Wissen wir Ende Jahr, an welchen zwei Standorten AKW gebaut werden?

Giovanni Leonardi: Es liegen drei Gesuche auf dem Tisch der Behörden. Sie durchlaufen jetzt gleichberechtigt das Rahmenbewilligungsverfahren. Das braucht Zeit.

Axpo und BKW machen Druck. Sie haben Ihnen ein Angebot gemacht und wollen einen Entscheid bis Ende Jahr.Leonardi: Alpiq hat immer gesagt: Die drei Projekte müssen durch den Behördenprozess, und erst am Schluss des Prozesses sehen wir, welche Projekte die besten sind. Das ist wie im Sport: Zuerst gibt es die Spielregeln - in diesem Fall das Kernenergiegesetz, das den Ablauf festlegt -, dann wird gespielt, und erst am Schluss haben wir das Resultat: Die besten Standorte.

Es klingt alles danach, als würde sich Alpiq nicht bis Ende Jahr entscheiden.

Leonardi: Es gibt Regeln, und Alpiq hält sich an diese. Wir haben das Recht, dass unser Projekt überprüft wird, so wie jene der anderen Bewerber auch. Wichtig ist: Die Versorgungssicherheit des Landes muss mit den besten Projekten garantiert werden. Sollten sich Behörden und Volk nicht für unser Projekt entscheiden, werden wir dies akzeptieren.

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Axpo und BKW sprechen aber von der natürlichen Reihenfolge des Kraftwerkersatzes, gemäss der Alpiq eigentlich bereits aus dem Rennen wäre.

Leonardi: Es gibt keine natürliche Reihenfolge. Wichtig ist die technische und politische Qualität der möglichen Standorte. Sie entscheidet über die Reihenfolge. Das Niederamt ist deshalb noch nicht aus dem Rennen.

Argumentiert wird auch, die Energiebranche müsse ohne vorherigen politischen Entscheid Einigkeit demonstrieren und im Namen der guten Sache einen Entscheid fällen.

Leonardi: Soll die Branche in dieser Phase die Spielregeln tatsächlich ändern, oder aber machen wir die Analyse, wie sie das Kernenergiegesetz vorsieht? Schauen wir doch, was Behörden und Volk als das beste Projekt betrachten. In den 60er- und 70er-Jahren gab es auch diverse Projekte, und am Schluss wurden nicht die realisiert, die am Anfang zuoberst gestanden hatten. Wir müssen auf jeden Fall ein zweites Kaiseraugst verhindern.

Für dieses Problem gibt es einen Lösungsvorschlag: BKW-CEO Kurt Rohrbach sagte in der «Handelszeitung», man könne doch die Reihenfolge festlegen und das dritte Gesuch sistieren, aber nicht zurückziehen. Im Notfall kann man dann auf dieses zurückkommen. Warum machen Sie das nicht?

Leonardi: Alpiq will ihr Projekt weder zurückziehen noch sistieren. Erstens hat die Regierung im Kanton Solothurn einen klaren Auftrag des Parlaments bekommen. Sie soll ein Projekt im Niederamt unterstützen. Zweitens hat Alpiq auch künftig die Verantwortung, einen Drittel der Schweiz direkt oder indirekt mit Strom zu versorgen. Drittens sind wir überzeugt von der Qualität unseres Projekts.

Es entstehen Partnerwerke, an denen auch die Alpiq beteiligt wäre. Warum überlassen Sie den Aufwand nicht der Axpo und der BKW und beteiligen sich einfach?

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Leonardi: Viele unserer Aktionäre beziehen Energie und Strom bei uns. Alpiq und ihre Vorgängerfirmen Atel und EOS beliefern manche Kunden seit Jahrzehnten zu wirtschaftlich interessanten Konditionen. Die Kunden und unsere Aktionäre erwarten von uns, dass wir uns engagieren.

Wenn die Strombranche nicht über die Standorte entscheidet: Wer genau entscheidet dann?

Leonardi: Jetzt sind die Projekte im Rahmenbewilligungsverfahren. Es kann sein, dass ein Projekt auf der Strecke bleibt, weil ein Kanton Nein sagt oder wegen neuer kantonaler Gesetze die Produktionskosten so hoch werden, dass sich der Bau nicht mehr lohnt. Am Ende dieses Prozesses geht ein Antrag in den Bundesrat - ob mit einem, zwei oder drei Projekten, das wissen wir nicht. Der Bundesrat wird dann allenfalls die Anzahl reduzieren. Dann kommt die Vorlage ins Parlament, dessen Entscheid dem Referendum untersteht.

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Die Politik fällt also den Standortentscheid?

Leonardi: Ja. Der Standortentscheid ist ein politischer Entscheid.

Lassen sich für neue KKW überhaupt Investoren finden?

Leonardi: Natürlich. Die Branche hat die finanzielle Kraft, die Projekte zu finanzieren. Wichtig ist, dass alle heutigen KKW-Betreiber bei den Neubauten dabei sind. Ob dann noch Dritte dazukommen, müssen wir später anschauen.

In Finnland kämpft der im Bau stehende Druckwasserreaktor mit Problemen. Hat das auch Folgen für die Schweizer Projekte?

Leonardi: In Finnland entsteht ein Prototyp. Es ist normal, dass ein solches Projekt Kinderkrankheiten hat. Die Schweizer Strombranche darf sich keinen Prototyp leisten, das haben wir immer gesagt.

In der Schweiz gibt es 900 Energieversorger, gleich viele wie im viel grösseren Deutschland. Wie lange noch?

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Leonardi: Der Föderalismus ist nun einmal ein spezielles System. Die regionalen Interessen und die regionale Verwurzelung sind wichtig. Andererseits sind 900 Stromversorger für 7 Millionen Einwohner schon etwas viel. Die Konsolidierung wird darum weitergehen, die Frage ist einfach, mit welcher Geschwindigkeit. Das kann ich nicht voraussagen. Viele Gemeinden zeigen keine Lust, ihre Werke zu verkaufen. Wenn ich aber schaue, welche Grossinvestitionen auf die Schweiz zukommen, dann muss es in Richtung Konsolidierung gehen.

Hat Alpiq Interesse, in der Schweiz zuzukaufen?

Leonardi: Im Moment haben wir genug zu tun mit der Zusammenführung von Atel und EOS zu Alpiq. Damit bereiten wir Alpiq auf den nächsten Schritt vor.

Was ist der nächste Schritt?

Leonardi: Die gesunde Weiterentwicklung des Konzerns. Die Erhöhung des Cash-flows, damit wiederum mehr investiert werden kann.

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Wo steht die Zusammenführung?

Leonardi: Dieser Prozess verläuft viel schneller, als ich vermutet hatte. Jetzt bauen wir das neue Business-Modell auf, mit dem wir Anfang 2010 starten werden.

Stehen Sie noch immer hinter dem Zusammenschluss?

Leonardi: Die Zusammenführung ist fast ideal. Die beiden Firmen haben praktisch keine Überschneidungen. EOS verfügte über viel Spitzenenergie, Atel hatte viel Bandenenergie. Das ist im Stromgeschäft eine fantastische Ergänzung. Mit der neuen Firma können wir mehr Mehrwert generieren, als wenn Atel oder EOS alleine geblieben wäre.

Was ist konkret der Vorteil? Früher hätte EOS einfach vor allem Spitzenenergie verkauft und die Atel vor allem Bandenergie.

Leonardi: Die Grösse des Portfolios ist ein grosser Vorteil, etwa in der Bewirtschaftung oder dem Verkauf der Energie. Ein Beispiel: Wenn Sie nur im Tessin Tomaten produzieren, haben Sie ein Problem, sobald es dort trocken ist. Wenn Sie hingegen auch noch im Bündnerland oder im Raum Bern eine Produktion haben, sinken die Risiken. Das ist der Vorteil der Grösse.

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Die Spitzenenergie der EOS hat also mit dem Zusammenschluss an Wert gewonnen?

Leonardi: Ja. Innerhalb der Alpiq gehen wir davon aus, dass die Spitzenenergie der EOS jetzt mehr Wert hat.

Wie hoch sind die Integrationskosten?

Leonardi: Sie liegen im zweistelligen, mittleren Millionenbereich, verteilt auf die Jahre 2009 und 2010.

Wie lange wird noch billiger Strom zur Verfügung stehen, um die Pumpspeicherkraftwerke zu füllen?

Leonardi: Am Wochenende und nachts wird der Strom sicher weiter da sein, und das ist ja normalerweise die Zeit, in der wir pumpen. In den nächsten fünf Jahren sehe ich kein Problem. Ein Problem kann es aber geben wegen der Abschaltung von älteren Kraftwerken. Unsere Nachbarländer haben genau das gleiche Problem wie wir.

Es ist also nicht sicher, dass wir immer den Strom haben werden, um Wasser hochzupumpen?

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Leonardi: Nein, das ist nicht sicher.

Ist das ein Grund mehr, um ein KKW zu bauen?

Leonardi: Kernkraftwerke brauchen wir ohnehin in unserem Land. Erstens gehen die älteren ausser Betrieb. Zweitens laufen die Langfristverträge mit Frankreich aus.

Wären die neuen Kernkraftwerke aber nicht auch dazu da, unsere Eigenart der Pumpspeicherkraftwerke zu sichern?

Leonardi: Selbstverständlich, das ist schon heute eine ihrer Aufgaben.

Dieses Modell steht in der Kritik. Manche finden, es sei nicht ökologisch, weil das Hochpumpen des Wassers mehr Strom verbrauche, als aus dem hochgepumpten Wasser wieder entsteht.

Leonardi: Aber was wäre die Alternative? Wir würden sehr teure Batterien benötigen. Doch die Schweiz hat bereits eine fantastische natürliche Batterie, um Leistungsausfälle zu kompensieren und die Netzstabilität zu garantieren. Die Alpen sind ein enormer Standortvorteil der Schweizer Strombranche - der auch vom Ausland geschätzt wird, denn europaweit gibt es zu wenige solche natürliche Batterien.

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