätte fatale Folgen. Im Übrigen anerkenne die Migros die Notwendigkeit weiterer Schritte zur Reduktion des ökologischen Fussabdrucks.

2 Milliarden Franken Umsatz erzielte die Migros im vergangenen Jahr mit dem Verkauf von Labelprodukten. Dies entspricht einer Steigerung um 8 Prozent. Zugleich baut die Migros die Zusammenarbeit mit dem deutschen Bio-Handelsunternehmen Alnatura aus: Bald werden 70 Filialen rund 300 Alnatura-Artikel führen.

5,3 Prozent beträgt die Steigerung von Coop bei den Verkäufen von nachhaltigen Produkten im letzten Jahr. Der Erlös wuchs damit auf 2,2 Milliarden Franken. Allein mit Bioartikeln wurde 1 Milliarde umgesetzt. Coop baut derzeit das Sortiment der Eigenmarke O ecoplan aus, das bereits 2000 Produkte umfasst.