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Energie
Alstom-Poker: Muskelspiele und ein kämpferischer Aargau

Aargauer Regierungsrat Hofmann, Alstom-Schweiz-Präsident Deiss, Alstom-Chef Kron.   Keystone

General Electric, Siemens – oder ein neues Szenario? Beim Machtkampf um den französischen Industriekonzern stehen im Aargau rund 15'000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Eine Momentaufnahme.

Von Volker Strohm
am 08.05.2014

Wer hat noch nicht? Wer will nochmal? Aus heiterem Himmel lancierte die japanische Wirtschaftszeitung «Nikkei» die einheimische Toshiba als neuen Namen im Gezerre um Alstom – zumindest für einen Bereich der seit Tagen umkämpften Energiesparte des französischen Industriekonzerns. Im Schnelldurchlauf tönt das so: 2,1 Milliarden Euro soll Toshiba für die Stromnetzsparte hinblättern wollen, deren 12,35 Milliarden Euro ist dem US-Konzern General Electric (GE) das gesamte Alstom-Energiegeschäft wert, Siemens will Einblick in die Bücher haben und bietet die Bahnsparte zum Tausch – und im Kanton Aargau geht das Gespenst des Jobabbaus um. Doch schön der Reihe nach.

Seit am 24. April erstmals Gerüchte über einen Alstom-Teilverkauf an GE die Runde machten, tauchen täglich neue Spekulationen, aber auch Fakten auf. Gesichert ist, dass der US-Konzern den Franzosen 12,35 Milliarden Euro für die Energiesparte bietet; in den Augen der französischen Regierung ist das zu wenig. Diese forderte das Management um GE-Chef Jeff Immelt auf, nachzubessern – und macht zudem kein Geheimnis daraus, dass man eigentlich lieber die deutsche Siemens als Vertragspartner sähe.

GE-Chef Immelt will Paris besänftigen

Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg findet ohnehin grundsätzlichen Szenario, das derzeit gezeichnet wird, kein Gefallen: «Die GE-Offerte ist kein Angebot einer Allianz, sondern einer Übernahme – ein Angebot, das zur dauerhaften Schwächung der verbleibenden Alstom-Transportsparte führen würde. Alle grossen Auftraggeber wie etwa die SNCF bestätigen das», gab Montebourg im Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zu Protokoll. «Siemens dagegen setzt auf eine Allianz im Transport unter französischer Führung und in der Energie unter deutscher Führung. Die Entscheidungszentren blieben in Frankreich.»

Diese Aussage wiederum überrascht deshalb, weil GE-Chef Immelt bereits versprochen hat, bei einer Übernahme der Alstom-Energiesparte die Zentralen mehrerer Geschäftsfelder wie Wasserkraft oder Netze im französischen Belfort anzusiedeln. Aussagen, die im Kanton Aargau grosse Ängste ausgelöst haben: Heute steht der Energie-Hauptsitz nämlich in Baden. Zusammen mit den Standorten Birr und Oberentfelden beschäftigt Alstom im Aargau 6400 Angestellte – und ist damit der grösste private Arbeitgeber des Kantons.

Kontakt zu Deiss und den Bundesbehörden

Für den Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann stehen aber weit mehr Arbeitsstellen auf dem Spiel: Zu den direkt betroffenen Angestellten müssten laut Berechnungen seines Departements Volkswirtschaft und Inneres (DVI) viele von einer allfälligen Standortverlagerung betroffene Zulieferbetriebe berücksichtigt werden, so dass Hofmann vergangenen Montag an einer Veranstaltung gemäss «Aargauer Zeitung» die Zahl von rund 15'000 potenziell gefährdeten Arbeitsplätzen in den Raum stellte. Hofmann steht in engem Kontakt mit Alstom-Schweiz-Präsident Joseph Deiss, aber auch den zuständigen Bundesbehörden, wie DVI-Sprecher Samuel Helbling gegenüber handelszeitung.ch bestätigt.

«Die Kantons- und Bundesbehörden setzen auf allen Ebenen alles daran, die Interessen des Standortes Schweiz beziehungsweise Aargau mit den vorteilhaften Standortbedingungen gegenüber Alstom oder allfälligen künftigen Eigentümern bestmöglich zu vertreten», gibt sich Helbling gleichermassen kämpferisch und zweckoptimistich: «Alstom Schweiz ist mit Produkten, Dienstleistungen sowie Entwicklungs- und Engineering-Kompetenzen hervorragend positioniert. Es ist davon auszugehen, dass auch ein neuer Eigentümer diese überzeugenden Stärken in allfällige Standortüberlegungen einbeziehen wird und entsprechend zu würdigen weiss.»

Standort Schweiz: Vor- oder Nachteil?

Helbling verweist in diesem Zusammenhang auf das Triple-A-Rating des Kantons Aargau – und weitere Vorteile: «Alstom Schweiz profitiert von einer hervorragenden Wirtschaftsstruktur sowie dem hier existierenden Energie-Cluster. Hinzu kommen ein gut funktionierender Arbeitsmarkt für Fachkräfte sowie die Nähe von weltweit renommierten Bildungs- und Forschungseinrichtungen, wie ETH und Uni Zürich oder das Paul Scherrer Institut im aargauischen Villigen.

Was den Arbeitsmarkt anbelangt, könnte ein künftiger Alstom-Eigentümer allerdings nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative durchaus auch die EU-Länder Frankreich oder Deutschland als Standortvorteil ins Feld führen. Oder wie es Politologe Michael Hermann im Interview mit handelszeitung.ch ausdrückte: «Die berechenbare Schweiz ist eine Wundertüte geworden».

Dafür, dass sich in Frankreich die Politik, allen voran Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg, überhaupt derart einmischt, gibt es einen einfachen Grund: Seit 2005 hat der Staat das Recht, Firmenübernahmen zu verhindern, sobald strategische Interessen tangiert sind. In diesem Fall geht es vor allem um das Geschäft mit Atomenergie, da die «Grande Nation» rund 75 Prozent ihres Energiebedarfs aus der AKW-Produktion bezieht.

Siemens wollte französische Staatshilfe verhindern

Alstom-Grosskunde Frankreich sieht eine nationale Industrie-Ikone bedroht, die weltweit über 90'000 Mitarbeitende zählt. Trotzdem scheint es so, als ob der Regierung von François Hollande der immer wieder unangenehme Nachbar Deutschland lieber sei als ein US-Gemischtwarenladen. Doch der Gegenwind bläst stark: Niemand im ganzen Alstom-Konzern, vom einfachen Arbeiter bis zum Konzernchef Patrick Kron, wolle einen Deal mit Siemens, heisst es in Paris – alle würden sich an das Jahr 2004 erinnern, als Alstom Staatshilfe benötigte und die Deutschen dies hatten verhindern wollten.

Siemens-Chef Joe Kaeser würde derzeit sogar so weit gehen, dass er den prestigeträchtigen ICE an die Franzosen opfert – mit anderen Worten: ein gegenseitiger Tausch von Bahn und Energiesparte ist sein Plan. Allerdings steckt der deutsche Technologiekonzern selbst im Umbau; von einer solchen Transaktion mit anschliessend kräfteraubender und kostspieliger Integration raten etliche Beobachter ab.

Statt um Alstom zu buhlen, sollte sich Siemens auf seine Neuausrichtung konzentrieren, heisst es. Gut möglich, dass Kaeser mit seinen Überlegungen gegenüber GE-Chef Immelt auch lediglich die Muskeln spielen liess. Und nicht mehr.  

Keine Dividende für Alstom-Aktionäre

Dass die Franzosen in der Bredouille stecken, wurde diese Woche deutlich: Das Nettoergebnis von Alstom sackte im per Ende März ausgelaufenen Geschäftsjahr 2013/14 um satte 28 Prozent ab – höhere Kosten für Restrukturierung und die Finanzierung wurden als Argumente ins Feld geführt. Und auch der markante Rückgang in den Auftragsbüchern führt dazu, dass die Alstom-Geschäftsleitung um Firmenchef Kron keine Dividende an die Aktionäre ausschütten will.

Für die Börse scheint ein Zusammenschluss so oder so ein positives Szenario: Seit dem Aufkeimen der Gerüchte am 24. April konnte die Alstom-Aktie zulegen – aber auch die Titel der beiden Konkurrenten General Electric und Siemens bewegten sich seitwärts. Und das ist keine Selbstverständlichkeit: Sehen Anleger in einem Übernahme-Szenario nämlich keinen Sinn, taucht für gewöhnlich die Aktie des potenziellen Käufers.

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