Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat die Zukunft des Industriekonzerns Alstom zur Chefsache gemacht. Am Montag bat er die Konzernchefs von Siemens und General Electric (GE) zu Gesprächen in den Élyséepalast.

Vor zehn Jahren hatte die Regierung in Paris den Energie- und Bahnkonzern Alstom mit einer milliardenschweren Hilfe vor dem Konkurs gerettet - und damit auch eine Übernahme wichtiger Geschäftsfelder durch den deutschen Konkurrenten Siemens verhindert.

Erneute Schwierigkeiten

Heute steckt Alstom erneut in Schwierigkeiten - und wenn es nach der französischen Regierung geht, soll diesmal Siemens einspringen. Laut Medienberichten war die Regierung in Paris an den Münchner Konzern herangetreten und hatte ihn um ein Kaufangebot für Alstoms Energiesparte gebeten.

Damit reagierte die Regierung auf ein Angebot des US-amerikanischen Konzerns General Electric (GE). Dieser war vergangene Woche mit einer Milliarden-Offerte für die Energiesparte vorgeprescht, die drei Viertel des Geschäfts von Alstom ausmacht. Die genaue Höhe des Gebots ist nicht bekannt.

In Paris war man von den Akquisitionsplänen der Amerikaner wenig begeistert. Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg machte im Namen der Regierung «patriotische Besorgnis» geltend. Frankreich laufe Gefahr, ein wichtiges Entscheidungszentrum zu verlieren.

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Tauschgeschäft möglich

Siemens kündigte an, im Anschluss an das Treffen mit Hollande über ein konkretes Angebot für Alstom entscheiden zu wollen. Daran sollten am Abend Konzernchef Joe Kaeser und Aufsichtsratspräsident Gerhard Cromme teilnehmen.

Siemens soll bereit sein, Geschäfte im Schienenverkehr, wie den Bau von ICE-Zügen und Lokomotiven, an Alstom abzugeben, wenn es im Gegenzug das Energietechnik-Geschäft der Franzosen übernehmen könnte.

Nach einem rund einstündigen Treffen zwischen Hollande und GE-Chef Jeff Immelt hatte es am Vormittag zunächst keine Neuigkeiten gegeben. Immelt liess lediglich mitteilen, die Gespräche seien «offen, freundlich und produktiv» gewesen. GE verstehe und schätze Hollandes Sichtweise und sei bereit, zusammenzuarbeiten.

Noch immer vom Staat abhängig

Nach der Rettungsaktion im Jahre 2004 musste Alstom rund 8500 Arbeitsplätze abbauen und zahlreiche Aktivitäten abstossen. Seit 2006 ist der französische Staat kein Aktionär mehr bei Alstom, doch der Konzern ist stark von staatlichen Aufträgen abhängig. Er stellt unter anderem die TGV-Hochgeschwindigkeitszüge für die Staatsbahn SNCF her und beliefert den Kraftwerksbetreiber EdF.

Die Regierung in Paris stellt sich auf den Standpunkt, dass eine ausländische Übernahme in einem strategischen Bereich wie dem Energiesektor ihrer Zustimmung bedarf. Dem Wirtschaftsministerium zufolge müssen Aktivitäten ausländischer Investoren, die die öffentliche Sicherheit und die Verteidigung betreffen, vorab genehmigt werden.

Nach Angaben der französischen Agentur für die Gründung von Unternehmen (APCE) ist eine Genehmigung des Wirtschaftsministeriums zudem notwendig, wenn ein Unternehmen mit Sitz ausserhalb der EU eine Niederlassung in Frankreich gründen will.

Wie viel Einfluss hat Hollande?

Experten schätzen den Handlungsspielraum der französischen Regierung gegenüber GE dennoch eher gering ein. Der Staat könne nur «verbalen Druck» ausüben, meinte der Wirtschaftsexperte Nicolas Bouzou vom Beratungsunternehmen Astéres. Mit den lauten Warnungen wolle die Regierung der Öffentlichkeit nur den Eindruck vermitteln, dass sie handle.

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«Der Staat kann nichts tun», stellte auch Marc Touati von der Beratungsfirma ACDEFI fest. Die Äusserungen von Montebourg seien reines «Marketing». Die einzige Alternative sei, eine Gegenangebot zu machen. Doch dazu sei der überschuldete französische Staat nicht in der Lage.

6500 Angestellte in der Schweiz

Alstom beschäftigt in der Schweiz über 6500 Personen. Die Schweiz ist für den französischen Konzern Alstom als Hauptsitz des Sektors Thermische Energie ein wichtiger Standort.

Der Geschäftsteil generiert nach Konzernangaben über 45 Prozent des Gesamtumsatzes. Hauptstandorte sind Baden, Birr, Oberentfelden und Neuhausen am Rheinfall. Unter anderem betreibt Alstom ein Forschungs- und Kompetenzzentrum in der Schweiz.

(sda/dbe)