Noch vor einem Jahr wollte kaum ein Investor etwas von Europa wissen. Um keine andere Region auf der Welt machten die Investoren einen grösseren Bogen, ergab eine Umfrage von Merrill Lynch im November 2008. Selbst Europa-Aktienfondsmanagern fiel es damals schwer, an ihr Anlageuniversum zu glauben.

Ein Jahr später sieht es ganz anders aus: Europa zählt bei Investoren zu den attraktivsten Aktienmärkten der Welt. Eine Umfrage der Bank of America Merrill Lynch von Anfang Oktober hat ergeben, dass Fondsmanager nach den Schwellenländern keine andere Region so stark übergewichten wollen. «Europa steigt wie der Phönix aus der Asche», gibt sich Aktienstratege Gary Baker von der Bank of America Merrill Lynch überzeugt. Für die Europa-Euphorie gibt es drei Hauptgründe: Die Aktienbewertungen sind im internationalen Vergleich sehr günstig, europäische Unternehmen sind besonders zyklisch und profitieren daher stark vom Konjunkturaufschwung. Und: Die Börsen bieten nach den vergleichsweise starken Verlusten hohes Aufholpotenzial. Doch die Chancen und Risiken sind innerhalb des Kontinents sehr unterschiedlich.

Zyklische Branchen stützen jetzt

Zu jenen, die den «alten Kontinent» neu für sich entdeckt haben, gehört Christoph Riniker. «Seit etwa einem Monat raten wir, den Europa-Anteil im Aktienportefeuille überzugewichten», sagt der Aktienstratege der Privatbank Julius Bär. Im weltweiten Vergleich hält er Europa derzeit für die attraktivste Anlageregion. Und bei der Credit Suisse heisst es: «Unser Übergewicht gegenüber dem MSCI Welt beträgt aktuell 4 Prozentpunkte», sagt Anja Hochberg, Leiterin Investmentstrategie bei Credit Suisse Asset Management. Günstige Aktienbewertungen führen die meisten Profis als Erstes an, wenn sie nach den Gründen für ihre neue Europa-Vorliebe gefragt werden. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis des vergangenen Geschäftsjahres für den MSCI Europa beträgt aktuell 44, der US-amerikanische S&P 500 ist mit einem Wert von 50 teurer. Auch anhand des Kurs-Buchwert-Verhältnisses (KBV) ist der US-Markt teurer: Das KBV Europa-Index liegt dort bei 2,1, das des S&P 500 bei 2,4. Zudem macht die höhere Dividendenrendite europäische Aktien attraktiver als Papiere aus den USA oder Japan: Die zuletzt gezahlte Dividende pro Aktie, dividiert durch den aktuellen Kurs der Aktie, beträgt beim MSCI Europe aktuell 3,4%. Beim S&P 500 sind es nur 2,3% und beim japanischen Nikkei 225 rund 1,5%.Kommt hinzu, dass der europäische Aktienmarkt stärker von Konjunkturverläufen abhängt als sein US-Pendant. Das liegt daran, dass Unternehmen aus zyklischen Branchen wie Industrie, Grundstoffe und Energie am europäischen Markt einen grösseren Anteil haben. «Dadurch bietet der europäische Markt nun das grössere Aufholpotenzial.»

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Wachstum kommt von anderswo

Kritiker verweisen unterdessen auf die Wachstumsprognosen zu den Bruttoinlandprodukten: Für 2010 gehen die Volkswirte fast einstimmig davon aus, dass Europa den USA und Japan hinterherhinken wird. Das gilt auch für den Europa-Optimisten Riniker: Der Prognose seiner Bank zufolge wird das Bruttoinlandprodukt der Eurozone 2010 nur um 0,6% wachsen, Japan hingegen um 0,8% und das der USA um 0,9%. Wie passt das damit zusammen, dass Riniker und andere Investmentprofis Europa für die attraktivere Anlageregion halten? «Die Jahresbetrachtung der Prognosen ist irreführend», sagt Riniker. «Ein Blick auf die einzelnen Quartale zeigt, dass die USA und Japan ihren Vorsprung gegenüber Europa im 3. Quartal 2010 verlieren sollten.» Und Anja Hochberg von Credit Suisse fügt an: «Die Unternehmen in Europa sind sehr international ausgerichtet, daher sind die Daten der Absatzmärkte von höherer Bedeutung.»Die Hoffnungen sind deshalb hoch: Weitere 25% Wertzuwachs hält Fondsmanager Nigel Bolton von BlackRock in den kommenden sechs Monaten für möglich.

Im Norden scheint die Sonne

Der deutsche Aktienmarkt gilt innerhalb Europas als der grösste Favorit. «Wegen seiner Exportlastigkeit wird dieser Markt besonders vom Konjunkturaufschwung profitieren», sagt Riniker. «Zudem hat es dort keine Immobilienblase gegeben.»Auch Nordeuropa erscheint attraktiv. Einerseits haben die Börsen dort 2008 besonders stark gelitten, in Norwegen wegen des Einbruchs beim Ölpreis, in Schweden wegen des starken Osteuropa-Geschäfts der Finanzbranche. Dadurch ergibt sich nun ein hohes Aufwärtspotenzial. Norwegische Aktien sollten weiterhin von einem steigenden Ölpreis profitieren, die schwedische Wirtschaft ist exportstark.Und Osteuropa? In diesem Jahr gehören Russland, Lettland und Estland bislang zu den ertragreichsten Börsenplätzen des Kontinents. Doch was die Zukunft angeht, so driften die Meinungen der Profis sehr stark auseinander. Für Herbert Perus ist Osteuropa die attraktivste Anlageregion der Welt. Volkswirt Schilbe warnt dagegen: «Hohe Leistungsbilanzdefizite, geplatzte Immobilienblasen und hohe Kredite in Fremdwährungen bergen Risiken.»

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