Die französische Regierung ist alarmiert. Es geht schliesslich um die Zukunft der nationalen Industrie-Ikone Alstom. Mit dem US-Mischkonzern General Electric (GE) und dem deutschen Konkurrenten Siemens haben gleich zwei Ausländer die Fühler ausgestreckt. Dabei zeigt sich: Der starke Einfluss der Regierung schwindet.

Denn obwohl Präsident François Hollande und sein Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg Siemens bevorzugen, hat Alstom GE als Favoriten auf den Schild gehoben.

Die Regierung konnte oder wollte anders als früher keine schweren Geschütze auffahren, obwohl sie ein grosser Alstom-Kunde ist. Statt grundsätzlicher strategischer Bedenken machte sie nur ihre «patriotische Besorgnis» um Arbeitsplätze geltend.

Regierung ruft Siemens auf den Plan

Alstom-Chef Patrick Kron selbst hat GE um ein Angebot gebeten - ohne Wissen der Politik. Als die Offerte der Amerikaner für die Energiesparte der Franzosen bekannt wurde, schäumte die Regierung und brachte Insidern zufolge Siemens ins Spiel.

Nach ein paar Tagen der verbalen Empörung sagte Wirtschaftsminister Montebourg, dass der Staat eine Übernahme nicht blockieren werde, wenn sein Einfluss auf das Atomgeschäft erhalten bliebe. Frankreich deckt rund 75 Prozent seines Energiebedarfs mit Hilfe von Atomkraftwerken.

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Sind solche strategischen Interessen berührt, hat der Staat seit 2005 das Recht, Firmenübernahmen zu verhindern. Das Spektrum reicht dabei von Verteidigung und Sicherheit bis hin zur Biotechnologie.

Industrieinterventionen floppen zunehmend

Sogar beim Lebensmittelkonzern Danone wurde damals argumentiert, dass er nicht in ausländische Hände geraten dürfe. Damals wurde befürchtet, der amerikanische Getränkeproduzent Pepsi könne sich Danone einverleiben.

2012 versprach Hollande Stahlarbeitern in einem vom Aus bedrohten Werk in Nordfrankreich Beistand - Eigentümer ArcelorMittal schloss es vor einem Jahr dennoch.

Vor ein paar Wochen musste die Regierung eine weitere Niederlage einstecken: Im Rennen um den Mobilfunkanbieters SFR des französischen Medienkonzerns Vivendi erhielt das Kabelunternehmen Numericable den Zuschlag. Der von der Regierung favorisierte Mischkonzern Bouygues ging leer aus.

Beschwichtigung durch GE

Im Fall Alstom nahm GE der Politik nun den Wind aus den Segeln und kündigte an, gemeinsam mit der französischen Regierung an einer Lösung arbeiten zu wollen, die «den Nuklearsektor schützen und die Exporte sichern» solle.

Und die Sorgen um Jobs in Frankreich versuchte GE-Chef Jeffrey Immelt ebenfalls zu zerstreuen: Er versprach, dass die Übernahme der Alstom-Energiesparte sogar zu mehr Beschäftigung im Land führen werde. Ausserdem sollten die Zentralen mehrerer Geschäftsfelder wie Wasserkraft oder Netze in Frankreich angesiedelt werden.

Die um Tausende Jobs besorgten Gewerkschaften drängten die Regierung in Paris unterdessen, den 29-Prozent-Anteil von Bouygues an Alstom zu übernehmen.

In Hollandes Umfeld wurde mit Verweis auf europäische Kartellregeln abgewinkt: Selbst wenn der Staat den Anteil übernehme, könnte er ihn nicht lange behalten, «weil die Europäische Kommission uns sagen würde, ihn wieder loszuwerden».

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Alstom mag Siemens nicht

Ein möglicher Erfolg des Engagements der Politik für Siemens im Tauziehen um Alstom wird zudem durch die Abneigung der beiden Unternehmen erschwert. Niemand im ganzen Alstom-Konzern, vom einfachen Arbeiter bis zum Konzernchef Kron, wolle den Deal mit den Deutschen, sagt ein Branchenexperte.

Alle erinnerten sich an das Jahr 2004, als der französische Konzern vom Staat gerettet werden musste - Siemens habe dies verhindern wollen.