NUTZFAHRZEUGHERSTELLER. Umweltschutz und damit verbunden alternative Antriebe und Motorkonzepte sowie kundenorientierte Dienstleistungen auf breiter Ebene standen an der diesjährigen European Road Transport Show im Messegelände der RAI in Amsterdam im Mittelpunkt. Die Nutzfahrzeugausstellung in den Niederlanden wechselt sich im jährlichen Rhythmus mit der wesentlich grösseren und international ausgerichteten IAA Nutzfahrzeuge in Hannover ab. Alle massgebenden Hersteller leichter und schwerer Fahrzeuge legten dieses Jahr den Fokus auf das Thema «Environment Responsibility» Die Klimaveränderung und die damit zusammenhängende Umweltbelastung sowie der stetig ansteigende Ölpreis gehen nicht spurlos an der Automobilindustrie vorbei. Praktisch jeder Hersteller hat in jüngster Zeit neue Konzepte und alternative Antriebsmethoden entwickelt, um Motoren zu realisieren, welche möglichst ohne Benzin oder Diesel betrieben werden können.

Diesel bleibt Schwerpunkt

Doch so einfach ist die Sache nicht, im Gegenteil. Die Wissenschafter sind sich derzeit gar nicht einig, welche Antriebsart denn nun in Zukunft die beste und die ökologischste sei. Der schrittweise Abschied vom Öl – auch wenn dies wohl noch Jahrzehnte dauern könnte – wird derzeit von den Fahrzeugherstellern mit unterschiedlichen Methoden und Wegen bewerkstelligt. Allerdings muss auch festgestellt werden, dass der Verbrennungsmotor – insbesondere der Diesel – noch auf viele Jahre hinaus die klar dominierende Antriebsquelle von Personenwagen und vor allem von Nutzfahrzeugen bleiben wird. Der Selbstzünder ist nach Meinung der Hersteller noch keineswegs am Ende seiner technischen Entwicklung angelangt. Der Diesel, als eines der effizientesten Antriebsaggregate, bietet noch eine ganze Reihe von Optimierungsmöglichkeiten. Vor allem für Nutzfahrzeuge ist der Selbstzünder heute das absolut dominierende Antriebskonzept. Allerdings mit dem Nachteil, dass er Partikel ausstösst, die der Umwelt und damit dem Menschen schaden. Mit optimalen Partikelfiltersystemen kann allerdings den mikrofeinen Staubpartikeln (PM) wirksam zu Leibe gerückt werden. Der Dieselmotor wird also noch viele Jahre ein Entwicklungsschwerpunkt bleiben, einmal wegen seines hohen Wirkungsgrades und nicht zuletzt wegen seiner Anpassungsfähigkeit an verschiedene Treibstoffe.

Hybridantrieb ist im Kommen

Auf jedem Stand der Nutzfahrzeughersteller war in Amsterdam eines oder gar mehrere Hybridmodelle ausgestellt. Diese Alternative wurde gezielt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Hybridantriebe lassen sich auf unterschiedliche Weise realisieren. Je nach Auslegung spricht man heute von einem «milden Hybrid» oder einem «Voll-Hybrid». Zentraler Punkt ist dabei die Kombination eines Verbrennungsmotors (Diesel oder Benziner) mit einem leistungsfähigen Elektromotor. Dieses Antriebskonzept bietet zahlreiche Vorteile, so etwa kann beim Bremsen Energie zurückgewonnen werden, die sonst verpufft. Ausserdem kann das Fahrzeug in Ballungszentren bei niedrigem Tempo im Elektromodus gefahren werden, was keine Emissionen verursacht. Dieser Vorteil kommt vor allem bei Verteilerfahrzeugen, die häufig anhalten und wieder fahren wie beispielsweise Stadtbusse, Verteilerfahrzeuge (Post, KEP-Dienste) oder Entsorgungsfahrzeuge, zum Tragen. Hier kann dank der Hybridtechnologie eine Treibstoffeinsparung von 10–30% erzielt werden. Mikro-Hybridantriebe, die zum Beispiel Bremsenergie für den Antrieb von Zusatzsystemen wiederverwerten, ermöglichen eine Treibstoffersparnis von bis zu 10% und können darüber hinaus als zusätzliche Funktionen für verschiedene Anwendungen genutzt werden. Als Energiespeicher, insbesondere beim Nutzfahrzeug, können entweder Batterien oder sogenannte Kapazitoren eingesetzt werden. Letztere können ohne starke Hitzeentwicklung schnell mit hoher Leistung geladen beziehungsweise wieder entladen werden. Die Hybridtechnologie wird vor allem auch von den Busherstellern intensiv erforscht und in zahlreichen Versuchen in grösseren Städten und Agglomerationen getestet. Zur Erfüllung der Emissionsnorm Euro-5 stehen heute zwei Verfahren im Vordergrund: Die Abgasrückführung (Exhaust Gas Reduction EGR) sowie die Abgas-Nachbehandlung unter Zugabe des Betriebsstoffes Ad-Blue, die sogenannte SCR-Technologie (Selective Catalyc Reduction). Der schwedische Hersteller Scania jedoch hat sich die Erfüllung der Euro-5-Norm ohne zusätzliche Technologie zum Ziel gesetzt. Nach über siebenjähriger Forschungstätigkeit können nun die Schweden als bisher einziger Hersteller schwerer Nutzfahrzeuge Modelle anbieten, welche die Euro-5-Norm mit innermotorischen Massnahmen erfüllen. Ausgehend von der in Zusammenarbeit mit dem US-Motorenhersteller Cummins entwickelten Hochdruckeinspritzung Scania XPI bietet Scania Motoren mit unterschiedlicher Leistung an, die keine zusätzliche Technik benötigen. Es wird in diesem Zusammenhang interessant sein zu verfolgen, ob auch andere Hersteller Euro-5 mit innermotorischen Massnahmen erfüllen können. Dem Vernehmen nach soll MAN in dieser Beziehung schon sehr weit sein.

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Die Fahrweise optimieren

Umweltschutz kann aber auch betrieben werden mit einer optimalen Fahrweise. In diesem Bereich bieten heute alle Nutzfahrzeughersteller entsprechende Programme an, mit denen der Lastwagen ökologisch und ökonomisch optimal eingesetzt, werden kann. So etwa werden immer mehr vollautomatische Getriebe eingesetzt, die stets – entsprechend den Strassenverhältnissen und dem Verkehr – die richtige Gangstufe wählen und so den Treibstoffverbrauch positiv beeinflussen. Nicht nur die Aspekte des Umweltschutzes wurden an der RAI Amsterdam in den Mittelpunkt gerückt, ebenso wurde von allen Herstellern Wert auf eine ständig erhöhte Sicherheit im Verkehr gelegt. Dank den Möglichkeiten der Elektronik kann heute eine ganze Reihe von Sicherheitseinrichtungen im Nutzfahrzeug eingesetzt werden, welche den Fahrer entlasten, ihn bei Gefahrensituationen warnen, ihm aber die letzliche Verantwortung für das Fahrzeug nicht abnehmen. Einige dieser Sicherheitseinrichtungen werden von den Herstellern bereits serienmässig eingebaut, andere können gegen Aufpreis – meist in Kombination mit mehreren Features – zu einem speziellen Preis geordert werden. Berücksichtigt man, dass mit diesen Sicherheitssystemen schwere Unfälle vermieden oder zumindest in ihrer Wirkung abgeschwächt werden können, dann lohnen sich diese Investitionen allemal.

Deutliche Schadstoffreduktion

Alle massgebenden Hersteller haben mit ihren Exponaten klar unterstrichen, dass man alles unternehmen will, um moderne Nutzfahrzeuge – ohne die eine Versorgung der europäischen Wirtschaft undenkbar ist – so ökologisch wie möglich einsetzen zu können. Berücksichtigt man die enorme Reduktion der Schadstoffe in den vergangenen zehn Jahren und zieht man in Betracht, dass die Dieselmotoren an Leistung zwar zugelegt, an Verbrauch aber deutlich abgenommen haben, so kann man feststellen, dass die Nutzfahrzeughersteller punkto Ökologie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Noch stehen ihnen aber weitere Innovationsschritte bevor, müssen sie doch alternative Antriebssysteme entwickeln, welche mit erneuerbaren Treibstoffen betrieben werden können. Welche Varianten sich dabei durchsetzen werden, ist heute noch völlig offen.

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